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hingerichteter Graf schrieb am 22.10. 2026 um 23:23:44 Uhr über

Sisyphos-Fragment

Ein kurzer Ausschnitt aus einem antiken Drama, nur 42 Verse, überliefert nicht im Drama selbst sondern durch den skeptischen Philosophen Sextus Empiricus.

Um die Bedeutung zu verstehen, müssen wir einige Vorbemerkungen machen:
I.
Das antike Drama war nicht eine Form der säkularen Unterhaltung, sondern eine Art Gottesdienst zu Ehren des Gottes Dionysus, durchaus vergleichbar mit der Kirchenmusik von Bach oder jene vielen Gemälde und Statuen, die für die Kirche errichtet wurden.
Dionysus war dabei begleitet von übernatürlichen Kreaturen, halb Mensch, halb Ziege, den Satyren. Während die Tragödie -- wie Nietzsche uns lehrte -- eigentlich nur immer den durchleidenden Gott selbst zum Protagonisten hatte, der verschiedene Masken aufsetzte, gab es eine andere Kunstform.
II.
Während der Dionysien gab es den Brauch, immerzu vier Stücke auf einmal zu besuchen. Am ersten Tag waren es 4 Komödien, danach jeweils 3 Tragödien und ein sog. »Satyrenspiel« oder »Satyrspiel«.
Das Satyrspiel war eine Parodie der vorgeführten Stoffe. Ich glaube, man darf sich das durchaus vorstellen wie eine Art Ouvertüre der Stücke.
III.
Sisyphos ist bekannt dafür, dass er Götter und Menschen herausforderte, selbst den Tod mehrfach überlistete.

Das Sisyphos-Fragment stammt wohl aus einem solchen Satyrspiel, als Parodie des Sisyphos.

Jetzt zu den 42 Versen:
In diesen 42 Versen entwickelt der Ich-Erzähler, wahrscheinlich die Figur des Sisyphos in Rollenprosa, eine Theorie der Religion. Anfangs waren die Menschen Wilde gewesen, ohne Gesetze, und es galt das Recht des Stärkeren. Dann wurden Gesetze eingeführt und die Zivilisation erblühte. Doch um den Menschen Anlass zu geben, die Gesetze auch einzuhalten, wenn niemand sie kontrollierte, wurden die Götter erfunden. Die Götter sind also eine Art »noble Lüge« oder Fiktion, eine Konzession an das Zusammenleben.

Der Text hat drei Merkmale, die mir doch sehr viel zu denken gaben:
1.) Die Vermischung zwischen Götter und Gesetzen. Ich hätte so etwas für eine polytheistische Religion nicht erwartet. Die griechischen Götter handeln wie machtgeile Menschen; die Herren der Shinto-Schreine kümmern sich im Prinzip nicht um die Regeln des menschlichen Zusammenlebens etc. Ich hatte daher den Eindruck, die polytheistischen Götter seien nicht im Kern für Moral zuständig, sondern für andere Bedürfnisse. Etwas, das sich dann später mit den monotheistischen Gott änderte.
2.) Der Text liefert uns eine Ätiologie, aber keine positiven Argumente, die gegen die Existenz der Götter sprechen.
Der Text stellt radikal die Frage nach der Erkennbarkeit der Götter, wenn sie uns doch nur in der Funktion als »nützliche Fiktionen«, edle Lügen oder Wunschdenken entgegen treten; der Text gibt uns aber kein Antwort ob dort nicht etwas transzendentes sein könnte. Dazu müsste er Prämissen machen, die er nicht enthält.
Wenn man so will, der erste schriftliche Nachweis des genetischen Fehlschlusses.
3.) Das Bild des Naturzustandes...


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