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Holli schrieb am 1.9. 2001 um 12:50:33 Uhr über

Massaker

1000°C oder mehr.

So fühlte es sich zumindest an. Lange war es nicht mehr so heiß gewesen, und lange hatte er nicht mehr so stark den Drang dazu verspürt, sein Fett abzuwerfen, den sonnengebräunten, muskelgestählten Körper überzustreifen und sich den jungen Schönheiten zu widmen, die im Wasser des Freibades nur sehnsüchtigst auf ihn warteten.
Wieder ging eine dieser Schönheiten an ihm vorbei. Sie hatte langes, etwas zerzaustes, blondes Haar, und trug ein so eng sitzendes Top, dass sie es auch gleich zu Gunsten der Belüftung hätte weglassen können. Das für ihn schärfste war jedoch der dunkelblaue Minirock, welcher wie üblich so kurz war, dass man beinahe den Slip sehen konnte, aber dann doch wieder so lang, dass es eben nicht zu genaueren Einblicken in die weibliche Anatomie kommen konnte.
Roland hasste die Frauen dafür. Sie zeigten sich ihm immer von der aufreizendsten Seite, gerade als hätte er ein Schild auf dem Bauch, auf dem geschrieben stand: „ Verarscht mich bitte, liebe Frauen! Ich bin 16, dick, einsam, hatte noch nie eine Beziehung und wünsche mir durch Miniröcke und Tangaslips zu Tode gefoltert zu werden.
Er hatte noch nie Glück in solchen Sachen gehabt. Wenn sich Mädchen überhaupt dazu herabließen, sich mit Roland abzugeben, dann nur aus rein freundschaftlichem Interesse. Freundinnen hatte er einige. Nur eine Frau fehlte ihm, ein Mädchen, für das er leben durfte, ein Mädchen, dem er all seine Liebe schenken würde, und das diese dann auch erwiderte. Das alles kotzte ihn so an!
Wahrscheinlich hätte er sich auch längst umgebracht, wäre er nicht dummerweise zu feige dazu. Er hatte sich über all die Jahre, in denen seine sogenannten Freunde aufregende Liebesabenteuer erlebten, immer eine gewisse Resthoffnung bewahren können, die ihn vom Pulsaderschnitt oder Fenstersprung abhielt. Das war, wie er fand, eine enorme Leistung, und hätte seiner Meinung nach mindestens mit einer Neve Campbel belohnt werden müssen. Er wusste, er hatte sie verdient, doch ihm war leider auch bekannt, dass eigentlich niemand das bekam, was ihm zustand. Dafür sorgte schon dieser sadistische, von allen Christen dennoch verehrte Gott. Dumme Proleten mit fahrbaren Schwanzprothesen waren die Sieger dieser Welt. Besitz und Status lösten das Naturgesetz der besseren Gene ab. Frauen suchten nicht mehr den Partner, der sie glücklich machen würde. Ihre Aufmerksamkeit galt den Reichen, Schönen und Angesehenen dieser Gesellschaft. Geistige Überlegenheit durfte sich nicht mal zu den sekundären Auswahlkriterien zählen.
Roland stellte sich oft vor, die Frauen gingen bei der Partnersuche nach dem IQ. In dieser Wunschrealität war er, der Roland, ein Playboy, ein Bitch-layer ... der große Boss. Wie auch immer man es nennen würde, seine Vorstellung blieb ein Wunschtraum und würde niemals real. Hier, mitten in diesem Sommerszenario war er nicht DER Roland, sondern nur irgend ein kleiner fetter Roland, der den Mädchen vermutlich nicht einmal negativ auffiel. Er war sich sicher, kein weibliches Geschöpf außerhalb seiner „Mädchenfreundschaften“ würde wissen, dass er existierte, und keine Einzige würde es kümmern, wäre er plötzlich nicht mehr da. Niemanden würde sein Fehlen interessieren.
Weder seinen Freunden, noch seinen Eltern - so glaubte erlag wirklich was an ihm. Das brachte in schließlich auch an den Ort, an dem er nun saß und überlegte. Wie schnell man doch von einem Thema auf das nächste wechseln konnte, dachte er. Eben noch in größter Schwärmerei für Miniröcke, lange Haare, Mädchen in nassen Bikinis, Sex, Liebe und so weiter, und nun wieder im tiefsten Selbstmitleid.
Er schüttelte seinen Kopf, als wollte er die überflüssigen Gedanken abschütteln. Es war an der Zeit, sich voll auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dazu war er hergekommen, und deshalb sollte er nun endlich zur Tat schreiten. Die Idee dazu kam Roland einen Tag zuvor völlig überraschend in den Sinn, obwohl er doch auf jenen Einfall täglich unbewusst vorbereitet war. Er konnte nicht länger weglaufen. Die Resthoffnung musste endlich als utopisches Wunschdenken beiseite gelegt werden. Für ihn gab es keine zufriedenstellende Zukunft.

...

Sein Herz hämmerte, das Adrenalin vernebelte ihm die Sinne. Seine Hände zitterten und Schweiß lief ihm die Stirn herab. Das Leben würde sich in wenigen Sekunden in eine Einbahnstraße verwandeln, aus der unmöglich werden würde, rückwärts herauszukommen. Noch ein letzter Atemzug, und er zog seine Waffe, eine 45er Halbautomatik, geladen mit einem Magazin aus 26 Kugeln. Das matt-schwarze Metall des Laufes schien jeden auftreffenden Sonnenstrahl zu verschlucken und kündigte mit seiner Präsenz die gerechte Strafe Gottes an. In der Tat fühlte sich Roland in diesen Sekunden wie ein Gott, wie DER Gott. Das Leben der Menschen um ihn herum lag in seiner Hand. Binnen kürzester Zeit breitete sich Panik über die Einkaufspassage aus und bewegte die Menschen , welche noch Minuten zuvor nichtsahnend ihren Einkäufen nachgingen, dazu, hysterisch zu kreischen und um Gnade zu winseln. Er liebte dieses Gefühl. Er wusste nun, wofür er all die Jahre lebte und litt. Allein für diesen Moment! Der erste Schuss löste sich. Die Kugel suchte unaufhaltsam nach dem ersten „Verurteilten“ und streckte ihn nieder, als sie in seinen Brustkorb eintrat.
Fünf weitere Schüsse richteten nun einen jungen Kahlköpfigen, der offensichtlich der Rechtenszene entstammte. 3 Weitere trafen auf einen Anzugträger und verteilten sein Blut auf die weiße Fassade eines Schuhgeschäftes.
Roland verspürte eine Macht, die so intensiv war, dass er glaubte, in einen Rausch zu verfallen. ER WAR DER RICHTER ÜBER LEBEN UND TOD! Vielmehr noch, ER WAR DER TOD !!!
Wild schoss er um sich und schenkte 4 weiteren Menschen die erlösende Ruhe. Er fand, sie sollten ihm dankbar sein, hatte er ihnen doch die unnötige Last des Lebens genommen. Sicher würden sie ihm auf der anderen Seite ihre Dankbarkeit verkünden.
Eine unheilvolle Stille hatte nun den Platz der panischen Schreie eingenommen. Blicke trafen Roland. Fragende , vorwurfsvolle Bliche derer, die das Massaker unbeschadet überlebten. Es fühlte sich so gut an. Endlich wurde Roland gesehen, ja sogar in irgendeiner form geachtet, respektiert, gefürchtet. Sein Ziel schien erreicht, teilweise erreicht, denn seine eigene Erlösung wartete noch auf ihn.
Er öffnete den Mund und schob langsam den Pistolenlauf hinein. Eine Mutter drückte ihr Kind an sich und verdeckte ihm die Augen mit ihrer Hand. Die Einkaufspassage fiel in eine totale Starre. Niemand bewegte sich, kein Atemzug, kein Geräusch entwich den noch lebenden Passanten, die nun alle fasziniert und erschrocken auf Roland starrten. Der Finger am Abzug bewegte sich, schob sich immer weiter in Richtung Zündung und setzte schließlich die Explosion in Gang, welche die Kugel beschleunigte. Nummer 26 wanderte durch den Lauf in die Mundhöhle. Sie zerschlug den Schädelknochen das erste mal und bahnte sich den weg durch das Gehirn. Unzählige Äderchen rissen. Blut füllte das Loch, welches die Kugel hinter sich zurückließ, bis sie ein zweites Mal den Schädel durchschlug und nach draußen entwich.
Roland sackte zu Boden. Seinen Augen entwich das Leben und zurück blieb ein leerer Blick.
Sein Mund hatte ein letztes Mal ein grinsen geformt, welches durch das ausströmende Blut jedoch nicht sonderlich zu erkennen war. Der Schädel schlug auf den Boden auf, das Herz vollendete seinen letzten Schlag. Roland war tot. Sein Blut verteilte sich in einer großen Pfütze über den Boden und vermischte sich mit dem seiner Opfer. Die Rillen zwischen den Pflastersteinen des Weges bildeten kleine Kanäle, in denen winzige Blutflüsse ihren Weg bergabwärts gingen. Sirenen ertönten, Krankenwagen erreichten das Gelände ... Den nächsten Tag erschienen landesweit Zeitungs- und Fernsehberichte. Jeder wusste nun, wer Roland war.

Erst nach seinem Tod hatte er es geschafft, endlich zu existieren.




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