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Felciatello schrieb am 11.3. 2001 um 17:56:00 Uhr über

Musenlust

Heidelberg-Weststadt
Muse, Musebrot, Müßiggang
In welcher Straße der Weststadt läßt es sich am angenehmsten wohnen, wo stehen die eindrucksvollsten, schönsten Häuser, wo ist die grünalternative, linksliberale Szene am homogensten ?

Schwer zu sagen, denn so vielfältig wie die Baustile dieses im späten neunzehnten Jahrhundert und vorallem um die Jahrhundertwende entstandenen »besseren« Wohnviertels sind, so vielfältig dürfte auch der soziale Status seiner Bewohner sein.

Sicher ist dies der Stadtteil in Heidelberg mit den meisten Stimmen für die Grünen, die hier bei Wahlen die einfache Mehrheit haben, es gibt aber auch viel kleine Leute in Altbauwohnungen die noch eine Gemeinschaftstoilette im Treppenhaus haben, Häuser die in Blockbauweise ganze Straßenzüge füllen. Hier versteht man, weshalb die Weststadt auch als Musebrotviertel bezeichnet wird, oder besser wurde. Im Sinne eines Wohnquartiers in dem viele kleine Beamte oder sonstige Kleinbürger wohnen oder gewohnt haben, die sich angeblich viel von selbsthergestellter und deshalb billiger Marmelade (vulgo: Mus) ernährt haben sollen.

Der Grund weshalb dieser Stadtteil jedoch vorallem bei der zuerst genannten Szene so beliebt ist, sind die immer noch eindrucksvollen Villen mit großen Gärten, oder andere großzügige Häuser mit mehreren wunderbaren Altbauwohnungen, die heute leider oft zweckentfremdet werden. Beispielsweise von vielen Anwaltskanzleien ( die Gerichte sind in der Bahnhofstraße, die den Stadtteil zur Innenstadt hin begrenzt) oder auch Behörden oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen wie der Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer prächtigen Villa mit großem Park in der Häusserstraße.

Viel akademische Müßiggänger, ernsthafte Wissenschaftler, Lehrer, ergraute ehemalige Alternative und jetzige Bonvivants der früheren 68er
Szene, oder auch verbissene Grüne fühlen sich zu diesen bürgerlichen bis großbürgerlichen Häusern und Wohnungen hingezogen.

Deren Baustile reichen von echtem Jugendstil, über Neobarock, Neoklassizismus, Neorenaissance, Fachwerk usw., bis zum Neubau der Synagoge in der Häusserstraße, der entfernt an Richard Meyers Architektur erinnert.
Eine besonders eindrucksvolle Mischung der zumeist historisierenden Baustile ist in der relativ kurzen Goethestraße zu finden, die jedoch gerade unter der Mächtigkeit eines Teils des Synagogenkomplexes, der hier angrenzt, leidet.
Wer sich Zeit nimmt (45 min.) und Muse hat, kann sich einen komprimierten Eindruck von der Vielfältigkeit und dem Reiz der Weststadt verschaffen, indem er vom südlichen Ende der Sofienstraße aus durch die Gaisbergstraße bis zur Dantestraße, dann nach Westen über die laute Hauptverkehrsader Rohrbacherstraße b i s und dann Richtung Norden d u r c h die Häusserstraße bis zur Bahnhofstraße geht, schlendert, wandelt.

Er wird dann den nahen Wald riechen können, in manchen Gärten Feigenbäume und andere exotische Pflanzen sehen, an vielen Fassaden Jugendstilornamente, manchen alten gußeiserenen oder hölzernen Balkon, wunderschöne Erker und vieles mehr aus einer anderen Zeit entdecken und trotzdem durch kein Museum gehen, sondern durch einen lebendigen Stadtteil.





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