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wuming schrieb am 26.6. 2006 um 21:43:25 Uhr über

Empfehlung



Waren das noch Zeiten, als Schriftsteller mit dem Bergwerk oder dem Fließband das wahre Leben zum Thema ihrer Bücher machen wollten: in der DDR auf dem Bitterfelder Weg und im Westen im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt.

Und heute? Wer arbeitet schon noch in der Produktion? Wen interessiert die Produktion? Literatur der Arbeitswelt, das ist heute ein Buch wie Kathrin Rögglas »Wir schlafen nicht«, dessen Akteure mit dem Computer leben und von »content« und Kommunikation bestimmt sind. Oder die Romane Ernst-Wilhelm Händlers, in denen die Helden hoch qualifiziert sind und über die Schicksale ganzer Firmen entscheiden. Die Arbeit hat sich verändert - und obwohl die Berufstätigen noch immer die Mehrzahl der Bevölkerung stellen, ist Arbeit zu haben heute nicht mehr selbstverständlich.

Kein Wunder, dass nun langsam die Arbeitslosen in die Literatur kommen. Wilhelm Genazinos Schuhtester in »Ein Regenschirm für diesen Tag« hat zwar eine Beschäftigung, aber sie entspricht nicht seiner Qualifikation: Mit Luxusschuhen probeweise durch die Stadt zu laufen ist kein Beruf. Der Held in Jakobs Heins neuem Buch »Herr Jensen steigt aus« hat fast zehn Jahre in seinem Studentenjob als Postbote verharrt. Die Entlassung stürzt ihn in die Verzweiflung und führt am Ende in die Verweigerung gegenüber der Bundesagentur für Arbeit, die ihm nur Qualifizierungsmaßnahmen, aber keine Arbeit vermitteln kann.

Denn eigentlichen Roman zur Zeit hat Joachim Zelter geschrieben. Er beschönigt nichts. Er lässt es nicht zu, die Ursache für Arbeitslosigkeit in persönlichen Unzulänglichkeiten zu sehen. Er nimmt das Heer der Arbeitslosen als gesellschaftliche Masse, mit der keiner mehr irgendetwas anzufangen weiß.

Zelter erzählt vom planmäßigen Versuch der Bundesagentur für Arbeit, große Gruppen von Arbeitslosen aus der Statistik zu holen, indem sie zur Qualifizierung geschickt werden - in eine »Schule der Arbeitslosen«, wie auch das Buch heißt. Und obwohl sein Buch im Jahr 2016 angesiedelt ist, wirkt es der Realität bedrohlich nahe. Ja, es kann beim Lesen einen ähnlichen Effekt haben wie vor Jahren Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« oder George Orwells »1984«. Denn so gespenstisch Zelters Szenario sein mag, es hat seinen dicken wahren Kern.

Der promovierte Anglist Zelter, 1962 in Freiburg geboren, veröffentlicht seit 1997 seine Erzählungen und Romane im Zwei-Jahres-Rhythmus. Sie greifen Zustände und Lebensweisen der Gegenwart auf; Zelter gibt ihn aber gern einen Dreh ins Absurde. Die »Schule der Arbeitslosen« ist thematisch sein brisantestes Buch und auch stilistisch sein bestes.

Mit trügerischer Nüchternheit führt Zelter in die Handlung ein. Eine Gruppe von Menschen bekommt vom Jobcenter als letzte Chance die Aufforderung, sich auf eine dreimonatige Qualifizierungsmaßnahme zu begeben, in eine Schule der Arbeitslosen. Diese ist militärisch streng organisiert. Die Schüler, Trainees genannt, sind in Teams und auf verschiedene Häuser aufgeteilt, die mehr oder weniger bedeutungsvolle Namen tragen, »Apollo« zum Beispiel, aber auch »Hartz«. Der Tagesablauf ist streng geregelt, vom Lautsprecher-Weckruf über den Unterricht, die Aufnahme von Nahrung aus Automaten bis hin zu einem NachmittagsschläfchenPower Napping«), das die Schüler bekleidet auf ihren Betten (nicht unter der Bettdecke!) hinter sich bringen dürfen. Abgesehen von gelegentlichen Handy-Telefonaten werden den Arbeitslosen keine individuellen Bedürfnisse zugestanden. Joachim Zelter begreift sein Personal als Masse. Schließlich kann man bereits heute die allmonatliche Arbeitslosen-Statistik nicht anders als ein abstraktes Zahlenspiel wahrnehmen.

Zur Handlungszeit des Buches gibt es keine offizielle Statistik mehr. Die Schüler mutmaßen, ob es sechs Millionen sind oder schon acht oder gar zehn. Das ist für einige sogar mit einer Hoffnung verbunden: »An einer solchen Zahl kann niemand vorbeisehen. Nicht einmal der Bundespräsident. Zehn Millionen! Das ist keine Minderheit mehr, sondern bald die Mehrheit. Gegen eine Mehrheit können sie nicht angehen

Aber es ist nicht so, dass sich diese Mehrheit irgendwie organisieren würde. Im Buch genauso wenig wie im Leben. Im Buch sind die Arbeitslosen ganz gut beaufsichtigt, was sehr an Orwells »1984« erinnert. Nicht nur dieses Wiedererkennen, auch so manche Losung in der Schule lässt einem Schauer den Rücken hinunter laufen. »Work is freedom« heißt es da, was an die Auschwitz-Parole »Arbeit macht frei« erinnert. Die Käfighaltung der Trainees auf dem Schulgelände hat natürlich etwas Faschistoides. In der Diktion der Lehrer arbeiten die Schüler sogar, denn das Finden einer möglichen freien Stelle wird »Sucharbeit« genannt. So sollen sie Todesanzeigen studieren, um Hinweise auf die Arbeitsstelle des Verstorbenen zu finden und sich dann dort bewerben - bevor die Stelle ausgeschrieben werden kann.

Bewerbungstraining ist das Hauptfach der Schule; im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Lebenslauf. Hier kommt es nicht auf Wahrhaftigkeit an, sondern auf Überzeugungskraft. Deshalb werden alle Lücken gefüllt und Schwachstellen ausgebessert. Lebenslauf-Schreiben ist »angewandte Literatur«, sagt der aalglatte Dozent. Zwei Schüler, ein Mann und eine Frau, die schamlos die als Belohnung gedachte Weekend-Suite als Ort zum Unterhalten ausgenutzt haben, werden denn auch durch zusätzliches »biografisches Arbeiten« bestraft. Aber dann kommt alles noch viel schlimmer. Im Stakkato führt Joachim Zelter die Schüler einem Ziel zu, das ihnen zwar keine Arbeit, der Statistik aber dauerhafte Entlastung bringt.

Wer den Roman liest, weiß, dass irgendwann der Pillenknick die Situation verändert. Nicht umsonst dürfen sich die heute Vierzigjährigen an den Gedanken gewöhnen, bis 67 zu arbeiten, wenn sie nicht zwischenzeitlich mit 45 als zu alt aussortiert werden. Also sieht es im Jahre 2016 doch hoffentlich viel friedlicher aus als in Zelters Buch. Aber es sollte ja auch keine Handlungsanweisung sein, nur ein Roman. Als solcher ist er heute beängstigend aktuell.




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