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Ole schrieb am 4.3. 2004 um 17:35:54 Uhr über

Grabräuber

Der wahre Run auf die ägyptischen Antiquitäten brach im Zeitalter der Kolonialisierung aus. Von 1798 bis 1801 schickte Napoleon 167 Gelehrte los, das alte Ägypten zu erforschen. Sie veröffentlichten ihre Erkenntnisse schrittweise bis 1828. In Ägypten gab es ein Eldorado voller mumifizierter edler Wilder zu entdecken. Goldgeschmückte Mumien waren Zeugen ihrer mysteriösen Vergangenheit und jagten jedem Leser einen wohligen Schauer über den Rücken. Man hatte es offensichtlich mit einer Hochkultur zu tun. Sogar ein Schriftsystem war von diesen lang verstorbenen Menschen entwickelt worden. Merkwürdige Hieroglyphen fanden sich, die erst ab 1822 mit dem Stein von Rosette entschlüsselt werden konnten. Hier gab es eine Welt voller verborgener Geheimnisse zu entdecken.


Touristen-Boom in Ägypten

Jeder, der es sich leisten konnte, zog nun als Tourist nach Ägypten. Lokale Händler fanden dankbare Abnehmer für ihre geplünderten Grabbeilagen in all denjenigen, die sich nicht selbst mit Schaufel und Spitzhacke auf die Suche machen wollten. Der Grabraub wurde erneut zu einem lukrativen Geschäft. Von den Touristen musste niemand ohne Andenken zurück in die Heimat. Der sich in dieser Zeit neu entwickelnde Rationalismus, gepaart mit kolonialistischer Arroganz, ließ jeglichen Pietismus ersterben. Die Mumie wurde zum Party-Gag.


Mumien als Party-Gag

Das Auswickeln von Mumien wurde im 19. Jahrhundert zum angesagtesten Party-Gag. Lord Londesborough imponierte 1850 in London seinen Gästen mit einem Dinner, dessen Höhepunkt das Auswickeln einer ägyptischen Mumie »at half-past two« bildete.
Auch der Hohenzollernprinz Friedrich-Karl legte 1883 in seinem Jagdschloss eine von seiner Ägypten-Reise mitgebrachte Mumie auf den Billardtisch. Unter großer Spannung wurde sie ausgepackt, doch die anwesenden Gäste zeigten sich enttäuscht. Es fand sich nämlich weder ein Amulett, noch ein Schmuckgegenstand oder wenigstens eine Papyrusrolle am Leib der Leiche. Die Sensation verflog schnell. Es geht das Gerücht, die enttäuschende Leiche sei im Kamin verfeuert worden. Die Kartonagehülle wurde als wertvoller eingestuft und dem ägyptischen Museum in Berlin übergeben.


Grabraub oder Wissenschaft?



Die Wissenschaft galt als gültige Rechtfertigung für die Entfernung der Leichen aus ihrer letzten Ruhestätte und die genaue anatomische Untersuchung als Grund für das Auspacken der Leichen. Diese Haltung zog sich über das gesamte 20. Jahrhundert bis heute hinweg. Kritikern stellen die Frage, was die Wissenschaftler von profanen Grabräubern unterscheidet. Pietät ist für beide kein Kriterium.

Friede ihrer Seele

Die technische Entwicklung trägt mehr und mehr zu einem Kompromiss zwischen dem Willen zum Wissen und dem Respekt vor den Toten bei. Nicht-invasive Techniken wie die Computertomographie in Kombination mit bildgebenden Verfahren ermöglichen heute eine dreidimensionale Rekonstruktion des Mumieninhalts. Auch für Untersuchungen wie die Haaranalyse, die DNS-Analyse oder die Radiokarbonmethode wird immer häufiger auf das Auspacken und Zerstören der Mumien verzichtet. Mithilfe von Endoskopen und Biopsie-Instrumenten lassen sich die notwendigen Proben entnehmen, ohne die kunstvoll verpackte Leiche gleich zerstören zu müssen. Ein Forscherteam um die französische Historikerin Françoise Dunand machte einen entscheidenen Schritt: Nach der Untersuchung von etwa 60 Sandmumien in der ägyptischen Felsennekropole von Dusch legten sie die Toten wieder an ihre letzte Ruhestätte zurück.





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