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okieH schrieb am 20.9. 1999 um 22:10:26 Uhr über

Jahrtausendwende

Also: ob es wirklich etwas fundamental Neues unter der ’digitalen Sonnegibt, das sich eben nicht in einer linearen Projektion auf die Bildschirmwelten erschöpft: der Bildschirm als (virtuelle) Seite, als Schreibtischoberfläche mit Schubladen, Radiergummi, Stiften, Scheren, Büchern, Notizzettelchen, Adreß- und Telefonbüchern, Telefon, Stereoanlage, TV ...
Eine Addition solcher Desktop-Objekte nebst multimedialen Erweiterungen und Konnektionen allein stellt keinesfalls einen Paradigmenwechsel in der Wissensverarbeitung dar!
Ich sitze nach wie vor an einem Schreibtisch und führe äquivalente Operationen durch in einer funktionalen Modellwelt:
Ich blättere (am Bildschirm) in Büchern, lege Lesezeichen an, folge Querverweisen, blättere vor und zurück, öffne Texte, Bücher, Kataloge oder suche in Index-Verzeichnissen, Lexikas oder Enzyklopädien ...
Aber das tun doch Gelehrte schon seit tausenden von Jahren.
Dabei haben sie eine zeittlang beim Lesen die Lippen nicht bewegt, sie haben versucht, jenseits von Aufschreibesystemen zu denken - und auch denHorror des Vergessens’ (der vielleicht heute einemHorror des Speicherns’, dem Wahnsinn der totalen Aufzeichnung in einer Art Speichermanie der Systeme und Subjekte, des Mitschreibens von allen Operationen, Daten- und Geldtransferns im Netz im Sinne einer »Kontrollgesellschaft« (Deleuze) allein mit mentalen Operationen zu begegnen und zu bannen - so wie etwa in den antiken Rhetoriken der Ars Memoria.
Und vielleicht waren ja diese Mnemotechniken weitaus radikaler (in welchem Sinne?) und auch effektiver als die Operationen und Funktionsweisen von Buch- oder Desktopmetaphern. Sie operieren nämlich keinesfalls linear im zweidemensionalen Raum oder rein nach der alphabetischen Ordnung, sondern immerhin schon in einem Gedächtnisraum; der Prozeß desLadenseiner Rede mittels eines mnemotechnischen Backups aus einer Ars Memoria-Darei vollzieht sich z.B. dadurch, daß der Benutzer ein Haus, möglicherweise sogar sein Haus betritt, von der Vorhalle durch die Zimmer und Etagen schreitet - hier haben wir Anklänge an einePoetik des Raumes’ wie sie auch noch in den Bezeichnungen der ’home-pagesmitschwingen. Ein Retrieval komplexerer Rede-Strukturen gewinnt der User durch das systematische Abschreiten von Erinnerungsplätzen in (s)einer Stadt. Für Flanieren, Abschweifen etc. ist auch hier in den klassischen Modellen leider kein Raum. Es geht - trotz der Schönheit und Skurilität einiger Beispiele für Erinnerungsorte, die uns heute vielleicht ebenso fremd erscheinen wie dadaistische Anleitungen zur produktion von Gedichten nach permutativen Verfahren (?) in den Rhetoriken der klassischen Ars Memoria um eine reine Funktionalität des Speicherns - deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß die Entwickler von Computer-Oberflächen sich an solchen visuellen Mnemotechniken orientiert haben ((MIT-->Simonides)).
Nach diesem Schnelldurchlauf durch einige Stationen kultureller Speicher- und Interface-entwicklungen möchte ich meine Frage folgendermaßen zuspitzen:
Welche neuen Interface-Metaphern und Projektionen können wir jenseits von »WINDOWS« entwickeln?



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