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solarschule schrieb am 19.2. 2003 um 03:13:52 Uhr über

Kollateratschäden

schen Zielen instrumentaäsiert. Den Akteuren ist aber klar, dass es nicht endlos so weitergehen kann.
So kann gerade die ausufemde modernste Form der kapitalistischen Reichtumsmehrung nicht dauern, sondern untergräbt sich selbst. Sie ist ein Wettlauf mit der Zeit. Irgendwann können die Armen aufwachen und sparen nicht mehr. Das Prinzip wurde in der Offenbarung des Johannes schon formuliert: »Der Teufel kommt zu euch hinab [... ], und er weiß, dass er wenig Zeit hat .«61 Der Aufruhr kam noch in jeder extremen Reichtumsgesellschaft, selbst wenn am Ende nur das profitierende Personal ausgetauscht wurde. Weit )der Teufel< das weiß und ein Ende vor sich sieht - meist im Unterschied zu den Armen, die kein Ende ihrer Armut absehen -, muss er im Prinzip zu jedem Verbrechen bereit sein, da er mit Frieden, Rechtsstaat und den >Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns(, die immer noch in den Ehrenkodexen der Industrie- und Handelskammern ihr fossites Dasein haben, m Konffie geraten muss.
So ist es reichlich naiv, wenn heute wie von der Bundesregierung in ihrem Bericht gesagt wird, »dass Reichtum wichtige Funktionen in unserer Gesellschaft im ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich hat6' Wichtige Funktionen - ja, aber welche genau? Wichtig, das besagt alles und nichts. Damit sagt die Regierung in wichtig scheinenden Worten, dass sie erstens (scheinbar) keine Stellung bezieht und dass sie zweitens aber die von ihr selbst unausgesprochenen Funktionen des Reichtums befürwortet. Das ist der Unterschied zum frühbürgerlichen Liberalismus: kein Unterschied in der Sache, aber verquast in abstrakter Sprache.
Differenzierter und offener äußert sich Niklas Luhmann (1927-1998): Das Geseltschaftssystem nach dem Modell der Bienenfabel sei »als moralisches Paradox nur noch schockierend, in der Sache selbst aber harmlos und ordnungsfähig«. 16 Moral ist ein abschmetzender Residualposten. Dass Dauerkorruption und Reichtumskriege mit ihren >Kollateratschäden< harmlos und ordnungsfähig sind, ist mit einem (scheinbar) inhattsteeren Systembegriff gewiss denkbar. Danach ist ja alles eine Ordnung, was

64 1 Offenbarung des Johannes (Apokolypse) 12,12
65 1 VgL. Fußnote 2
66 1 Niktas Luhmann: 1)ie Wirtschaft der Geseltschaft, Frankfurt/Main
1994, S. 156

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eine gewisse Zeit irgendwie funktioniert. Damit bringt Luhmann
die postmoratische Globaüsierung auf ihren Systembegriff.
Reichtum als relative Unabhängigkeit von Natur- und Geselt- Gemeinscha
schaftskatastrophen ist Voraussetzung dauerhafter Menschen- Licher Reicht
würde, wenn wir Menschen denn schon allein auf der Welt sind
und es kein >besseres Jenseits( gibt. Aber es gibt ein Jenseits des
natürlich und historisch unmittelbar Gegebenen - in der Moral.
Und es gibt ein Jenseits etwa der heute vorherrschenden Praxen
von >Fressen, Ficken und Fusionieren< - in der freien Assozia-
tion, die auch die Assoziation oder Gemeinschaft der Freien ist.
Was in der europäischen Aufklärung einmal )Glücksetigkeit( hieß
und auch anders genannt werden kann, hat )Reichtum( als eine
Voraussetzung. »Es kann sogar in gewissem Betracht Pflicht sein,
für seine Glückseligkeit zu sorgen; teils weit sie (wozu Geschick-
Uchkeit, Gesundheit, Reichtum gehört) Mittel zur Erfüllung sei-
ner Pflicht enthält, teils weil der Mangel derselben (z. B. Armut)
Versuchungen enthält, seine Pflicht zu übertreten.«"'
In diesem von der (Welt-)Gemeinschaft der Freien selbst ver-
antworteten diesseitigen Jenseits hat allerdings Reichtum eine
solche Gestalt, wie sie von Kant gemeint ist. Reichtum kann und
muss auch individuell sein, aber vor allem muss er gemeinschaft-
lich sein.68 Kein Individuum, das nicht Eigentümer in relevanter
Form, also reich ist, kann Mensch im jeweils möglichen Sinne
werden. Dies wiederum ist nur möglich, wenn es eine mit den
dafür notwendigen Instrumenten bewaffnete, gesellschaftliche
Eigentumsordnung gibt. Das hat die bisherige Geschichte der
Armut und des Reichtums gezeigt.
Ebenfalls hat diese Geschichte gezeigt, dass im Allgemeinen Humanisier
und Abstrakten für die Humanisierung und Reichtumsbildung Gewatt
die Anwendung von Gewalt notwendig und sinnvoll ist. Die bür-
gerlichen Revolutionen zur Etablierung der kapitalistischen
Reichtumsdemokratien, auf denen wir heute fußen, sind dafür

ein beachtenswertes Beispiel. Freilich hat sich nicht zuletzt in ihrem Verfolg die Gewalt der Reichen gegen die Armen umgewendet. Diese Gewalt hatte und hat weltweit viele Formen. Die

67 1 Immanuet Kant: Kritik der praktischen Vernunft, Werke, Bd. 7, Frankfurt/Main 2 1977 S. 217 68 1 Vgt. Jörg Stadtinger: Reichtum und Individuum. Übertegungen zu einem philosophischen Reichturnsbegriff, in: ders. (Hg.), Reichtum heute, Münster 2001, S. 289

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