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Roman Biewer schrieb am 26.2. 2003 um 13:34:22 Uhr über

Möse

„Demystifying Music“ – eine Frechheit von Roman Biewer

Musikfans, die herausstreichen wollen, dass sie dies etwas passionierter sind als etwa die Klientel vonDeutschland sucht den Superstar“, unterscheiden gerne zwischenehrlicherund „unehrlicher“ Musik. Nur was genau meinen sie damit? Lügen Alexander, Juliette und Daniel etwa, wenn siewe have a dream“ trällern? Sagt Eric Adams, der Lead-Sänger von Maowar ist, die Wahrheit, wenn erwe alone are fighting for metal that is truesingt? Sicher nicht! Als Beispiel dafür, wieehrlichMusik doch sein kann, wird immer wieder der gute alte RocknRoll genannt. Wobei der Begriff synonym zu Heavy Metal, Rock oder zu weitestgehend handgemachter Musik verwendet wird. Da aber selbst Brian Adams oder auch Bon Jovi handgemachte, sogar dem RocknRoll gar nicht so ganz ferne Musik machen, diese andererseits an Vorhersehbarkeit und kommerziellen Kalkül kaum zu überbieten ist, muss wohl etwas anderes gemeint sein. Richtig: Gemeint ist handgemachte Musik, die nicht zum Zwecke der Bereicherung, sondern ausschließlich aus künstlerisch motiviertem Ausdrückenmüssen (gemeint sind hier nicht etwa Pickel, sondern seelische Tiefen) heraus entstanden ist. Jetzt bin ich mir aber gar nicht mal so unsicher, das man nicht sogar den immer wieder zum „ehrlichsten Musiker aller Zeitenernannten Lemmy Kilminster, Bassist und Sänger von Motörhead, im richtigen Augenblick bei folgendem bzw. sinngemäß ähnlichem Gespräch mit seinem Manager hätte belauschen können:

- Du Lemmy, wir müssen echt mal schauen, was wir mit der nächsten Platte machen, jedenfalls läuft diese hier echt schlecht, und wir müssen echt den Arsch wieder hochkriegen, sonst interessiert sich irgenwann kein Schwein mehr für uns, weißt du?“

- Hey klar Mann, war haltn Experiment, piss dir nicht gleich in die Hose. Ich habschon gemerkt, nach was die Leute abends verlangen. Die Sachen für die neue Scheibe gehen echt wieder nach vorne, fast so wie Ace of Spades oder Iron Fist.


- Das wollte ich nur von dir hören, Alter, ich hab’ volles Vertrauen zu dir. Wie wärs, wenn ich mal den Coverzeichner von früher anrufe, dass er uns vielleicht wieder so was macht, ich meine, du siehst ja auch, wie die Leute auf dieses Monster stehen, ist halt echt ein Markenzeichen von Motörhead.

- Ich hasse das Vieh mittlerweile echt, ich wüsste gerne mal, was das mit unserer Musik zu tun hat. Aber ist halt Marketing, Mann, davon verstehe ich eh nichts. Wenns die Fans glücklich macht, hau rein, Alter!

Da es offenbar noch nicht jeder weiß, sage ich es hier einfach mal: Jeder Künstler, der als solcher auf dem heutigen Markt überleben will, macht sich Gedanken darüber, wie er das tun kann! Jeder auch nur irgendwie bekannte Musiker agiert kommerziell! Was also ist ehrliche Musik? Geht es etwa um spieltechnische Versiertheit? Ein Narr, wer tatsächlich glaubt, die instrumentalen Parts eines einfachen Chartliedes seien einfacher als etwa die einer Metalband, oder etwa die Musiker seien schlechter. In beiden Bereichen sind die Standards hoch, wenn man sich in hohen Verkaufsrängen behaupten will. Ginge es danach, sollte man tatsächlich ausschließlich Jazz und Klassik hören, denn hier sind die Intrumental- und Gesangsleistungen in der Tat am erstaunlichsten.

Ich habe einen ganz anderen Verdacht, warum für abertausende von Musikfans ausgerechnet eine nicht definierbareEhrlichkeitGrundlage für die Wahl ihrer Lieblingsbands ist: Musik ist nun mal längst nicht mehr mehr oder weniger schön aneinandergereihte Töne, sondern in erster Linie ein Instrumentarium zur Persönlichkeitsdefinition. All die Mädchen finden doch nur die „interessanten“ Typen toll, und all die Typen mögen doch nur Mädchen, dieirgendwie einen ganz eigenen Stilhaben. Genau genommen sind das aber immer die, die eigentlich genauso aussehen wie man selbst. „Vielleicht denkt die/der ja genauso wie ich“, denkt man dann. Jeder will natürlich gemocht werden, und nichts schafft die Illusion von Individualität bei gleichzeitiger Gruppenzugehörigkeit besser als das klare Bekenntnis zu irgendeiner Musikrichtung, die vielleicht vor 20 Jahren malwenn überhaupteine ganz bestimmte Aussage hatte. Übrigens: Rock oder etwa Heavy Metal hatte diese Aussage nie: Diese Musikrichtungen entstanden ausschließlich aus bereits etablierten Musikrichtungen, die ihren politischen Phasen längst entwachsen waren. Merke: In einer Welt, in der inzwischen jeder erdenklicher Stil dieser Erde von der Modewelt alsTrendentdeckt worden ist, gibt es auch keinen authentischen Punk oder ehrlichen Rock mehr, woraus nach den Gesetzen der Logik auch resultiert, dass es überhaupt keinen Grund dafür gibt, etwa Popmusik zu verabscheuen. Außer diesen einen vielleicht: Wenn sie einem schlicht und einfach nicht gefällt, muss man sie sich natürlich auch nicht anhören.
Warum also endlich mal folgenden Unsinn nicht mehr sagen:
- Also Motörhead sind meine Lieblingsband, weil die echt schon seit 25 Jahren ehrliche Musik machen.
- Madonna ist echt was anderes, weil die es echt ehrlich meint.
- Von mir aus können die so gut sein wie sie wollen, so einen Boygroupscheiß höre ich mir aus Prinzip nicht an.

Warum nicht mal selbst ehrlich sein:
- Irgendwie mag ich Black Crowes, obwohl ich Guns’nRoses nicht mag und es mir eigentlich viel lieber wäre, wenn die Leute mich für einen Punk halten würden, weil die auf mich wirken, als könnten die ficken wie die Schweine, und langhaarige Rocker natürlich out sind.
- Wenn ich in Musikvideos Menschen sehe, die ich sexuell anziehend finde, dann führt das unweigerlich dazu, dass mein Geschmack auch dem Lied selbst etwas aufgeschlossener wird. Obwohl mich trotzdem ärgert, dass ich damit genauso reagiere, wie die Macher sich das wünschen.
- Warum soll es so unwahrscheinlich sein, dass die bestbezahltesten Songwriter und Produzenten Talent haben und tatsächlich richtig gute Lieder zustande bringen? Freilich gefällt mir nicht, dass da einige Leute ganz schön viel Geld verdienen, während dies andere nicht tun, aber muss deshalb auch das Lied schlecht sein? Ich bekenne mich dazu, auch ein Chartlied mitunter brillant zu finden.
- Zu Musik gehört auch immer ein bisschen Mystik, eine Sagenwelt, an die ich glaube. Ich möchte glauben, dass Punk in der Garage aufgenommen wird, und dass die Typen alle aus der Gosse stammen, weil dann das Musikhören noch ein bisschen mehr Spaß macht.



P.S.: Natürlich kann man all diese Gedanken noch viel weiter treiben, mich einen Besserwisser nennen und behaupten, dass es ein völlig milieufreies Gut- oder Schlechtfinden gar nicht geben kann, dass selbst der emanziperteste Musikhörer dieses oder jenes auch nur mag, weil er in seiner Kindheit oder Jugend vielleicht diese oder jene Prägung erfahren hat. Ich halte das sogar für wahrscheinlich, und trotzdem glaube ich, dass intensive Beschäftigung mit Musik, allem voran eigenes Musizieren kein schlechtes Gegengift ist.



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