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Pferdschaf schrieb am 4.12. 2012 um 00:40:11 Uhr über

Wahlverwandtschaften

Wir hatten alles verspielt und verloren: das Reich, den guten Namen unseres Landes und auch ein Gutteil der persönlichen Integrität; hier bot sich eine Chance, ein wenig eigene Würde, ein wenig Männlichkeit oder Courage zu bezeugen und deutlich zu machen, dass wir nach allem, was man uns vorhielt, nicht auch noch feige waren.
Falsch wäre es zu glauben, dass sich die führenden Leute, wenn sie sich selten genug trafen, mit ihren Untaten gebrüstet hätten. Im Prozess wurden wir zwar mit den Chefs einer Mafia verglichen. Ich erinnerte mich an Filme, in denen die Bosse der legendären Gangs im Smoking zusammensassen, sich über Mord und Macht unterhielten, Intrigen spannen, Coups ausheckten.
Doch diese Atmosphäre von Dunkelmännertum, Hinterstube und Verschwörung war von der unseren weit entfernt.
Das eigentlich Verbrecherische blieb in allen persönlichen Beziehungen immer ausgeklammert. Unter den Angeklagten des Ärtzeprozesses sehe ich manchmal Karl Brandt. Ihn vor dem Todesurteil Hitlers zu retten, war einer der Gründe, deretwegen ich im April 1945 noch einmal in das brennende Berlin zurückgeflogen war. Heute winkte er mir im Vorbeigehen traurig zu. Ich hörte, dass er wegen der medizinischen Versuche an Menschen schwer belastet ist. Mit Brandt habe ich oft zusammen gesessen, wir haben uns über Hitler unterhalten, uns über Göring lustig gemacht, wir ärgerten uns über das Sybaritentum um Hitler, über die vielen Parteiparasiten: niemals aber hätte er mir über seine Tätigkeit Auskunft gegeben. So wenig wie ich ihm je offenbart hätte, dass wir an Raketen arbeiteten, die London in Schutt und Asche legen sollten. Selbst wenn wir von den eigenen Toten sprachen, redeten wir nur von Ausfällen und waren überhaupt gross im Erfinden euphemistischer Ersatzvokabeln.
Es ist seltsam, sich wieder in einem grossen, mit richtigen Möbeln ausgestatteten Raum zu befinden.
Sonderbarerweise stärkt er das Selbstbewusstsein. Während ich mechanisch dem prozessrechtlichen Frage- und Antwortspiel zwischen Anklage und Verteidigung folge, überlege ich, wieviel an Lebenskraft das Bürgertum aus dem Dekor der Welt bezog.
Ich muss wieder daran denken, dass es natürlich auch auf der Gegenseite zahlreiche Kriegsverbrechen gegeben hat. Aber man kann und darf sie, wie ich fest glaube, nicht zur Rechtfertigung der Verbrechen auf der eigenen Seite benutzen. Verbrechen sind überhaupt nicht aufrechnungsfähig. Überdies ist der Charakter der NS-Verbrechen aussergewöhnlich gegenüber allem, was auf der Gegenseite vorliegen mag.
Selbst Göring wandte sich irritiert zu Raeder und Jodl, nachdem der KZ-Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höss, seine umfangreiche Aussage beendet hatte: »Wenn doch nur das verdammte Auschwitz nicht wäre ! Das hat uns Himmler eingebrockt ! Ohne Auschwitz könnten wir uns richtig verteidigen. So ist uns jede Möglichkeit verbaut.«
Um zwei Uhr schliesst Charles Roques von der französischen Mannschaft alle Zellen auf: »Handschuhe und Strümpfe liegen auf dem TischSie sind nach einigen Wochen repariert aus dem Frauengefängnis zurückgekommen. Alle wühlen in dem Haufen.
Als alle wieder in ihre Zellen zurückgekehrt sind, gehe ich zum Tisch. Es sind keine Strümpfe mehr da. Offenbar hat sich wieder einmal Hess eingedeckt. Im vorigen Monat wurden bei ihm zwanzig Paar gefunden.
Was passiert schon ?
Ist es erwähnenswert, dass Dönitz seinen Lieblingsbesen hat und böse wird, wenn ein anderer ihn benutzt ? Lohnt es sich festzuhalten, dass wir seit Jahren in genau der gleichen Abfolge die Halle fegen -zuerst Schirach und ich die Seiten, er immer von rechts, ich immer von links, nach der Mitte zu, während Dönitz sich dann die Mitte vornimmt ? Dass anschliessend die von Dönitz zusammengefegten Haufen von Funk und Hess aufgenommen werden ? Hess mit Eimer und Schaufel kommt, Funk immer den Besen hat ?
Längst haben wir uns daran gewöhnt, lebendes Inventar eines Panoptikums zu sein. Gästen, die man auszeichnen möchte, führt man ein paar alte Männer in ihren Zellen vor: »Das ist der Admiral…! Das ist der Architekt…!«
Schon vor Wochen hatten die Direktoren die Vorführung von Mozarts Don Giovanni genehmigt. Aber als es so weit war, kam die hübsche Margret hinzu und protestierte: »Das ist eine Liebesoper, und alles, was mit Liebe zu tun hat, ist den Gefangenen nicht gestattet !« Die Gefängnisverwaltung schickte als Ersatz die Neunte Sinfonie von Beethoven. Mir war jedoch die Freude, jener schöne Götterfunken, verdorben.
»Vielleicht sind ringsum überall unverstandene wirklich grösste Helden, dieauch Allergrauigstes als unbedeutende Nebenerscheinung gut sein lassen und belachen. Vielleicht, bevor Handwerk und Kleinstadt wieder blühen können, muss es zunächst so etwas wie Schwefel regnen, ihre nächste Blüte will vielleicht Völker, die durch Höllen gegangen sind


Albert Speer, Spandauer Tagebücher



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