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Dennis schrieb am 9.6. 2003 um 00:34:53 Uhr über

TanzDerDerwische

Europas letzte Derwische




Der Tomorr ist einer der höchsten Gipfel Südalbaniens. Hier sind noch
Falken heimisch und Wölfe. Es herrscht eine heilige Stille in dieser
abgeschiedenen Gegend. Doch unten auf der Passhöhe des Kulmak lärmen
Tausende, die aus dem ganzen Land zu Fuß, auf Maultieren, mit dem
Lastwagen oder Jeep hierher gekommen sind. Männer mit geschulterten
Lämmern stapfen den steinigen Weg hoch. Sie haben die Tiere bei einem
der Schäfer gekauft, die sich an der Straße zum Pass niedergelassen haben.
Hunderte von Lämmern werden Ende August hier oben geschlachtet. Vier
Tage lang dauert das Fest, das die Bektaschi jedes Jahr auf dem Tomorr
feiern.



Hadschi Bektasch war ein Derwisch, ein islamischer Mystiker, und lebte im
13. Jahrhundert in Zentralanatolien unweit von Ankara. Dass seine
Anhänger heute vor allem in Albanien zu finden sind, hat mit den
Aufständen der Janitscharen zu tun. 1826 zerschlug Sultan Mahmud der II.
die Elite-Truppen des Osmanischen Reiches, die zu einer Herausforderung
für das Imperium geworden waren. Die Bektaschi, die bei den Janitscharen
stark verankert waren, sahen sich nun harten Verfolgungen ausgesetzt und
flüchteten vorwiegend nach Albanien, damals ein Randgebiet des Reiches.
Als Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, dann 1925 sämtliche
Derwisch-Orden verbot, verlegten die Bektaschi ihre Zentrale nach Tirana.
In der Tekke, eine Art Kloster oder Gebetshaus, hat der Groß-Dede, das
Oberhaupt aller Bektaschi, seinen Sitz.

Doch nun sitzt Haxhi Rexhat Bardi, der Groß-Dede, auf dem Teppich der
kleinen Tekke auf dem Kulmak-Pass. Vor dem Gebetshaus warten Leute,
die von ihm einen Rat erwarten. Schon der lange, graue Bart verleiht dem
65-jährigen Mann die Würde eines Weisen. In seiner Hirka, dem weißen
knöchellangen Rock, über dem er einen grünen Überwurf trägt, und mit
dem weißen Taxh, der hohen weißen Kopfbedeckung, die in ihrem unteren
Teil mit einem grünen Turban zusammengehalten wird, wirkt er inmitten all
dieser Bauern mit ihren grobleinigen Hemden und dicken Hosen wie ein
Wesen aus einer andern Welt. Ein Heiliger ist er für die Bektaschi nicht,
aber eine Art Märtyrer schon. Zehn Jahre lang, 1958 bis 1968, hat er unter
der stalinistischen Diktatur von Enver Hoxha in Lagerhaft gesessen. Sein
einziges Verbrechen: Er war damals schon Baba, wie die Angehörigen des
oberen Klerus, die Vorsteher einer Bektaschi-Gemeinde sind, genannt
werden. Und wie alle, die aus politischen oder weltanschaulichen Gründen
im Gefängnis oder im Lager waren, wurde auch er nach seiner Freilassung
für den Rest des Lebens zu Zwangsarbeit verpflichtet. Doch 1991 fiel das
Regime zusammen, und so waren es denn nur 23 Jahre, die er vorwiegend
im Straßenbau und in Steinbrüchen Schwerstarbeit geleistet hat.

Die Bektaschi sind eine der vier großen Glaubensgemeinschaften
Albaniens. Man gehört ihr in der Regel einfach über die familiäre Bindung
an. Es gibt heute keine verlässliche Statistik über die Stärke der
Religionsgemeinschaften im ärmsten Land Europas, dessen Bürger nicht
besonders religiös sind und es auch nicht waren, bevor Enver Hoxha 1967
die Kirchen, Moscheen und Tekke zerstörte oder in Gebäude zu profanen
Zwecken umwandelte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren
vermutlich über fünfzehn Prozent der Albaner Bektaschi, d.h. etwa ein
Viertel aller Muslime, die siebzig Prozent der Bevölkerung ausmachten.
Etwa zwanzig Prozent waren orthodox und zehn Prozent katholisch. Wie
alle mystischen Ausprägungen des Islam, ist auch für die Bektaschiyya die
innere Gottessuche wichtiger als die Befolgung der Scharia, des islamischen
Gesetzes. Bei den »Muhabet«, den Versammlungen in der Tekke, auf denen
der Baba den Gläubigen die Doktrin der Gemeinschaft erklärt, sitzen Frauen
und Männer durcheinander. Es wird diskutiert und auch Raki, albanischer
Weinbrand, getrunken. Andererseits gibt es in der Bektaschiyya eine klare
hierarchische Struktur. Der Weg vom einfachen Mitglied über den »Muhib«
(arabisch für »Freund«), den »Derwisch« (persisch für »Armer«) zum »Baba«
(türkisch für »Vater«) und »Dede« (türkisch für »Großvater«) ist mit
Wartezeiten und religiösen Zeremonien gepflastert.




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