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Meine Geschichte begann im Jahr 2002. Ich war als Prokurist eines mittelständigen Unternehmens in Nürnberg beschäftigt. Mein Einkommen war nicht schlecht, ich hatte einen Firmenwagen und auch die Arbeitszeiten waren geregelt. Dennoch wollte ich mich beruflich verändern. Es sollte eine Arbeit sein, die mehr Abwechslung bringt. Das dauernde im Büro sitzen ging mir auf den Nerv. Nach fast 10 Jahren wurde alles zur Routine. So beschloss ich, diesen Zustand zu ändern.
Als ich wieder einmal im Internet surfte, kam ich auf die Stellenanzeige einer Versicherung. Irgendwie fand ich den Beruf des Versicherungsvertreters ganz interessant. Eine Mischung aus Büro- und Außendienst, die Selbstständigkeit, der Kontakt zum Kunden und die angeblichen Verdienstmöglichkeiten klangen verlockend. Ich entschloss mich, bei dieser Gesellschaft zu bewerben. Schon bald bekam ich einen Vorstellungstermin. Alles verlief glatt und der Filialdirektor bot mir eine Stelle an. Ich war erst mal überrascht, dass alles so reibungslos verlief, aber dann verließ mich der Mut. Ich sagte wieder ab.
Ein Jahr später nahm ich dann noch einmal Anlauf. Entweder ich tue es jetzt, oder nie.
Wieder bewarb ich mich bei der gleichen Gesellschaft von der ich einen guten Eindruck hatte. Ich traf mich mit dem gleichen Filialdirektor, der mir umgehend eine Versicherungsagentur anbot. Beim zweiten Gespräch besprachen wir dann die Details. Ich war Quereinsteiger und hatte bis dahin keine Ahnung von Povisionen, Beständen, Zielplänen usw. Dennoch, es klang alles ganz einleuchtend. Ich sollte einen Bestand in Höhe von 315.000 € bekommen. Aus diesem Bestand berichtete er mir, würde ich alleine für die Betreuung der Kunden bereits 30.000 € im Jahr erhalten. Da die Bestandsprovisionen ja in unterschiedlichen Höhen ausbezahlt würden und ich auch Abschlussprovisionen erhalte, würde er mir einen monatlichen Vorschuss von 4.000 € auszahlen. Ich müsse lediglich 1.500€ Abschlüsse pro Monat machen. Sollte ich die von der Gesellschaft durch den Zielplan vorgegebenen Zahlen erreichen, würde ich noch viel mehr verdienen.
Na, dass war doch super. Endlich konnte ich meiner alten Firma den Rücken kehren. Ich nahm das Angebot an. Ich kündigte meine Stelle zum 31.12.2003 und fing am 01.01.2004 bei der Versicherung an.
Erst einmal war Schule angesagt. Die Gesellschaft betreibt ein eigenes Schulungszentrum und wir, die Mitarbeiter waren ganz angetan von der Ausbildung und dem Seminarhotel. Es war alles vorhanden, Swimmingpool, Fitnessraum, Tischtennisraum, schöne Einzelzimmer. Was wollte man mehr.
In den ersten drei Monaten erhielten wir zudem noch eine Garantieprovision, sodass wir nichts ins Verrechnen bringen mussten. Blockweise gingen wir in den Unterricht, in der restlichen Zeit waren wir beim Kunden unterwegs. Voll Elan warf ich mich in die Arbeit. Es machte mir Spaß Kunden zu besuchen und zu beraten. Doch ich merkte schnell, dass das gar nicht so einfach war, neue Abschlüsse zu machen. Die Kunden waren erst einmal misstrauisch und wollten sich erst einmal einen Eindruck vom Neuen verschaffen. Bemerkungen, wie: „ Na schon wieder ein Neuer“, oder „mal schauen wie lange sie dabei sind“, verwunderten mich nicht. Klar, nicht jeder ist so gut wie ich und ich werde die Stellung schon halten dachte ich mir. Nach einiger Zeit bemerkte ich auch, dass immer mehr Kunden zu einer anderen Versicherung wechselten. Die Kunden erzählten mir dann auch warum. Mein Vorgänger wurde nach 20 Jahren entlassen. Die Kunden vertrauten ihm und verließen somit auch die Gesellschaft. Nach seiner Entlassung hatten sich scheinbar schon mehrere Vertreter an meinem Bestand versucht. Scheinbar alle erfolglos. So musste es mir ja nicht gehen. Ich war optimistisch und versuchte es weiter. Auch nach der Ankündigung meines Vorgängers: „ich sollte mir lieber eine andere Gesellschaft suchen, da ich bald keinen Bestand mehr hätte“, ließen mich nicht aufgeben. Irgendwie konnte ich meinen Vorgänger auch verstehen. Er hatte mir erklärt, dass er unbegründet entlassen wurde. Interne Intrigen hatten dazu geführt ihn zu entlassen. Ich glaubte ihm das. Nicht umsonst gingen so viele Kunden zu ihm. Innerhalb kürzester Zeit hatte er mir 60.000 € Bestand abgeluchst.
Ich sprach meinen Verkaufleiter, als auch meinen Filialdirektor darauf an. Beide beschwichtigten die ganze Sache und selbst wollte man ja auch weitermachen. Ich war immer noch positiv zu dieser Arbeit eingestellt, obwohl meine Verkaufszahlen noch nicht so toll waren.
Im Juli hatte mein Agenturkonto einen Sollstand von –7.000 €. Ich prüfte die Zahlen und stellte fest, dass die Bestandsprovision nicht mit dem übereinstimmten, was mein Filialdirektor mir bei meiner Einstellung versprochen hatte. Ich bat schriftlich um einen Termin, um die Sache zu bereinigen. Das Gespräch fand dann im August statt.
Mein Filialdirektor sah, dass hier was im Argen ist und versprach mir Hilfe. Die Zeit verging und auf meine Nachfragen was jetzt Sache ist, hieß es immer nur: „Ich bin dabei einen Lösung zu finden und sage ihnen noch Bescheid“. Da ich in diesem Geschäft neu war und ich auch nicht gleich als aufmüpfig erscheinen wollte, wartete ich ab.
Auf unserer Weihnachtsfeier 2004 (Saldostand bereits –16.000€) teilte er mir dann mit, eine Regelung gefunden zu haben und wir sollten uns im neuen Jahr zusammen setzten.
Aufgrund meiner Schulungen wurde es dann Februar bis wir einen Termin hatte.
Die Gesellschaft bot mir an, 3.000€ meines Sollstandes zu streichen. Mein Filialdirektor fand dies äußerst großzügig. ich sagte ihm, dass ich seine Bemühungen zu schätzten weiß, er aber auch sehen muss, das ich nicht wie versprochen 2.500€ im Monat Bestandsprovision hatte, sondern gerade mal 1.040€. Nach kurzem hin und her, versprach er mir, sich dafür ein zusetzten, dass ich mehr Bestand bekommen würde. Ich unterschrieb nichts und ging von dannen. Wieder begann das gleiche Spiel. Warten, das endlich Antwort kommt. Nachfragen wurden immer mit: „Ich bin dabei eine Regelung zu finden“, beantwortet. Irgendwann im August war es dann soweit. Ich bekam 100.000€ mehr Bestand. Agenturkonto zu diesem Zeitpunkt ca. –25.000€. Irgendwie hatte ich die Schnauze voll. Ich bat um eine weitere Besprechung, um den Sollstand, den ich zum geringsten Teil zu verantworten hatte, noch einmal zu besprechen. Wieder trafen wir uns. Diesmal in einer Raststätte. Ich forderte meinen Filialdirektor auf, den Sollstand auszubuchen. Eine Auflistung, die ich ihm gemacht hatte zeigte klar, dass der Sollstand auf den fehlenden Bestand zurückzuführen ist. Er versuchte zwar mir den schwarzen Peter unter zuschieben und meinte, dass meine Zahlen ja auch nicht so toll wären. Er begründete damit auch den Sollstandes meines Agenturkontos. Das konnte ich nicht so stehen lassen. Denn hätte ich die versprochene Bestandsprovision bekommen, wäre Mehrumsatz bei mir als Gewinn verbucht worden. So muss ich damit die Differenzen zu seinen Versprechungen ausgleichen. Nach einigem hin und her einigten wir uns, dass er es noch einmal versucht einen Ausgleich von der Gesellschaft zu bekommen. Mir war klar, dass einzig und allein er für den versprochenen Bestand verantwortlich ist und nicht die Gesellschaft. Also sollte er auch schauen, dass er eine Lösung findet.
Es vergingen wieder einige Wochen, bis mir die neue Vereinbarung vorgestellt wurde. Jetzt sollte ich vierteljährlich einen Zuschuss von 3.000€ zur Verrechnung meines Agentursaldos bekommen. Diese Vereinbarung wurde an die Zielerfüllung der von der Gesellschaft geforderten Ziele gekoppelt. Erst bei einer Zielerfüllung von 100% würden dann die Beträge verrechnet. Mein Saldo war jetzt bei ca. 36.000€. Ich sollte Ihre Bedingungen erfüllen, damit sie ihr verschuldetes Minus ausgleichen. Da konnte ich nur staunen. Was ist das für eine Masche, mit denen die Mitarbeiter bearbeitet werden? Nachdem ich jetzt endgültig die Schnauze voll hatte, teilte ich meinem Filialdirektor meine Kündigung mit.
Dieser entgegnete am Ende meiner Kündigung nur: „dass es dann wohl Probleme bei mir mit der Rückzahlung geben würde.“ Worauf ich ihm nur sagen konnte, dass er sich darauf verlassen könnte.
Ich habe versucht das Erlebte möglichst kurz zu fassen. Ich wollte aufzeigen, was mir als freier Handelsvertreter bei einer namhaften Versicherung passiert ist. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige bin, dem es so ergangen ist. Gespräche mit Kollegen zeigen, wie häufig sich Vermittler in so einer Lage befinden. Für manche ist dies der Untergang. Schulden in dieser Höhe, oder seien sie auch geringer sind für mich nicht dienlich, den Beruf anständig auszuüben und meine Kunden objektiv zu beraten. Ich finde es fast schon kriminell, wie meine Gesellschaft hier verfahren hat. Der Beruf des Ausschließlichkeitsvermittlers ist anstrengend und schwierig genug. Die Probleme die auf diesen Berufstand in der Zukunft noch zukommen, machen die Sache noch schwieriger. Wenn einen dann die eigene Gesellschaft noch betrügt, sehe ich keine andere Lösung als auszusteigen.
Ich bin froh, dass mein Kontakt zu Vermittlern der eigenen Gesellschaft und der zu anderen Gesellschaften sehr gut ist. Hier bekomme ich auch Bestärkung meinen Weg zu gehen.
Doch ich weiß auch, dass der Beruf des Vermittlers ein Job ist, bei dem man sehr auf sich selbst gestellt ist.
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