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Auch ich wurde gemobbt. Vier lange Jahre. Auf Schlimmste Weise.
Angefangen hat es in der fünften Klasse. Der wahrscheinliche Auslöser des Mobbings war wohl die Behauptung einer Klassenkameradin, ich würde Mädchen begrabschen, was für mich völlig unverständlich war, weil ich nicht wusste, wie sie darauf kommt. Dies erwies sich später als gelogen. Die Schülerin hatte sich das Ganze ausgedacht und sich trotzdem später bei mir entschuldigt. Seit dem Zeitpunkt lag etwas Unangenehmes in der Luft. Mein Ansehen verschwand von Tag zu Tag. Schüler gingen mir aus dem Weg. Und eine andere Schülerin wollte mich extrem niedermachen. Die Situation eskalierte. Häufige Konflikte entstanden, die sie dem Rest der Klasse erzählte. Alle zusammen machten sich über mich lustig. Diese Schülerin wurde zu Gruppenleaderin der Mobbergruppe.
Als Gruppenleader hat man schon einige Privilegien. Man darf jeden anmachen und bekommt noch Unterstützung, man kann nicht angegriffen werden, ohne dass ein Haufen von Schülern auf den Angreifer losgeht. Bei mir war es das Gleiche. Die Konflikte wurden immer heftiger. Mit der Zeit bekam ich das Gefühl, dass die ganze Welt hinter mir her ist. Der Klassenlehrer hat nichts bemerkt. Stattdessen hat meine Mutter als Elternvertreterin dafür gesorgt, dass die Beratungslehrerin die Klasse aufsucht und mit ihr Gespräche führt. In einem großen Stuhlkreis wurden die Problem besprochen: „Alex macht dieses.“, „Alex macht jenes.“ Fast jeder aus der Klasse erzählte irgendwelche Situationen, in denen ich schlecht dastand. Schließlich kamen die ganze Klasse, die Beratungslehrerin und der Klassenlehrer zu dem Schluss, dass ich mein Verhalten ändern sollte.
Ab diesem Punkte wusste ich, dass hier irgendwas nicht stimmt. Ich habe versucht mein Verhalten zu ändern, doch irgendwie hat es nichts gebracht. Nein, im Gegenteil. Die Situation wurde immer schlimmer. Langsam fing das Lästern hinter meinem Rücken an, manchmal wurde ich geschlagen. Auch Gerüchte wurden verbreitet. Die Nachbarklassen haben natürlich auch was mitbekommen und hatten sofort ein falsches Bild von mir – obwohl sie mich gar nicht kannten. Der Klassenlehrer hatte eigentlich ganz gute Ideen. Feedbacktraining zum Beispiel. Doch bei der Umsetzung scheiterte er. Die Sitzordnung wurde immer missachtet. Wenn mir durch das Los ein Platz zugewiesen wurde, habe ich mich dahingesetzt und gewartet, bis jemand auf den Nachbarsplatz kam. Doch wenn man gesehen hatte, neben mir sitzen zu müssen, dann hat man alles gegeben, um sich woanders hinzusetzen. Mir wurde einfach keine Chance gegeben. Die Beleidigungen wurden auch immer mehr. Und einmal wurde mir gesagt: „Alex, wenn du dich noch mal meldest, dann schlagen wir dich!“
Wenn neue Schüler in die Klasse kamen, dann habe ich sofort versucht, mich mit denen anzufreunden. Doch die Mobbergruppe hat richtig „Hetzkampagnien“ gegen mich durchgeführt. Neue Schüler wurden sofort eingeweiht. Zwei von den neuen Schülern waren besonders schlimm. Es waren Kleinigkeiten, aber in der Menge wie sie vorkamen war es eine sehr schwierige Herausforderung. Einer von den beiden neuen Schülern hat mich mit einem Schlüsselbund, der um meinen Hals hing, von hinten gewürgt, der andere versuchte sogar, mich mit allen Mitteln bei den Lehrern schlecht zu machen und machte sich besonders häufig über mich lustig.
Im achten Schuljahr erlebte ich den Höhepunkt meiner „Mobbingkarriere“. Ich wurde häufiger krank. Woran das lag, wusste ich damals noch nicht. Meiner Klasse war aufgefallen, dass ich häufiger fehlte und immer wurde ich gefragt, warum dies so war. Die Hausaufgaben hat mir niemand gebracht. Nur eine Schülerin, die ich schon seit der Grundschule kenne und die selber gemobbt wurde, hat mir dann die Hausaufgaben gegeben. Darauf wurde sie gefragt: „Warum bringst du diesem Spasti die Hausaufgaben?“ Später dann, bei einem Erdkunde-Referat zum Thema Russland, war Gruppenarbeit angesagt. Leider bestand meine Gruppe außer mir aus noch drei meiner Mobber. Meine Arbeit wurde aber nicht wirklich anerkannt. Meine stundenlangen Recherchen haben die anderen einfach nicht mit in den Vortrag genommen. Der Bruder der Schülerin, bei der wir uns immer trafen, hatte jedoch angeblich davon gehört, dass ich hässliche Dinge über seine Schwester gesagt hätte. Die ganze Familie war aufgebracht, die Eltern gaben mir Hausverbot. Das fand ich schon mal lächerlich, doch auf die Frage, warum ich denn Hausverbot habe, wurde mir nur gesagt, ich sollte mal besser nicht die Familie beleidigen. Ich habe angeboten, dass sich die ganze Gruppe bei mir treffen könnte, doch eine Mitschülerin platzte in unser Gespräch: „Zu dir möchte ja sowieso keiner!“ Meine Gruppe hat sich noch zweimal getroffen. Einmal war ich krank, das andere mal wurde mir nichts gesagt. Allein schon deshalb wurde ich fertiggemacht. Als ich zu dem Erdkundelehrer ging, meinte dieser nur, dass ich mich nicht so anstellen solle und dass mir die Opferrolle ja sehr gefallen würde. Meine Gruppe gab mir für das Referat eine 5. Ich war mit der Situation so fertig, dass ich einen Psychiater aufgesucht habe, der mir auch geholfen hat. Doch trotzdem wurde das Mobbing immer schlimmer. Zwei Drittel meiner Klassenkameraden, dazu noch deren Freunde und Geschwister aus den Klassenstufen 5-9 haben mich gemobbt, was schon 50 Schüler waren. Kein Lehrer hat mir geholfen, die Schulleitung hat mir auch nicht geholfen. Der Schulleiter lehnte ein Anti-Mobbing-Programm ab. Die Klassenelternvertreter haben einen Brief geschrieben, in der die soziale Situation heftig kritisiert wurde. Die Schüler haben sich darüber nur lustig gemacht. Einige haben sogar eine Homepage erstellt, auf der die Klasse als asozial dargestellt wurde. Später wurden auch Bilder von mir darauf veröffentlicht, mit dem Untertitel „Wir sind asozial“. Die Eltern der Mobber meinten auf den schlechten sozialen Umgang nur: „Es gibt ja immer zwei Seiten“, „Die Kinder sind in der Pubertät, da ist das ganz normal“. Meine Unterrichtsmaterialien wurden beschädigt, Bücher, gemachte Hausaufgaben und Stifte wurden geklaut. Ich hielt das alles nicht mehr aus und wurde ziemlich heftig krank. Meine Eltern haben im Krankenhaus nach organischen Ursachen gesucht, bis ein Arzt meinte, dass es psychosomatisch sein könnte. An einem Tag dann, ich war eigentlich krank, bin ich für zwei Stunden zur Schule gegangen, um die Vergleichsarbeit in Englisch mitzuschreiben. Begrüßt wurde ich mit „Spasti“, verabschiedet mit „Hurensohn“. Am Nachmittag hat mich mein Psychiater für die restlichen 6 Wochen von der Schule befreit, damit ich wieder gesund werden kann. Nach den Ferien habe ich dann die Schule gewechselt.
Meine Eltern haben an die Schule einen Brief geschrieben. Erst da wurde den Lehrern und auch der Schulleitung bewusst, wie ernst die Situation war. Jetzt ist eine neue Schulleiterin in der Schule. Meine Eltern engagieren sich für ein besseres soziales Verhalten der Schüler im Elternrat der Schule.
In der Zeit meiner verlängerten Ferien ging es aber noch ein Stück weiter. Ein alter Klassenkamerad hatte gehört, ich würde die Klasse schlecht machen. In einem Internetchat hat er mich angeschrieben: „na hässliches stück scheiße.... hat man dich aus deiner auch so asozialen klasse gemobbt....och nein armer alter wichser haste aber auch garnichts gemacht du blöder penner...“ Das ging zu weit. Der Fall wurde der Beratungsstelle für Gewaltprävention gemeldet, wo es dann ein Gespräch zwischen dem Schüler und mir gab. Die Angelegenheit wurde geklärt und der Schüler musste sich bei mir entschuldigen.
Jetzt besuche ich eine neue Schule. Die Schule ist zum Positiven anders. Schon bei dem Vorgespräch meinte die Schulleiterin, dass an der Schule Mobbing nicht toleriert wird und dass ich auf jeden Fall wechseln soll. Jetzt habe ich viele Freunde und gehe wieder mit Spaß in die Schule. Trotzdem werden die tiefen Wunden nicht sehr schnell heilen. Ich denke nicht, dass ich meinen ehemaligen Mobbern das, was sie mir angetan haben, verzeihen kann. Häufig spüre ich Rachegefühle, wenn ich zur Schule gehe.
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