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Das Verbreitungsgebiet des Wolfs, des Stammvaters all
unserer Haushunde, umfasste einst nahezu ganz Europa und
Asien - vom Nordpolarmeer bis nach Portugal, Arabien,
Indien und Japan - und reichte in Nordamerika von Alaska bis
nach Mexiko. Im Laufe der letzten drei Jahrhunderte ist der
kräftige Wildhund aber aus vielen Gebieten verschwunden.
Neben der gnadenlosen Bejagung des als «böse» eingestuften
Wolfs durch den Menschen spielte dabei auch die
grossflächige Umwandlung seines Lebensraums in Kulturland
und die massive Verminderung der Bestände seiner Beutetiere
eine wichtige Rolle. Heute findet man gesunde, umfangreiche
Wolfsbestände nur noch in Russland sowie in Kanada und
Alaska.
Innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets sehen natürlich
nicht alle Wölfe genau gleich aus. So kann zum Beispiel der
Tundrawolf Sibiriens bis 80 Kilogramm schwer werden,
während der Indische Wolf oft nur 15 bis 20 Kilogramm
wiegt. Und während die Wölfe Osteuropas vorwiegend grau
gefärbt sind (und darum «Grauwölfe» heissen), können die
«Timberwölfe» der nordamerikanischen Wälder ganz schwarz
und die «Polarwölfe» im Bereich des arktischen Eismeers
weiss sein.
Wölfe leben in Rudeln von zumeist etwa fünf bis zehn Tieren
zusammen. Innerhalb jedes Rudels herrscht eine strenge
Rangordnung sowohl unter den Männchen als auch unter den
Weibchen. Rangkämpfe gehören aber keineswegs zur
Tagesordnung, im Gegenteil: Das «Familienleben» der Wölfe
ist ausgesprochen freundlich. Eine vielfältige «Sprache», bei
der neben Knurren, Winseln, Bellen, Fiepen und anderen
Lauten auch die Haltung des Schwanzes, die Stellung der
Ohren und der Ausdruck des Gesichts eine Rolle spielen,
sorgt dafür, dass es nicht ständig zu unnötigen Raufereien
kommt.
Das Wolfsrudel ist eine «eingeschworene Bande», welche in
jeder Situation fest zusammenhält. Dem wird immer wieder
durch das berühmte «Wolfsgeheul» Ausdruck gegeben. Fast
wie der Schlachtruf eines Sportvereins fördert dieses
gemeinschaftliche Heulen das Zusammengehörigkeitsgefühl
der Rudelmitglieder ausserordentlich. Gleichzeitig verkündet
das Rudel mit dem Geheul lauthals, dass es sein Jagdrevier
erbittert gegen alle Eindringlinge verteidigen wird.
Nachbarrudel wie auch durchziehende Fremdlinge können so
den «Grundstückbesitzern» rechtzeitig aus dem Weg gehen.
Nur das ranghöchste Weibchen eines jeden Wolfsrudels
pflanzt sich fort. Es bringt jeweils im Frühjahr seine
gewöhnlich drei bis zehn Jungen in einem unterirdischen Bau
zur Welt. Die Welpen wiegen bei der Geburt nur 300 bis 500
Gramm und sind typische «Nesthocker» mit verschlossenen
Augen und Ohren. Erst um den zehnten Tag herum öffnen sich
die Augenlider und Ohrverschlüsse der Kleinen. Nach drei
Wochen dürfen sie dann erstmals für kurze Zeit auf ihren
wackligen Beinchen das warme Nest verlassen. Jetzt beginnt
die Zeit, in der sie neugierig die nähere Umgebung erkunden
und ausgiebig miteinander spielen.
Die Jungwölfe wachsen in der Folge rasch heran. Bereits im
Herbst begleiten sie als «Lehrlinge» das elterliche Rudel auf
der gemeinschaftlichen Jagd. Ihre Lebenserwartung liegt in
freier Wildbahn gewöhnlich bei etwa zehn bis zwölf Jahren.
In vielen Teilen seines Verbreitungsgebiets betätigt sich der
Wolf als Grosswildjäger. Gemeinsam mit seinen
Rudelgenossen ist er stark und kann grosse Huftiere wie
Rothirsch, Ren und Elch erlegen, welche oft das Zehnfache
seines eigenen Körpergewichts aufweisen.
Hat der Wolf bei der Grosswildjagd kein Glück, so begnügt
er sich durchaus auch mit kleineren Säugetieren wie Hasen
und Bibern und verspeist mitunter selbst Frösche und Aas.
Zur Not vermag er sogar mehrere Tage lang ohne jegliche
Nahrung auszukommen. In solch mageren Zeiten kann es
dann geschehen, dass sich der Wolf, der normalerweise die
Nähe menschlicher Siedlungen meidet an Haustieren wie zum
Beispiel Schafen oder Gänsen vergreift. Das hat ihm vielerorts
den verhängnisvollen Ruf eines «Viehräubers» eingetragen.
Geschichten über Angriffe der «blutrünstigen Bestie» auf
Menschen sind jedoch Schauermärchen. Seit vielen
Jahrzehnten gibt es keinen einzigen verbürgten Bericht über
die Tötung eines Menschen durch Wölfe!
Die neuere wissenschaftliche Forschung gibt ohnehin ein weit
freundlicheres Bild des Wolfs, als es gemeinhin von ihm
entworfen wird. Sie zeigt klar auf, welch wichtige Rolle der
kräftige Wildhund im Haushalt der Natur spielt: Obschon
Wölfe ohne Mühe gesunde, kräftige Beutetiere zu erlegen
vermögen, so fallen ihnen doch vorwiegend ältere, kranke,
missgebildete und gebrechliche Tiere zum Opfer. Sie tragen
durch diese natürliche Auslese wesentlich zur Gesunderhaltung
ihrer Beutetierbestände bei. Viele Länder setzen deshalb heute
alles daran, den Wolf als Teil der einheimischen Tierwelt zu
erhalten.
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