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Liquidationsdefensive schrieb am 22.10. 2002 um 19:24:43 Uhr über

Pleite

Die Luft im Büro war schlecht. Zett öffnete die Tür zur kleinen Treppe, die hinauf auf die Strasse führte, etwas gewaltsam - die Angeln hatten mit der Zeit nachgegeben und sie schleifte hölzern über den Boden -, trat achtlos in die kleine Pfütze, die sich über dem Gulli gesammelt hatte, und bohrte mit der Fußspitze in dem Wasserloch herum, um das Laub zur Seite zu schieben, das den Abfluss verhinderte. Der Regen prasselte aus dem dunkelgrauen Himmel auf das ölige Kopfsteinpflaster, über das, wie immer um diese Nachmittagsstunden, der Verkehr ohne Pause die Straße hinunter zum Autobahnzubringer strömte. Zett war es zu laut und zu nass und er zog sich in sein Büro zurück, während er die Tür geöffnet ließ, um die frische Luft hereinzulassen. Auf den Schreibtisch gestützt rieb er sich die Augen, die vom Zwielicht in seinem Büro brannten. Er starrte minutenlang und gedankenleer auf die Tischplatte, auf die verstreuten Mahnungen und Kontoauszüge, die nichts Gutes berichteten, bis ihn ein plötzlich auftauchender Lichtfleck auf der gegenüberliegenden Wand von seinem ziellosen Grübeln ablenkte. Schwerfällig stand Zett auf und blickte durch die geöffnete Tür hinaus in den verregneten Nachmittag. Am Horizont war die Wolkendecke ein Stück aufgebrochen und die Sonne schien durch einen dunkelroten Schleier mit mildem Licht in sein Gesicht. Mit beiden Händen in den Hosentaschen wankte er gleichgültig in den Regen hinaus und ging langsam die Straße hinunter, dicht am Bordstein, neben dem ihn der rauschende Autoverkehr überholte, entlang den grauen Häuserfluchten zu seiner Rechten, von denen der Putz bröckelte und aus deren Fenstern unverständliche Stimmen drangen, vorbei an den Haustüren mit ihren vergilbten Klingeltableaus voller unbekannter Namen, bis zur Autobahnauffahrt, über welche die eiligen Berufstätigen rasten und die Zett achtlos überquerte, um unter der breiten vielspurigen Autobahnbrücke hindurch, deren Betonstützen von ihren Undichtigkeiten und vom Regen mit gelbgrünen Schmutzstreifen gezeichnet waren und die ihn dennoch kurz vor dem Regen schützte, die dahinterliegende und auf alten Stahlpfeilern ruhende Eisenbahnbrücke zu erreichen, an der er unvermittelt stehen blieb, weil sie ganz leise zu vibrieren schien und an deren metallischem Gerüst er sich anlehnte, nur für einen Moment, etwas erschöpft, nur für eine kurze Pause, in der er den roten schillernden, rostigen und menschengeschaffenen Glanz hinaufblickte, mitten hinein in die große rote Sonne, die ihn plötzlich blendete, schmerzte und wärmte, trotz all der Nässe in seinen Kleidern und auf seiner Wange, bis eine kleine Rostschuppe von ganz oben, trocken und unbenetzt zwischen dem von den Stahlträgern hinabtropfenden Regenwasser, in sein Auge rieselte und es zwickte, das er sofort zukniff, während er gleichzeitig das andere noch weiter aufriss und nun, ganz kurz und unmerklich, ein Lächeln über sein ungewollt und verkrampft zwinkerndes Gesicht huschte, bevor er müde und wie ein Betrunkener sich auf den Boden setzte, angelehnt an einen Pfeiler, und bald gedankenverloren einschlief. Als er gegen Mitternacht endlich aus einem traumlosen Schlaf wieder erwachte, war der Himmel wolkenlos und die fernen Sterne glänzten in seinen Augen. Kopfschüttelnd wunderte er sich, wo er war. Ihm war kalt.


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