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pure evil schrieb am 4.2. 2000 um 23:32:49 Uhr über

Wahl

Achtung ! Es folgt eine sehr komplexe Form der Satire. Dem flüchtigen Leser und Denker könnte die
Interpretation der Intention des Autors mißlingen. Das ist zumindest sein erklärtes Ziel.


Die Intelligente Demokratie

Die Globalisierung birgt für den geplagten, um Job, Anerkennung und
Weltbild bangenden Bürger noch so manche unliebsame Überraschung, die in
modischem Gewand daherkommt. Nun erscheint am Horizont ein weiteres
Glanzstück der postnationalen Architektur, dessen bedrückender Schatten
gerade so lange nicht zu bemerken ist, wie man sich auf der Sonnenseite
befindet. Sein Bauort, wie sollte es auch anders sein, wiederenmal das
Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sein Bauherr, Gerhard
Kleinhauptmann, ein erfolgssüchtiger Sensationswissenschaftler, der
seine Forschungsprojekte durch großzügige Spenden aus den
überquellenden Kassen ihm mehrheitlich wohlgesonnener Global Player
finanziert.

Gerhard Kleinhauptmann fordert in seiner neuesten
populärwissenschaftlichen Publikation die Abschaffung eines essenziellen
Bestandteils des Wahlrechts, die Nichtkäuflichkeit der Wählerstimmen.
Tatsächlich zaubert der Medienkünstler einen ganzen Hügel wohlklingender
Argumente hervor, die Plausibiltät vorgaukeln, wo doch nur Lug und Trug
zu finden sind. Unter dem Deckmantel von Willensfreiheit und
Selbstentfaltung versteckt sich ein stinkender Haufen Unrat der beißende
Pestillenz und stechenden Kadavergeruch verströmt.

Das Konzept der Intelligenten Demokratie beruht, wiedereinmal, auf der
Theorie des freien Markts. Die Einzelheiten gestalten sich
folgendermaßen: Im Vorfeld einer Wahl bekommt jeder wahlberechtigte
Bürger eine identische Anzahl von Stimmen. Ja, Stimmen, sie haben schon
richtig gelesen. Nicht eine Stimme, nicht zwei und auch nicht drei,
nicht zehn und auch nicht zwölf. Die optimale Stimmenanzahl beträgt, so
der Autor, je nach Bedeutung der Wahl und der Menge der
Wahlberechtigten, entweder 1.000 oder gar 10.000 Stimmen für jeden
Wahlberechtigten. Die Stimmen werden für jeden Wahlberechtigten vor dem
Wahlbeginn auf einem Wahlkonto deponiert. Dieses Wahlkonto kann dann
sowohl von zu Hause aus über einen Internetanschluß , als auch von jedem
anderen Ort der Welt über ein WAP-Handy gemanagt werden. Personen ohne
eigenen Worldwidewebzugang können zu den üblichen Öffnungszeiten ein
offizielles Wahlbüro aufsuchen und von dort aus täglich ihr Wahlkonto
managen. Je nach Bedeutung der Wahl und der spezifischen Dauer des
Wahlkampfs dauert eine einzige Wahl zwischen sechs Wochen und sechs
Monaten.

Diese Änderung erscheint durchaus akzeptabel und hat auch einiges für
sich. Die Stimmabgabe kann weitgehend ortsunabhängig erfolgen. Die
Wahlberechtigten haben viel mehr Zeit, sich ihre Entscheidung gründlich
zu überlegen und viel mehr Auswahlmöglichkeiten bezüglich des Zeitpunkts
an dem sie ihre Stimme abzugeben
gedenken. Außerdem haben sie sogar die Möglichkeit ihre Stimmen zu
splitten und verschiedene Politiker ihres Geschmacks zu unterstützen.
Solcher Schnickschnack ist allerdings völlig überflüssig und vom
Gesetzgeber so auch garnicht vorgesehen. Ein richtiges Schmankerl, vor
allem für die Berufspolitiker unter uns, ist die Absicht des
selbsterklärten Weltverbesserers, die Stimmauszählung allwöchentlich
durchzuführen. So können, wenn es denn mal wieder knapp für die FDP
werden sollte, schnell nochmal einige Schwarzkonten in Schweiz und
Luxemburg aufgelöst und ein paar Nachrichtensender oder
Landesmedienanstalten gekauft werden. Die Zahl der bereits abgegebenen
Stimmen soll sogar in Echtzeit rund um die Uhr veröffentlicht werden.
Das soll den Wahlberechtigten, wie auch insbesondere denen die es erst
noch werden wollen, die Möglichkeit geben, den aktuellen Wert einer
Wählerstimme möglichst genau abschätzen zu können und dann auf dem
Wählerstimmenmarkt wahlweise als Käufer oder als Verkäufer aufzutreten.

Gerhard Kleinhauptmanns Ziel ist die Erschaffung einer
vollelektronischen Wählerstimmenbörse, an der sich nicht nur die
wahlberechtigten Bürger mit zusätzlichen Stimmen eindecken können,
sondern auch jeder andere Nichtwahlberechtigte, der über ein prall
gefülltes Bankkonto verfügt. Gerhard Kleinhauptmann behauptet, daß die
heutige Form der Demokratie die sehr unterschiedlich gelagerten
Interessen der von einem Wahlausgang betroffenen Personen nur höchst
bruckstückhaft nachbildet. Kleinhauptmann wörtlich: „Das heute übliche
Wahlsystem respektiert weder die extrem stark differierende individuelle
Bedeutungsabschätzung des Wahlausgangs der einzelnen Wahlberechtigten,
noch berücksichtigt es die schlicht und ergreifend unbestreitbare
Tatsache, dass ein Wahlausgang häufig für sehr viele
Nichtwahlberechtigte von einer wesentlich höheren Bedeutung ist als für
Viele denen die Beteiligung an der Wahl gestattet ist. Ebensowenig
respektiert unser heutiges Wahlsystem, die mindestens ebenso stark
differierende Einsatzbereitschaft der Wahl- wie auch der
Nichtwahlberechtigten, zu einem gesellschaftlichen System beizutragen,
dass ein solches Wahlsystem überhaupt erst ermöglicht.“

Bei einem solchen hanebüchenen Unfug bleibt dem politisch aufgeklärten
Bürger ja förmlich die Spucke weg, doch die sollte er sich besser für
das KapitelDie Anwendung von Finanzinstrumenten im Verlauf einer
Wahlkampagne“ aufsparen. Hier, endlich, berichtet uns der falsche
Prophet von seinen wahren Göttern. Detailliert wie kenntnisreich
schildert der amerikanische Autor das Management eines fiktiven
Wahlstimmenportfolios. Er weiß ganz genau, zu welchem Zeitpunkt das
nunmehr sehr geschickt manipulierbare Ergebnis eines Wahlausgangs eine
außergewöhnliche Bedeutung erlangt und eine Kursexplosion bevorsteht,
woran man erkennt, dass sich eine Spekulationsblase gebildet hat und wie
man den Fundamentalwert einer Wahlstimme ermittelt unter den der
Kurswert angeblich nie sinken werden wird. Kleinhauptmann verspricht
sich von dieser brutalen Kommerzialisierung der Demokratie, die er
gleich auch noch geschickt mit der Globalisierung verknüpft, unglaublich
positive Effekte für die Lebensqualität der wahl- und
nichtwahlberechtigten Bürger. Dabei verheimlicht dieser transatlantische
Wichtigtuer noch nicht einmal, dass er uns da ein trojanisches Pferd ins
Wohnzimmer zu stellen gedenkt. Gerhard Kleinhauptmann wörtlich: „Diese
grundsätzliche Neuausrichtung der Demokratie ermöglicht es gerade den
werteschaffenden multinationalen Produktions- und
Dienstleistungskonzernen konstruktiven Einfluß auf die Entwicklung
rückständiger, häufig unter Korruption und Paternalismus leidender
Gebietskörperschaften der nichtwestlichen Hemisphäre auszuüben.“, sowie
an einer anderen Stelle im Text: „Die Herausbildung von schlagkräftigen
transnationanlen politischen Bewegungen wird so erstmalig in der
Geschichte der Menschheit ohne den direkten Rückgriff auf einen
bewaffneten Konflikt denkbar und gangbar. Es werden sich kleine und
große, mächtige und bedeutungslose, fortschrittliche und retrospektive,
erfolgreiche und zur Erfolglosigkeit verdammte politische Organisationen
gründen, heutigen Wertpapierfonds in Struktur, Ausrichtung und
Erscheinungsbild nicht unähnlich. Diese werden ihre
zielgruppenspezifischen politischen Inhalte und ihre strategische
Vorgehnesweise bezüglich ihrer Verwirklichung in ganzseitigen Annoncen,
in Werbespots und auf Werbebannern im Internet ankündigen. Der
rechtschaffene und politisch angagierte Bürger kann nun, ohne sich dem
Vorwurf des Kulturimperialismus aussetzen zu müssen oder gar
internationales Recht zu brechen, auf die politische Entwicklung an
jedem beleibigen Ort der Welt einwirken, indem er den Politfond seiner
Wahl finanziell unterstützt. Besser noch, im Falle eines geschickten
Tradings durch die Fondmanager kann er am Ende sogar, nachdem er seine
politischen Ziele verwirklicht sieht, mit einem ordentlichen Gewinn aus
einer politischen Kampagne aussteigen.“

Das Konzept der Intelligenten Demokratie entpuppt sich spätestens an
dieser Stelle lichtblitzartig als das genaue Gegenteil von dem, was ihre
scheinheilige Namensgebung suggerieren soll, nämlich als eine
unverhohlen dumme und fast schon abartig plumpe Form der diktatorischen
Weltherrschaft des Kapitals. Den geldgeilen Profiteuren und Zockern aus
aller Welt soll Tür und Tor zu noch mehr Cash und noch mehr Thrill
geöffnet werden. Nur noch die Reichen sollen sich in naher Zukunft die
Mitbestimmung an den gesellschaftlichen Entwicklungs- und
Gesetzgebungsprozessen leisten können. Den Bedürftigen und
Sozialschwachen soll die einzige noch verbleibende legale Möglichkeit
zur aktiven Gegenwehr für ein lausiges Butterbrot entzogen werden. Die
verhängnissvolle und unheilbringende Macht des Kapitals soll für alle
Zukunft und Ewigkeit zementiert werden, genauso wie der Einfluß des
umwelt-, menschen- und wertezerstörenden amerikanischen Imperialismus.
Unter dem Deckmantel der freien Marktwirtschaft und der freien
Selbstbestimmung soll genau diese den Menschen die den aufrechten Gang
üben für immer geraubt werden, betrieben und befördert von CIA und
internationalem Finanzjudentum.

Näääächt mett onns !

Wir werden uns wehren !

Pure Evil


Bei Bedarf bitte gleich noch einmal lesen ...

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