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solarschule schrieb am 27.2. 2003 um 23:32:41 Uhr über

antikriegsgedichte

)oS6 Moreno Villa (1887-1955)

WARUM IST DIE WELT NICHT MEIN VATERLAND?

Wenn das Licht des Fjordes meine Lungen mit Balsam d"chflutet und bei der Negermusik meine FÜße verjüngen;

wenn ich manchmal ohne Brotsack durch die Sahara wandere und manchmal auf einer Eisscholle nordwärts segle;

wenn ich den Rheintöchtern meine schönste Begeisterung schuldig blein

und mir die Weine der französischen Landschaft gemundet haben, warum ist die Welt nicht mein Vaterland?

Wenn ich den russischen Allbeseelten begleite
und mit Ghandi um indisches Salz zu gewinnen gehe; wenn mich die lnseifelder des Pazifik entzücken und ich auf Skiern über die Alpen dahingleite, warum darf dann die Welt nicht mein Vaterland sein?

Wenn das würzig gefüllte Weinglas mein Abendgebet darstellt und das zähflüssige Bier meine liebste Nahrung; wenn mich Roms fröhliches Volksleben erheitert

und Hollywoods verspielte, scheinsüchtige Filmwelt;
wenn ich Oxfords Regatten bejuble

und die schwankende Rikscha mich plötzlich an einen Rolls-Royce erinne@

wenn ich die große alte Angst und das erregende neue Lebensgefühl k'enne, wenn ich im argentinischen Tango untertauche

und beirr) andalusischen Tanz meine Glieder löse;

wenn ich in den Schwimmsälen der Tschechoslowakei
neuartige griechisch, Sirenen entdeckt habe

und wechselweise türkischen Tabak mit Virginia rauche; sagt mir, teure Freunde auf der weiten Erde,

Männer der Kokoswälder, Frauen der Orangenhaine,
AltrneiSter der Mikroskope und Hirten Von Rentierherden,
Jungdamen in blauern Kimono und Parteisekretäre Moskaus,
Doktoren aus der Schule der vollendeten Weisheit,
Väter expressionistischer Malereien,
Erfinder von allen möglichen Geräten,

warum kann die Erde nicht einig sein?





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Günther Weisenborn (geb. 1902)
DIE NATIONEN EUROPAS
Wie verschämt in Bettlermäntein, dürr, zunderrot stehn sie weit auseinander im hallenden Europa vor dem Abendhimmei des Kontinents und hören verstört Blut tropfen und das Rascheln der Brandstätte, die Nationen.

Seht sie, die Dunklen, mit knirschenden Kiefern,
den Fuß in den Ratten, den Mund welk von Kränkungen. Noch dampft die Eifersucht aus den mißtrauischen Mänteln, und schon tasten die Hände fatal nach der schartigen Waffe, die Nationen.

Eifersüchtige Bettler, so stehn sie, jede fern von den andern, Honig auf der Zunge, Verwünschungen brütend und düster, mit funkelndem Wundensaum, mit Blut und Tressen gezierte, hinter der Hecke von Grenzen, über die Flore wehn die Nationen.

0 ihr natürlichen Völker der Welt, werft ab diese Mäntel, die prunkend zerschundenen eures ergrauten Nationalismus, tretet hervor, ihr Völker, von Lügen geschwafelte ihr, werft ab die Masken von Fliegen, die Panzer des Verdachts, verlaßt die Nationen.

Tretet zusammen, ihr Völker, entwerft die Ordnung der neuen Weit, verläßt die Nationen, die Kriegermäntel werft ab, tretet zusammen, ihr Völker, zeigt euch die offenen Hände, das neue Jahrhundert erwartet von uns das neue Gesetz des Menschen.








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