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Die Mutter aller Horrorfilme
Katja Schmid 29.04.2003
Die lebenden Toten - das sind wir: Von der merkwürdigen Allianz von
Splatter und Krieg
Natürlich hatten die Organisatoren der Tagung Bodies that
Splatter. Schnittstellen von Horrorfilmen 1963-1991, die vom 24.-26. April an der
Berliner Akademie der Künste stattfand, bei der Planung nicht damit gerechnet, dass
ihre Tagung in die letzten Tage des Kriegs gegen den Irak fallen würde. War ja auch
nicht wichtig. Schließlich wollte man über fiktive Werke sprechen. Merkwürdig nur,
dass der eigentliche Rahmen der Tagung vom Krieg ausging. Doch dazu später.
Bild aus "Dawn Of The
Dead"
Zunächst einmal ging es drei Tage lang um Ästhetik, Psychoanalyse,
Zensur und nicht zuletzt um die Frage »Warum schaust du dir das eigentlich an?« Da
rechtfertigten sich Fans, Wissenschaftler und Filmemacher für ihr Interesse an einem
Genre, das seine besten Zeiten hinter sich hat - und trotzdem immer wieder herhalten muss
als Erklärung für das, was man in konservativen Kreisen unter »Verrohung der Sitten«
versteht.
Mit zu den erhellendsten Beiträgen in Sachen "Was ist dran an der These, Gewalt im Film
führe zu Gewalt in der Realität» und «Filmzensur in Deutschland" gehörte der Vortrag von
Manfred Riepe, der vorab und in gekürzter Form in der taz
erschienen war. Hier wurde deutlich, mit welch stümperhaften Mitteln es selbsternannten
Experten und recherchefaulen Medien immer wieder gelingt, Splatterfilme und
Verwandtes zur Wurzel allen Übels zu verklären. Wobei ein merkwürdiger, ja geradezu
gesetzmäßiger Zusammenhang festzustellen ist zwischen kommerzieller Verwertbarkeit
und Gesetzesnovellen: Ist ein Vertriebsweg erst einmal erschlossen, muss er mittels
Verbot alsbald wieder gesperrt werden. Ende der 70er Jahre zum Beispiel boomte der
VHS-Verleih von so genannten B-Movies in Deutschland. Kaum war das Medium VHS
Allgemeingut, musste der Weg für die erfolgreiche Zweitverwertung von großen
Kinoerfolgen, von A-Filmen also, geebnet werden. Prompt entbrannte hierzulande eine
»Gewaltfilmdebatte«, die in der Verschärfung des »Gewaltparagrafen« 131 mündete.
Inzwischen wittert kaum noch jemand Gefahren auf dem Videomarkt, vielmehr richtet sich
der Blick der Besorgten auf neue Märkte wie Internet und Computerspiele.
Durchaus überzeugend war auch James McFarland, der die These vertrat, bei "Dawn Of
The Dead" (George A. Romero, 1978) handle es sich um einen realistischen Film. Einen
Film also, dem es gelingt, die Welt in der wir leben, auf realistische Weise abzubilden -
und zwar erfolgreicher als so genannte Mainstream-Filme mit dreidimensionalen
Charakteren und überzeugenderen narrativen Gerüsten. Gerade weil es den Menschen im
Film nicht gelingt, den Zombies erfolgreich entgegenzutreten (auch die Flucht am Ende des
Filmes kann nur in Zombie-verseuchtem Territorium enden und ist deshalb nur scheinbar ein Happy Ending) sei der Film wahrhaftig. Schließlich sind wir alle sterblich - und genau
darum gehe es in dem Film: Es gibt kein Entrinnen vor dem sicheren Tod. Egal, was wir
tun und wie wir es tun. Am Ende werden wir doch sterben. Oder um es mit Romero zu
sagen: Die lebenden Toten - das sind wir.
Ansonsten arbeiteten sich diverse Kulturwissenschaftler in gewohnter Manier ab am
suggestiven Bilderstrom um sich und dem geneigten Publikum zu beweisen, dass man mit
etwas Übung alles unter diskursive Kontrolle bringen kann.
Doch zurück zum Anfang und zum merkwürdigen Rahmen namens
Krieg. In der Dokumentation The American
Nightmare (USA/GB 2000, Regie: Adam Simon), die am ersten Abend zu sehen war,
berichteten Splatter-Legenden wie John Carpenter, Wes Craven, John Landis, David
Cronenberg, Tobe Hooper, George A. Romero und Tom Savini immer wieder vom selben
Schlüsselerlebnis: Vietnam. Tom Savini, »The Godfather of Gore«
zum Beispiel, war als truppeneigener Fotograf vor Ort. Nicht dass er es darauf angelegt
hätte: Savini hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, weil er gehofft hatte, die US
Army würde Freiwillige nicht nach Vietnam schicken. Tatsächlich wurde Vietnam für ihn
zu einem Lehrgang in Sachen Splatter, denn hier konnte er einschlägige Studien betreiben
an zerfetzten und verwesenden Leibern. Die Kamera habe ihm geholfen, emotional Distanz
zu wahren. Um sich und seinen Spießgesellen die Zeit zwischen den Gemetzeln zu
vertreiben, perfektionierte er seine Narben-Schminkkünste und bereitete sich vor auf seine
spätere Arbeit an Filmen wie »Dawn of the Dead« (1978), »Friday the 13th« (1980), "The
Texas Chainsaw Massacre 2» (1986) und «Trauma" (1992) - das sei eben seine Art der
Aufarbeitung.
Auch die anderen, die nicht persönlich teilgenommen haben am Krieg, berichten, wie sie
per Fernsehen und Zeitung heimgesucht wurden von den Bildern aus Vietnam. Nicht
minder traumatisierend: Die politischen Morde an den Kennedys (
22. November 1963 und 4. Juni 1968), an
Martin Luther King ( 4. April, 1968), sowie die Erschießung von
Studenten auf dem Campus der Kent State University (4. Mai 1970)
durch die amerikanische Nationalgarde. Die erste Generation der Splatterfilme ist nichts
anderes als die Aufarbeitung von Zeitgeschichte, so Adam Simons These in seiner
Dokumentation »The American Nightmare«. In diesem Sinne werden Interviews, Szenen
aus »Night Of The Living Dead« (George A. Romero, 1968) und anderen Klassikern
sowie zeitgenössische Nachrichtenbilder aneinander montiert. Und es ist nicht einfach zu
sagen, welche Bilder alptraumhafter sind.
Offiziell endete die Splatter-Tagung Samstag Abend - nach einem Podiums-Gespräch mit
Christoph Schlingensief -, doch wie es der Zufall will, lief am Sonntag Vormittag der
Dokumentarfilm war photographer über den Kriegsfotografen
James Nachtwey. In der Akademie der Künste. Im selben Saal. Und
Nachtwey erzählt, wie er beschloss, Fotograf zu werden. Genauer gesagt Kriegsfotograf.
Auch sein Schlüsselerlebnis waren Bilder aus Vietnam. Sie ließen ihn nicht mehr los. Das
nackte Mädchen Kim Phuc, das nach dem Napalm-Angriff der US Army
davonläuft. Und all die anderen Bilder, die den Vietnam-Krieg
entlarvten als das, was er offiziell nicht sein durfte: als grausam, menschenverachtend und
blutrünstig. Diese Bilder machten Nachtwey - und nicht nur ihm - klar, dass das, was die
Regierung erzählt, nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Dass es zum Beispiel keinen
»sauberen« Krieg gibt, der die Zivilbevölkerung verschont.
Und weil das bis heute gilt, ist Nachtwey nun schon seit über zwanzig Jahren auf der Jagd.
Auf der Jagd nach dem definitiven Bild. Dem Bild, das die Welt davon überzeugt, dass
Gewalt keine Lösung ist. Um dieses Bild zu schießen, reist er zu Kriegsschauplätzen in
aller Welt (vgl. Abtasten in Finsternis). Und gemäß der Maxime von
Magnum-Mitbegründer und Kriegsreporter-Legende Robert Capa -
»Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann bist du nicht nahe genug dran« - geht
Nachtwey so nah wie nur irgend möglich ran. An die Opfer, die Täter, die Leichen, die
Überlebenden, die Trauernden, die Kämpfenden. Diese größtmögliche Annäherung - an
Körper und Emotionen sei wohl der Kick, den Nachtwey brauche, um sich lebendig zu
fühlen, mutmaßt einer seiner Weggefährten. Nach außen hin nämlich wirkt Nachtwey
extrem kontrolliert. Nicht einmal im Kugelhagel gerät er in Panik. Ist immer höflich.
Spricht langsam und lässt sich auch beim Fotografieren seine Zeit. Von Abstumpfung keine
Spur. Im Gegenteil. Vor ein paar Jahren begann er damit, das Leben der Ausgebeuteten
dieser Welt zu dokumentieren. Was ihn antreibt ist Hoffnung. Auf eine bessere Welt.
Insofern ist Nachtwey der lebende Gegenbeweis für die umstrittene Habituations-These
(vgl. Und Fernsehen macht - vielleicht - doch aggressiv), wonach
fortwährende Konfrontation mit Grauen und Leid zur Abstumpfung führe. Und der Beweis
dafür, dass das real existierende Grauen nicht in Special-Effects-Studios geboren wird.
Bild aus "war
photographer"
Es hätte der Tagung gut getan, sich etwas genauer mit dem Zusammenhang von Splatter und
Bildern vom Krieg zu beschäftigen, denn auch Bilder vom Krieg werden zunehmend mit
Verboten belegt ( Bilder von Kriegsopfern unerwünscht) - und
Nachtwey selbst berichtet, dass es im Laufe der Jahre immer schwieriger geworden ist,
kritische Bildberichte unterzubringen. Insofern könnten die Hersteller von Splatterfilmen
& Co. und Kriegsberichterstatter bald zu Kampfgefährten werden, wenn es mal wieder um
die Frage geht, was denn nun ursächlich verantwortlich ist für das Böse in der Welt: der
Mensch oder dessen unansehnliche Abbilder?
Kommentare:
NOTLD (quehonda, 29.4.2003 23:53)
Geht so... (Throatwobbler Mangrove, 29.4.2003 22:02)
Das liebe ich an diesem Forum (euronaut, 29.4.2003 20:58)
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last modified: 29.04.2003
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