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Sauberes Deutschland? Na, sauber!
Der Mensch muss lernen, sich nicht mehr für seinen Abfall zu
schämen:
Zehn Jahre deutsche Verpackungsverordnung – eine Polemik
Es gehört zu den allerliebsten Beschäftigungen der Deutschen, ihre
Mitbürger zu schurigeln, zu kujonieren und zu schikanieren. Das
Hochgefühl, das diesem Tun entspringt, ist umso köstlicher, je mehr
es mit dem Bewusstsein des Rechthabens verbunden ist. Dann kann
man die Behandlung, die man den anderen angedeihen lässt, zu einer
Form von notwendiger Bestrafung aufwerten. Das ist der Grund,
weshalb die Deutschen ständig nach der guten Sache Ausschau
halten, in deren Dienst sie treten können – und in deren Dienst sie die
anderen treten können. Der Umweltschutz, an dem sich noch kein Volk
der Erde moralisch so emporgezogen hat wie wir, bietet zum Beispiel
eine gigantische Palette von Zurechtweisungs- und
Erniedrigungsmöglichkeiten unter dem Horizont polizeilicher
Verfolgungsfantasien.
Schon der Begriff Umweltsünder dokumentiert das ungeheure
Pharisäertum, die Selbstgerechtigkeit im Anspruch der so genannten
Umweltschützer. Nach der Devise „Die Menschen haben sich an der
Natur vergangen, und jetzt rächt sie sich“ erzeugen sie eine
Notstandsstimmung, welche die härtesten Maßnahmen geboten
erscheinen lässt und den hysterischen Machtrausch, der ihnen zu
Grunde liegt, zur Bürgertugend verklärt.
Nur dieser ebenso simplen wie betrüblichen Psychomechanik wegen
ist es möglich, dass die gesamte Nation an ihren Mülltonnen seit zehn
Jahren den Affen macht. Vor zehn Jahren trat nämlich die
„Verpackungsverordnung“ in Kraft: ein Gesetzeswerk, das
erklärtermaßen die Schaffung eines neuen Bewusstsein zum Ziel hat
und tiefer in die Lebenswelt eingreift als jede Rechtschreibreform.
Doch anders als bei dieser gab es bis heute keine Massenproteste,
Zeitungskampagnen und Musterprozesse gegen ein staatliches
Umerziehungsprogramm, das es den Untertanen auferlegt, ihre Abfälle
zu begutachten, zu waschen, zu trennen, zu horten und sie mit dem
Auto herumzukutschieren.
An der Supermarktkasse zahlen wir 50 Pfennig für eine Tüte aus
Polyäthylen: Das ist ein Stoff, den englische Chemiker im Jahre 1933
entdeckten – leicht, billig, wasserfest, hygienisch, stabil, ideal für
Verpackungen. Da das Material aus Erdöl oder Erdgas gewonnen wird,
lässt es sich problemlos verbrennen. Die Herstellung einer solchen
Tüte kostet höchstens fünf Pfennig. Der neunhundertprozentige
Aufschlag ist eine Art Bußgeld dafür, dass wir die Tüte überhaupt
wollen. Denn Verpackungen, sagt die Doktrin der so genannten
Umweltschützer, sind schlecht, und wer das Vorhandensein von
Verpackungsmaterial für den Abtransport gekaufter Waren für etwas
Wünschenswertes hält, ist böse.
Deutsche Besessenheit
Künftig sollen wir auch 50 Pfennig für eine Getränkedose zahlen, und
zwar als Pfand. Nicht etwa, weil Blech knapp wäre, sondern weil wir
verdächtigt werden, mit jeder Bierdose Böses zu tun: zum Beispiel
indem wir sie auf die letzten Exemplare geschützter Pflanzen im Wald
werfen. Auch bei den Dosen herrscht ein erstaunliches Missverhältnis
zwischen Materialwert und Zirkulationswert. Das wird einerseits dazu
führen, dass auf dem Pfandmarkt jede Menge frischer Dosen
auftaucht, die sich nur durch aufwändige Echtheitsprüfungen aus dem
finanziellen Wahnsystem fern halten lassen. Andererseits zeigt dies,
dass es mitnichten um die Dosen als Dosen geht. Nicht das Stück
Blech ist Gegenstand gesetzgeberischen Handelns (denn so viele
Dosen hat man im Wald auch wieder nicht rumliegen gesehen, dass
derart drakonische Maßnahmen unausweichlich geworden wären),
nein, es geht um eine Art Müll- Metaphysik, um das berühmte
„Abfallbewusstsein“ – um eine Psychopathologie, die geradewegs in
kulturelle Tiefenschichten führt.
Weltbekannt ist die Schmutz- und Säuberungsbesessenheit der
Deutschen. Sie gehört zur mentalen Grundausstattung unseres Volks.
Seit der Romantik durchziehen die wildesten Reinigungs- und
Reinheitsfantasien unsere Geschichte: in Literatur und Kunst, aber
auch – grässlich zugespitzt – in Form eines mörderischen
Rassenwahns, der sich bekanntlich ebenfalls in der Begrifflichkeit von
Dreck und Sauberkeit, Abschaum und Reinheit austobte. Schon die
Form deutscher Toilettenschüsseln mit ihrer kleinen Bühne zur
Beschau der Exkremente gibt ausländischen Benutzern von jeher zu
denken. Und so liegt es nahe, hinter dem zwanghaften Wühlen im
Gemülle, hinter dem Vorzeigen und Ausbreiten, dem Sortieren und
Analysieren noch etwas anderes zu vermuten als eine technische
Notwendigkeit.
Falsches Bewusstsein
Dieser abgründige Zug unseres Nationalcharakters trifft sich in der
Umweltschutzideologie mit einem Ausläufer der marxistischen
Kapitalismuskritik, wie sie vor dreißig Jahren in Mode kam. Sie ist
geprägt von einer tiefen Konsumfeindlichkeit, weil die Genüsse der
Warenwelt das ohnehin falsche Bewusstsein der Menschen benebeln.
Folglich gilt es, den Konsumgenuss zu hemmen und zu hindern, wo
man ihn trifft, und die Verteufelung der Verpackungen mit ihrem
Verführungscharakter hat dabei höchste strategische Bedeutung. Wer
allerdings diesen Traditionslinien Trittinscher Politikprojekte nachgeht,
hält unversehens eine Dose in der Hand, für die kein Pfand zu hoch
ist, um einen äußert vorsichtigen Umgang mit dem Behälter zu
bewirken. Es steht „Pandora“ drauf.
Treten wir deshalb einen Schritt zurück und fragen uns, wie es
gekommen ist, dass vor zehn Jahren ein Minister namens Töpfer und
ein Ministerialrat namens Rummler den Deutschen etwas in die Köpfe
einzupflanzen vermochten, was noch kein Volk in diesem Maß
besessen hat: nämlich ein Abfallbewusstsein. Wie konnte es gelingen,
die Menschen mit dem Müll derart zu hypnotisieren, dass sie sich
freiwillig zu Handlangern des Entsorgungsgewerbes machen? Wieso
hat die Thematik überhaupt so einen exorbitanten Stellenwert?
Deutschland ist ja nicht so viel verdreckter als andere Länder, dass
man hier mit dem Aufräumen hätte beginnen müssen. Und es ist auch
nicht anzunehmen, dass die Deutschen klüger, reifer oder einsichtiger
wären als andere Nationen, die um ihren Müll etwas weniger
Aufhebens machen.
Nein, die deutsche Abfall-Obsession hat und braucht gar keinen
konkreten Grund. Im Gegenteil: Je sauberer die Umwelt objektiv wird,
desto stärker beherrscht alle die Vorstellung von Verschmutzung, und
dieses sündenbewusste Verhältnis zu der Sache liefert ihnen die
nötige psychische Energie, um nicht nur sich selbst die sonderbarsten
und bei wachem Bewusstsein eigentlich inakzeptablen Pflichten
aufzuerlegen, sondern auch ihre Mitbürger entsprechend zu
maßregeln, wenn sie ihren Müll nicht mit ausreichender Trennschärfe
sortiert haben.
Denn im Zuge der neuen Gesetzgebung wurde ein großer Teil des
Mülls zu „Wertstoffen“ umdeklariert. Die „Wertstoffe“ sind, wie der
Name schon sagt, einer stofflichen Verwertung zuzuführen. Die
quasireligiöse Inbrunst, mit der die stoffliche Verwertung gepredigt
wird, ist allerdings verräterisch; wer genau hinhört, der spürt, dass
hinter der Vorstellung von Wiederaufbereitung der Gedanke von
Wiedergeburt steckt. Deshalb lehnen die Abfall-Ideologen die
Möglichkeit der Müllverbrennung so vehement ab. Sie wissen, dass
ihnen dann ein zentraler Aspekt der Müll-Metaphysik verloren ginge:
nämlich die Aufer stehungsfantasie und der Glaube an das ewige
Leben. Kein Wunder, dass den Mülldebatten immer so ein
theologischer Tonfall eigen ist: Es handelt sich um rezyklierte
Religionsreste.
So findet sich selbst im Großen Brockhaus unter dem Stichwort
„Müllverbrennung“ ein argumentativer Ausrutscher, der tief blicken
lässt. Und zwar wird als ein Nachteil der Beseitigungsmethode der
daraus möglicherweise resultierende „Anstieg des Verbrauchs- und
Wegwerfverhaltens“ der Bevölkerung genannt. Im Klartext: Jede
Lösung des Müllproblems ist schlecht, da sie die Menschen von einer
Gewissenslast befreit.
Atemraubend sind die Fortschritte in unseren Breitengraden auf dem
Gebiet der Hygiene. Der häusliche Komposthaufen, früher ein
harmloses Steckenpferd von Hobbygärtnern, dringt mit Bakterien,
Pilzen und Gewürm bis in die Dielen bürgerlicher Stadtwohnungen vor.
Dort hat man sich gerade angewöhnt, die Mottenschwärme, die den
Müslivorräten im Küchenschrank entsteigen, als Zeichen besonderer
Naturverbundenheit zu achten. Jetzt hält in den urbanen Vierteln eine
ultimative Parodie aufs Landleben Einzug – die Biotonne.
Auf den Straßen, vor den Häusern gärt und fault und modert es. Die
Situation ist so prekär wie während eines Streiks der Müllabfuhr. Aber
die Müllabfuhr streikt keineswegs. Sie hat sogar mehr denn je zu tun,
denn sie muss ihren Fuhrpark wegen der getrennten Abfallsammlung
noch viel häufiger bewegen. Die Abholung all dieser „Wertstoffe“
erfolgt nach kosmisch komplizierten Rhythmen, zum Teil aber auch gar
nicht, weil es zur Bürgerpflicht geworden ist, sowohl die drastisch
steigenden Gebühren für die Abfuhr zu bezahlen als auch die eigenen
Abfälle selber zu irgendwelchen Sammelstellen zu befördern. Das ist
freilich nicht ohne Reiz, denn auf solchen Recyclinghöfen kann man
was erleben.
Der Steuern zahlende Stadtidiot, der sich mit seinem PKW auf dieses
Territorium vorwagt, bemerkt zunächst, dass es durch einen
stacheldrahtbewehrten Zaun gesichert ist wie militärisches Gelände.
Dazu passt derTon der Zurechtweisung, in dem er meistens
angeherrscht wird von Wertstoffoffizieren, die über seinen Unrat zu
Gericht sitzen. Sie kommentieren seine mangelhaften Kenntnisse der
Metallurgie, weil er Weißblech und Aluminium vermischt hat, sie
kritisieren seinen an einigen verpönten Abfällen ablesbaren Lebensstil
– und sie entscheiden über Annahme oder Zurückweisung der Fracht.
Der Mensch lernt, sich für seinen Müll zu schämen, und empfindet es
am Ende als unverdiente Gnade, wenn er ihn überhaupt los wird.
Verpackte Exoten
In einem 40 Seiten starken amtlichen Abfallkalender der Stadt Freiburg
stand beispielsweise folgendes zu lesen: „Plastiktüten brauchen Sie
nicht, denn Sie haben ihre Tasche, Ihren Einkaufskorb, -beutel oder
Rucksack dabei.“ Und: „Für Brot oder Gebäck bringen Sie schon seit
längerem Ihren Stoffbeutel mit. Kuchen backen Sie ohnehin am
liebsten selbst.“ Die Geschmacksvorschriften erreichen ihren
Höhepunkt in der Formulierung: „Klarsichtverpackte Exoten wie
Litschis oder Papayas sind Ihnen unangenehm?“ Das kommt dabei
heraus, wenn sich blindes Bekennertum in öffentlichen Verwaltungen
mit volkspädagogischem Furor vereint.
Wer nun zufällig die verpönten Früchte mag und davon
möglicherweise gar welche gekauft hat, der ist bei einer
umweltbewussten Kassiererin im Supermarkt natürlich ganz schön
unten durch– besonders wenn man wieder einmal seinen Stoffbeutel
vergessen hat und auch noch eine Plastiktüte erwerben muss.
Geduckt und beschämt verlässt man das Geschäft und erinnert sich
wehmütig an Einkäufe in anderen Ländern, in Frankreich oder England
beispielsweise. Dort liegen Plastiktüten haufenweise an den
Supermarktkassen und kosten gar nichts. Wie ist das möglich?, fragt
man sich. Sind diese Nationen zivilisatorisch so weit hinter unserer
zurückgeblieben?
Die deutsche Plastiktüte ist jedenfalls Teil eines umfassenden
Erziehungssystems, das gewissen Ritualen folgt. Dazu gehört die
schriftliche Aufforderung, Plastiktüten nicht in die so genannte Natur
zu werfen, sie mehrmals zu verwenden oder sie in einer Niederlassung
der Firma, von der man sie bekommen hat, „zum Recyceln“
zurückzugeben. Manche Firmen lassen auch Appelle wie „Schützt
unsere Umwelt!“ aufdrucken, oder sie rücken dem Benutzer mit
inquisitorischen Formulierungen zu Leibe. Auf den Tüten unserer
größten Lebensmittel-Handelskette war zum Beispiel folgender Text zu
finden: „Haben Sie heute schon etwas für die Umwelt getan? Ja, denn
Sie verwenden diese attraktive Mehrweg-Tragetasche. Sie werden uns
zustimmen, zum einmaligen Gebrauch ist diese Tragetasche zu
schade. Wenn Sie die Tasche mehrmals verwenden, leisten Sie einen
aktiven Beitrag zur Sauberhaltung unserer Umwelt, unter gleichzeitiger
Einsparung wichtiger Rohstoffe.“
Ob man die Plastiktüte attraktiv findet, ist sicherlich
Geschmackssache. Auch klingt die Bezeichnung
„Mehrweg-Tragetasche“ einfach vornehmer. Doch das mit der
Einsparung wichtiger Rohstoffe ist übertrieben. An Äthylen herrscht auf
absehbare Zeit kein Mangel; es wird davon für Plastiktüten mehr als
genug geben, so dass die Sparwirtschaft, unter deren Regiment man
die Tütenherstellung in Deutschland stellt, von der Erzeugung her
vollkommen unbegründet ist.
Übrigens bekommt der aufgedruckte Hinweis: „Tragetasche mehrmals
verwenden hilft sparen“ angesichts der auf derselben liegenden und
im Einzelhandel eher unüblichen Gewinnspanne von sechshundert bis
tausend Prozent einen zynischen Beiklang – vor allem, wenn er mit
dem Zusatz: „Wir danken!“ endet.
Das Sparfieber, das die Deutschen beim Umgang mit Kunststofftüten
befällt, äußert sich aber nicht nur in Halluzinationen von
Rohstoffknappheit und nicht nur in der kommerziellen Aufwertung der
Plastikbeutel zu wahren Preziosen an der Ladenkasse. Seinen
schrillsten Ausdruck findet dieses Sparfieber in dem
Verwertungswahn, unter dessen Regime die Tüten nach Gebrauch –
mehrmaligem, versteht sich – fallen sollen. Obwohl die Plastikfolie
umweltunschädlich verbrennen oder grundwasserneutral verrotten
kann, wird sie unter enormen Anstrengungen der Wiederaufarbeitung
zugeführt.
So erwartet man vom Eigentümer, dass er die benutzte Tragetasche
getrennt von seinen sonstigen Abfällen verwahrt und mit Hilfe des
berühmten Gelben Sacks oder der Gelben Tonne einer gesonderten
„Wertstofferfassung“, nämlich der von „Leichtstoffverpackungen“
anheim gibt. In der Praxis sieht das so aus, dass die 10 bis 30 Gramm
schweren Tüten, die nach ihrer ursprünglichen Zweckerfüllung
durchaus als prall gefüllte Abfallsäcke im Hausmüll landen könnten,
gerade daran gehindert und stattdessen von LKWs mit 375 PS
abtransportiert werden.
So gelangt die Plastiktüte schließlich in eine große
Recyclingmaschinerie, wird gewaschen und geschreddert, erhitzt und
granuliert, auf dass aus ihr in einer weiteren Runde des ewigen
Kreislaufs von Werden und Vergehen eine neue Tüte entstehe. Aber
was für eine Tüte? Sicherlich keine für Lebensmittel, denn trotz der
Reinigungsprozesse ist ein gebrauchter, durch den Müll gegangener
Artikel in hygienischer Hinsicht bedenklich. Wahrscheinlich wird ein
Müllsack daraus, im besten Fall: ein Gelber Sack für andere
Plastiktüten.
Es gibt bei aller Propaganda für grüne Punkte, braune Tonnen und
gelbe Säcke ein paar Fakten, die von den interessierten Stellen
sorgfältig verschwiegen werden. Dazu zählt zum Beispiel die Tatsache,
dass sich diese epidemischen Anstrengungen des Sammelns, Lagerns
und Sortierens auf einen winzig kleinen Teil der Abfallproblematik
beziehen. Um präzise zu sein: Es geht bei der Wiederaufarbeitung des
Plastikmülls um einen Anteil von einem Sechshundertstel an der
Abfallgesamtmenge in Deutschland.
Letztere beträgt schätzungsweise 350 Millionen Tonnen pro Jahr. Dass
diese Angabe so vage ist, mag angesichts der politischen Brisanz des
Themas überraschen. Doch weder das Statistische Bundesamt noch
die Verbände der Entsorgungswirtschaft noch irgendwelche sonstigen
Experten verfügen über eine vollständige Aufstellung des in
Deutschland anfallenden Abfalls. Das liegt unter anderem daran, dass
die Statistiken in jedem Bundesland ein bisschen anders geführt
werden, da man zum Beispiel in jedem Bundesland etwas anderes
unter „Hausmüll“ versteht. Aber der Hausmüll – egal wie man ihn nun
definiert – macht von der gerade erwähnten Abfall-Gesamtmenge
sowieso nur 10 Prozent aus, das heißt: rund 35 Millionen Tonnen. Der
große Rest besteht aus Bauschutt (140 Millionen Tonnen) sowie
Gewerbeabfällen und Klärschlamm (150 Millionen Tonnen).
Die paarunddreißig Millionen Tonnen Hausmüll unterteilen sich
erfahrungsgemäß zu jeweils einem Drittel in Verpackungen,
kompostierbare Abfälle und Restmüll. Rechnen wir nach: Das ergibt
etwas über zehn Millionen Tonnen für jede dieser drei Kategorien.
Doch nur für die erste, nämlich die Verpackungen, wurde das Duale
System mit seinem Grüne-Punkte-Segen und seinem Jahresumsatz
von 4,2 Milliarden Mark geschaffen. Im Grunde wurde es sogar nur für
zwei Komponenten dieser Leichtverpackungsfraktion geschaffen, und
zwar für Kunststoffe und Bleche – denn Papier und Glassammlungen
gab es bereits vor der Verpackungsverordnung von 1991.
Wie riesige Pickel
Der Anteil der Kunststoffe im eingesammelten Verpackungsmüll
beträgt wiederum rund 10 Prozent. Bei einem Sammelaufkommen von
6 Millionen Tonnen gelangen wir jetzt zu einer Zahl, die man sich
merken sollte: 600 000 Tonnen Plastikmüll. Um die Beseitigung oder
Verwertung dieser Menge dreht sich fast das ganze
Weltuntergangstheater, mit dem uns Umweltpolitiker seit Jahren
mürbe machen – ein Theater, für das in Stadt und Land ganz
neuartige Kulissen aufgerichtet wurden. Sie heißen „Behälter zur
getrennten Wertstofferfassung“, sind groß und rund wie riesige Pickel
im Straßenbild und schießen gleichsam über Nacht aus dem Boden.
Plötzlich scheint die ganze Stadt von einer sonderbaren Krankheit
befallen zu sein, einer Art Abfall-Akne, die sich über das urbane Antlitz
verteilt und es entstellt.
Neben diesen igluförmigen Behältern sind auch andere im Einsatz, die
noch viel monströser wirken. Mit ihren mannshohen Wänden und
abgeschrägten Dächern parodieren sie die Grundform eines Hauses.
Mit ihrer blässlichen Lackierung imitieren sie treffend Ton und Typ
deutscher Nachkriegsfassaden. Indem sie stets zu mehreren
zusammenstehen, bilden diese metallischen Müllhäuser regelrechte
Dörfer. Was im einzelnen wohin gehört, findet sich in Anschlagtexten
umständlich erklärt. Doch da die Regeln der Mülltrennung allen
Menschen, die guten Willens sind, täglich neue Rätsel aufgeben, sind
diese Abfallsammelstellen beliebte Treffpunkte, an denen die
Bewohner des jeweiligen Stadtviertels über die
Entsorgungsproblematik und andere Herzensangelegenheiten reden –
ähnlich einem Dorfbrunnen, nur dass man hier nichts Frisches holt...
Achtung, wir kommen!
Und zwar meistens mit dem Auto. Es gehört zu den Paradoxien des
sich so manifestierenden Umweltbewusstsein, dass man ihm nur um
den Preis größerer Umweltbelastung gerecht wird. Das gilt nicht nur in
Bezug auf Gestank und Energieverbrauch, sondern auch für den
dabei entfesselten Lärm. Nicht nur, dass Anfahrt, Abfahrt,
Türenschlagen und Motorengebrumm den Anliegern das Leben zur
Hölle machen, es sind vor allem die Geräusche der
Containerbenutzung selbst, wodurch die Wohnsituation einen Zug ins
Elende bekommt. Das Zerbersten von grünen, braunen und weißen
Flaschen beschränkt sich keineswegs auf die angeschlagenen
Einwurfzeiten; oft prasselt der Scherbenregen in die nächtliche Stille,
oft ist sogar der lustvolle Schwung, mit dem jemand das Leergut seiner
soeben aufgeräumten Küche entsorgt, deutlich vernehmbar – so wie
man bei einer Schiffstaufe eine Champagnerbouteille am Rumpf
zerspritzen lässt. Nur dass hier – Dialektik des Recyclings– alles ins
Gegenteil verkehrt ist.
Jeder kennt das Lizenzsiegel der Firma namens „Duales System
Deutschland“, kurz: DSD. Der Grüne Punkt hat einen globalen
Siegeszug hinter sich; er ist mit über 450 Milliarden verkauften
Einheiten pro Jahr zum weltweit meistgenutzten Markenzeichen
geworden. Wer in Süditalien eine Flasche Wasser oder in England
einen Schokoriegel kauft, entgeht nicht dieser Yin-und- Yang-artigen
Vignette, auf der sich zwei Pfeile umeinander biegen: Werde, was du
warst. Hebe die Zeit auf. Mache die Geschichte rückgängig. Schaffe
die Entropie ab.
Noch haben die Menschen in Süditalien oder England nicht völlig
begriffen, was ihnen da von deutschen Abfallphilosophen eingebrockt
wird: eine radikale Müll-Ontologie, wie sie nur in den Köpfen von
Konsumverächtern, Genussfeinden und Lebensverneinern entstehen
kann. Der Schatten dieser Denkart legt sich auf alles, was man
begehrt, erwirbt, benutzt und verbraucht, auf alles, was existiert, auf
alles Dingliche in unserer Welt: Es ist Müll.
„Müll“, ruft das Abfallbewusstsein, wenn wir uns an einem Gegenstand
erfreuen; und was immer wir besitzen, das Abfallbewusstsein sinnt auf
Entsorgung. Dieser unfrohe, deutsche Zug verbirgt sich seit zehn
Jahren hinter dem Grünen Punkt. Achtung, ihr Leutchen in Süditalien,
England oder anderswo: Wir kommen schon mit unseren bunten
Biotonnen!
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