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tootsie schrieb am 10.4. 2007 um 17:04:42 Uhr über

Metamorphose

Metamorphose

Seit Wochen hatte ihr Flattern die Luft erfüllt. Bei Tag und bei Nacht, bei Sonnenschein und bei Regen zogen die seltsamen roten Schmetterlinge in riesigen Schwärmen über den Himmel. Bisher hatte niemand eine Erklärung für das Phänomen gefunden und die Experten rätselten über den Ursprung der Insekten.

Milliarden und Abermilliarden Schmetterlinge folgten den großen Luftströmungen rund um den Globus und bisher kannte keiner den Grund dafür. Sie verdunkelten den Himmel und im Sonnenlicht tauchten sie die Welt in ein unheimliches Purpurrot. Beständig ging ein Regen aus sterbenden und toten Insekten auf die verwirrte Welt nieder und erstickte allmählich das alltägliche Leben der Menschen.

Ich selber zog mich damals gekränkt und verletzt vom Schlachtfeld sozialer Interaktion zurück und schloss mich in meinem Zimmer ein, um ein letztes Mal meine Wunden zu lecken. Ich hatte immer versucht, so zu sein, wie sie mich haben wollten, ohne dass es mir jemals gelungen wäre, einer von ihnen zu sein. Menschen sind seltsame Wesen und grausam in ihrem Urteil, und sie haben mir mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass sie mich auf Grund meiner seltsamen, unerklärlichen Andersartigkeit nicht um sich haben wollen.

Ich hatte also endgültig beschlossen, meinem Schmerz, meiner Angst und meiner verzweifelten Einsamkeit ein Ende zu setzen. Weinend stand ich am offenen Fenster und blickte hinaus in das purpurrote Licht dieses Tages, den ein widernatürlicher Himmel rahmte, von dem sterbende Schmetterlinge fielen. Dies wären also die letzten Eindrücke einer Welt, die ich zu verlassen mich anschickte: endlose, rote Ströme, die hoch über mir von Horizont zu Horizont trieben und münzgroße Fetzen von Chitin, die tanzend und taumelnd zu Boden segelten.

Die Utensilien für mein Vorhaben lagen bereit: Eine Rasierklinge und eine Flasche Wodka. Mein Herz wurde leicht. Ich lachte in mich hinein und gab mich der seltsamen Heiterkeit hin, die vermutlich jeder Selbstmörder kennt. Ich trank. Ich trank Wodka und das Gefühl unbeschreiblichen Triumphs. Ich lachte, ich weinte und schaute hinaus in die Welt, die nach und nach unter toten Insekten begraben wurde. Es kümmerte mich nicht im Geringsten und ich wäre nie im Traum darauf gekommen, dass dieses seltsame Naturereignis mit meinem eigenen Schicksal verbunden sein könnte.

Ich setzte die Rasierklinge längs an mein Handgelenk und suchte nach der Stelle, an der unter der Haut die Arterie verborgen ist, in der mein lästiges Leben noch pulsierte. Ich lachte und führte einen Schnitt. Irritiert stellte ich fest, dass ich nichts spürte. Ich schnitt noch einmal, aber meine Haut war gefühllos und klaffte auseinander wie trockenes Pergament. Ich konnte tote Fetzen abziehen und sah darunter weiches, leicht geädertes Gewebe. Erschrocken sog ich Luft ein. Die Haut über meinem Brustkorb riss mit einem dumpfen, fast empörten Geräusch. Erschrocken ließ ich mich in einen Sessel fallen, was zur Folge hatte, dass meinem wachsenden, sich verändernden Körper nun auch die Haut an meinen Oberschenkeln zu en wurde. Und in diesem Augenblick hörte ich zum ersten Mal ihre Stimme. Die Empfindung, die meinen verkrüppelten menschlichen Verstand endgültig beiseite schob, war überwältigend. Die Stimme der Schmetterlinge betäubte meinen Schmerz und legte sich wie Balsam über meine zerfetzte Seele.

Sie riefen mich, sie begrüßten mich und sie besangen mich und ich stürzte zu Boden und erstarrte. Während der Puppenruhe sangen ihre Stimmen weiter in meinem Kopf und geleiteten mich durch die wirren Träume meiner Metamorphose. Und als die Zeit gekommen war, gab die tote Chitinhülle mich wieder frei und ich erhob mich als roter, taumelnder Schwarm. Einen Moment kreiste und tanzte ich noch über den Resten meiner bisherigen Existenz und schwebte dann durch das offene Fenster hinauf zu den endlosen Strömen von flatterndem, roten Leben, um meine eigene Stimme zu erheben und in den mächtigen Choral der Schmetterlinge einzustimmen. Und dann fing die Geschichte an


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