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Charch schrieb am 1.5. 2003 um 22:27:41 Uhr über

Mittelalter

Mensch und Heilkunde bei Hildegard von
Bingen
(Teil 1)



1998 feiern wir die neunhundertste Wiederkehr des Geburtstags einer Frau des Mittelalters, die in
den letzten Jahren weit über den engeren Kreis der Theologen und Mediävisten hinaus nicht nur in
Deutschland, sondern in der ganzen westlichen Welt bei alt und jung, bei Menschen
unterschiedlichster Herkunft, bekanntgeworden ist wie wohl keine andere Frau jener Jahrhunderte.
Hildegard wird, so muß man sagen, in Anspruch genommen, dient als Zeugin für viele, kaum
vereinbar erscheinende Aussagen. Vielseitig war sie, das steht immerhin fest, wie nur ganz wenige.
Doch darf man in Hildegard von Bingen auch (wie es der Titel eines 1927 erschienenen Buches
suggeriert) die erste deutsche Ärztin und Naturforscherin sehen?

Ehe man auf diese und ähnliche, damit zusammenhängende Fragen eine Antwort versuchen kann,
ist es angebracht, sich einige wichtige Stationen ihres Lebensweges ins Gedächtnis zu rufen.

Hildegards Leben

Als 10. Kind des Edelfreien Hildebertus und seiner Gattin Mechthild wird Hildegard 1098 in
Bermersheim, wenige Kilometer nördlich von Alzey in Rheinhessen, geboren. Im Alter von acht
oder neun Jahren kommt sie in die Obhut einer nur wenig älteren entfernten Verwandten, der 1090
geborenen Jutta von Spanheim (heute Sponheim), die sich mit anderen Frauen bei dem
benediktinischen Männerkloster auf dem Disibodenberg, am Zusammenfluß von Glan und Nahe,
1112 als Klausnerin niederläßt. Nach Juttas Tod (1136) übernimmt Hildegard die Leitung über die
inzwischen angewachsene Gemeinschaft frommer Frauen auf dem Disibodenberg. Ein eigenes
Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, nördlich der Mündung der Nahe in den Rhein, begründet
sie 1147; die Lösung vom Kloster auf dem Disibodenberg war schwierig, da sich der Abt dagegen
stellte, doch Hildegard setzte sich hier wie auch bei zahlreichen späteren Gelegenheiten gegen
äußere Widerstände durch.

1147, im Alter von rund 50 Jahren, arbeitet sie auch an ihrem ersten großen Visionenbuch, dem
Scivias (»Wisse die Wege«), das sie 1141 auf göttlichen Befehl begonnen hatte und 1151, zehn
Jahre nach dem Beginn der Niederschrift, abschließen wird. Im selben Jahr 1147 korrespondiert
sie mit Bernhard von Clairvaux, dem weithin berühmten, nur wenig älteren (* 1091) Kirchenlehrer
und Begründer der mittelalterlichen Mystik; der Erzbischof von Mainz erhält bereits fertiggestellte
Teile des Scivias übersandt und leitet sie an Papst Eugenius den III. weiter, als der sich zu einer
Synode in Trier aufhält. All das läßt erkennen, daß Hildegard damals eine Stellung erlangt hat, die
sie von anderen Nonnen und Äbtissinnen unterscheidet. Vier zwischen 1158/59 und 1170
unternommene pastoral motivierte Reisen und eine ausgedehnte, erhaltene Korrespondenz mit
bedeutenden Gestalten der Kirche bis hin zum Papst und mit Vertretern der weltlichen Macht bis
hin zum Kaiser unterstreichen dies. (Daß es sich hier vielfach um engere und weitere, auch durch
Heirat dazugekommene Verwandte der aus dem Adel stammenden Hildegard handelt, muß
berücksichtigt werden, damit wir uns kein falsches Bild machen. Inwieweit sie realen Einfluß hatte
oder nehmen wollte, muß dahingestellt bleiben.)

In der Mitte der sechziger Jahre begründet sie ein weiteres Frauenkloster (St. Giselbert) auf der
Bingen gegenüberliegenden Rheinseite, in Eibingen. Als sie am 17. September 1179 stirbt,
hinterläßt sie ein dem Umfang und dem Gewicht nach bedeutendes Werk, das außer den
Visionenbüchern - auf das Scivias folgten ein Liber vitae meritorum und ein Liber divinorum
operum - ihre Kompositionen geistlicher Gesänge, zu denen man auch das Spiel vom Ordo
virtutum stellen kann, die schon erwähnte Korrespondenz, eine Reihe kleinerer christlicher
Schriften und solche zur Medizin und Naturkunde umfaßte, auf die wir noch besonders
zurückkommen werden. Von ihrer Autobiographie haben sich zwölf längere Abschnitte durch
wörtliches Zitat in der von ihrem Sekretär Gottfried begonnenen und 1181 von Theoderich
(Theodericus) von Echternach vollendeten Lebensbeschreibung erhalten.

Die Sprache, derer sich Hildegard bedient, ist - wie könnte es anders sein? - die Sprache der
Kirche, das Lateinische. Wir wissen über Hildegards Bildungsgang fast nichts; aber wie sie
schreibt und die Tatsache, daß sie sich ihr Latein (casus, tempora et genera heißt es in
Theoderichs Vita) von Helfern verbessern, redigieren läßt - was auf jeden Fall für die meiste Zeit
ihres Lebens gilt -, weist darauf hin, daß wir uns nicht vorstellen dürfen, sie habe etwa Unterricht in
der Klosterschule auf dem Disibodenberg erhalten. Wenn es eine solche Ausbildung im dortigen
Kloster damals gab, hat Hildegard davon - ihr Sprachstil zeigt es deutlich - nicht profitiert; ihre
Sprachkenntnisse sind durch den täglichen Umgang mit den liturgischen, biblischen und
theologischen Texten immer weiter gewachsen, an ihnen gleichsam 'geschult'. Was sie von Jutta
lernen konnte, war, so sagt sie selbst, kaum das Alphabet. Die Möglichkeit des Zugangs zum
Verständnis der Bibel, der Kirchenväter und der Philosophen wird ihr, wie sie berichtet, in einer
Vision geschenkt. Die Forschung hat erkannt, daß dieser Vorgang bei Augustinus in den
Confessiones in ähnlichen Worten beschrieben wird, und daß wir bei Hildegards sicher ernst
gemeinten Beteuerungen ihrer eigenen Unwissenheit nicht vergessen dürfen, daß dabei auch ein
damals geläufiger Topos zumindest anklingen mag.

Die Frage der Bildung und der Bildungsquellen, d. h. der zugänglichen Literatur, ist gerade für den
wichtig, der sich mit den naturkundlichen und medizinischen Aussagen Hildegards befaßt. Klöster
waren im Mittelalter nicht nur Burgen des Glaubens, sondern auch Burgen der Wissenschaft,
Bewahrer der Überlieferung des Wissens aus der Antike: Lorsch z. B., Fulda, die Reichenau,
Echternach sind uns als Orte bekannt, wo man medizinische Schriften finden konnte. Vom Kloster
auf dem Disibodenberg wissen wir in dieser Hinsicht nichts, auch darüber hinaus nichts hinsichtlich
einer Bibliothek oder eines Scriptoriums, wo Bücher durch Abschreiben vervielfältigt worden
wären, und wie Hildegard selbst eines auf dem Rupertsberg einrichtet (von dort stammt der
berühmte Wiesbadener Riesenkodex). Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als in dieser
Frage äußerst vorsichtig zu sein und die Untersuchung bezüglich möglicher Quellen für jede Stelle
einzeln und neu zu führen, da Hildegard selbst uns keine Hinweise gibt.

Die »Hildegard-Medizin«

Bedenken dieser Art entfallen, wenn man in Hildegard, pointiert formuliert, nur das Werkzeug, die
unwissende Vermittlerin einer göttlichen Botschaft sieht:

"Wunderbar ist Gott in seinen Heiligen und sehr merkwürdig die Welt in ihrem Urteil. Da hat ER
vor achthundert Jahren (um 1155 nach Christus) einem armseligen Geschöpf seine Medizin
geoffenbart, für alle Welt greifbar - und kein einziger Mensch unserer Tage hat bisher diese
Tatsache ernsthaft zur Kenntnis genommen als allein der Verfasser des vorliegenden Buches."

So beginnt die Einführung in das Werk So heilt Gott, eines Buches, das allein in seiner deutschen
Originalfassung mehr als einhundertfünfzigtausendmal verkauft worden ist. Erst seit seinem
Erscheinen im Jahre 1970 gibt es die »Hildegard-Medizin«, wie sie von ihren Anhängern und von
ihren Gegnern genannt wird. Die Hildegard-Medizin charakterisiert der Verfasser des Buches im
Untertitel als »neues Naturheilverfahren«, 'neu' selbstverständlich im Sinne von 'unbekannt' und
'Naturheilverfahren' im Gegensatz zu einer Medizin, deren Arzneischatz überwiegend synthetische
Pharmaka einsetzt.

Der Prophet der Hildegard-Medizin und Autor von So heilt Gott war der Arzt Dr. med. Gottfried
Hertzka (1913-1997). Seine Hildegard-Praxis in Konstanz wird, seit er sich zur Ruhe setzte, von
dem als Heilpraktiker ausgebildeten Dr. rer. nat. Wighard Strehlow weitergeführt.

Die Autorität dieser Hildegard-Medizin beruht auf der Annahme bzw. Voraussetzung, bei den uns
überkommenen medizinischen Schriften Hildegards handele es sich um göttliche Offenbarung, also
Gottes medizinische Botschaft für die leidende Menschheit (wobei an den christlichen Gott, speziell
den von Katholiken verehrten, gedacht ist). Die zahlreichen beobachteten Heilungen erwiesen
diese Annahme als zutreffend; auch im eher theoretischen Bereich der Physiologie und Pathologie
seien erstaunliche Kenntnisse dargelegt, die unserer heutigen wissenschaftlichen Sicht z. T.
entsprächen, z. T. über sie hinausgingen.




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