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Thomas Brackel schrieb am 31.3. 1999 um 13:41:27 Uhr über

sein

Bestseller

Für den letztjährigen Urlaub an der Ostsee kaufte ich mir einen
Bestseller. Jedenfalls stand das quergedruckt auf dem Buchdeckel. Ich
weiß nicht, in welcher Bestsellerliste das Buch aufgetaucht war, nehme
aber an, es war eine amerikanische, weil das Buch aus den U.S.A. kam
(Import en gros wahrscheinlich). Den Namen des Autors habe ich leider
auch vergessen, denn der könnte mich vor solchen Dingen in Zukunft
sicher besser schützen.

Ich versuchte es wirklich mit meinem bestem Willen, denn irgendwie muß
man sich im Urlaub schließlich beschäftigen, dachte ich, am Strand oder
wo man sonst noch hingehen muß im Urlaub. Da wurde irgendwer
hinterrücks ermordet und als der Held der Geschichte diese
Angelegenheit näher in Augenschein nehmen wollte, obwohl er
professionell dazu gar nicht verpflichtet war und aus einem ganz
anderen Grund dort, wollte irgendwer auch ihm hinterrücks ans Leben. Er
fiel dann in einen Fluß, wäre beinahe ertrunken, tat es dann aber doch
nicht, sondern rettete sich ans Ufer, wurde dabei vom Mörder, er
vermutete zeitweilig sogar, es könne sich um mehrere Mörder handeln,
beobachtet, was der Mörder oder einer derselben mit mindestens zwei
Schüssen quittierte, die unser Held aber auch überlebte, woraus ich
mindestens zu schließen bereit war, daß es sich hier um den Helden der
Geschichte handeln müsse. Später lernte ich, daß dies ein
vielversprechender Anfang eines Romans war. Es gäbe da auch welche,
durch die man sich regelrecht kapitelweise hindurchkämpfen müsse, bis
man schließlich dahin käme, wo etwas los wäre und die Geschichte
spannend würde. In dem Fall ist dann wohl der Leser der eigentliche
Held.

Alles andere, das Hotel, das Telefon, das Essen, der Whiskey, der
Flughafen, der Zimmerkellner weniger, weil der, wie der Rest des
Personals auch, plötzlich irgendwie verdächtig war, aber der Fahrstuhl,
der Leihwagen, der Eiffelturm, die Müllabfuhr und so fort war eher
gewöhnlich, wie sonst und anderswo auch, aber wir waren hier in Paris,
wo Amerikaner sich auffällig gern aufhalten, wenn jemand sie ermorden
will. Natürlich werden mehr in New York ermordet, aber dann hat das
meistens seinen guten Grund, hinter den auch irgendwer ziemlich schnell
kommt. In einem Bestseller darf es der besseren Unübersichtlichkeit
halber aber gern auch Paris sein.

Der hier war nun also aus irgendeinem Grund, es war wohl ein Kongreß, in
Paris und ein Pariser oder sonstwer hinter ihm her, und er hatte nicht
die blasseste Ahnung weshalb. Der Bestsellerautor hatte sich wohl
gedacht, wenn so etwas hinter einem her ist, dazu in Paris, und der
arme Kerl hat keine Ahnung weshalb, dann steigert das die Spannung oder
biegt die Spannungskurve nach oben. Das war aber nicht so, denn der
arme Kerl wußte mit seiner Situation wirklich nichts anzufangen und
stolperte einfach in die nächste typische, die einem Amerikaner in
Paris - wir kennen das ja seit den frühen 50ern - so über den Weg
laufen. Ganz zufällig. Da kam dann auch die in solchen Situationen,
zumal in Paris und in der Situation gewohnte Stimmung auf, und weitere
ganz reizende Situationen waren dabei sich zu ergeben, aber die
Spannungskurve bog sich doch extrem nach unten, obwohl auch dieser
Mörder noch dazwischenfunkte und alle Beteiligten mit dem Fahrstuhl in
ihre Wohnung flüchten mußten, die der Übeltäter aber auch sehr schnell
orten konnte.

Das legte entweder dem Helden selbst oder dem Bestsellerautor die
Vermutung nahe, es könne sich um irgendeine Verschwörung handeln und
die Verschwörung etwas mit dem Kongreß zu tun haben. Statt nun einfach
zu sagen: o.k., war ein Irrtum, die Mörderei auf sich beruhen oder der
Polizei zu überlassen, nein: dann wird auch noch versucht, irgendeinem
überforderten Inspektor - das sind die in solchen Romanen sehr oft,
wohl wegen des Lesers - die ganze Geschichte weiszumachen. Der wollte
oder konnte das natürlich nicht glauben, erst als noch irgendetwas
passierte und sogar ein Rasenmäher daran beteiligt war, schaltete der
Inspektor, den Dienstweg meidend und statt diesen in Anspruch zu nehmen
einen alten Schulfreund den Geheimdienst ein. Den französischen und der
alte Freund auch gleich noch das CIA. Wegen des amerikanischen
Staatsbürgers, des Kongresses und vor allem wegen des Rasenmähers.

Ich hatte inzwischen keine Hoffnung mehr, hinter das Rätsel all dieser
Zusammenhänge zu kommen, beförderte den Bestseller in ... lassen wir
das, und wollte mir ein anderes Buch kaufen. Es gab dort aber fast nur
Bestseller, allenfalls noch Goethe, den ich im Urlaub aber auch nicht
gern lese, und weil der auch selten so richtig spannend ist, wie man
das im Urlaub gern hat, weil diese Urlaubsorte alle so furchtbar
langweilig sind.

Leider konnte ich nun das weitere Befinden des Helden der Geschichte
nicht mehr erkunden, der eigentlich ein netter Kerl war. Ich fand dann
einen anderen netten Kerl, auch ohne Roman, mit dem ich mich sehr
angeregt über Urlaubsorte, Paris, die U-Bahn und weitere überschaubare
Dinge unterhielt, was dazu führte, daß der Urlaub plötzlich wesentlich
schneller, als ich noch mit dem Roman kämpfend erwartet hatte, sich dem
Ende zuneigte. Wir versuchten auch herauszubekommen, was Bestseller
sind und wie sie zustandekommen, kamen aber zu keinem erwähnenswerten
Ergebnis. Offenbar ist es ja so, daß niemand das Buch, das er zu kaufen
gedenkt, erst einmal durchliest, dann noch zwei oder drei andere, um
sich schließlich für eines zu entscheiden. Die Buchhändler mögen so
etwas nicht und vor dem Urlaub hat man dazu ja auch gar keine Zeit.
Deshalb ist so eine Bestsellerliste schon praktisch, ein Aufdruck
ebenfalls, der einen auf die Qualität des Buchs hinzuweisen trachtet.
Nur hat der Aufdruck sichtlich wenig mit dem Genuß zu tun, der einem
solchen Romans zu entlocken ist, jedenfalls nicht in jedem Einzelfall.
Bei sogenannten Sachbüchern soll das ähnlich sein, da spielt aber das
aktuelle öffentliche Interesse an der im Sachbuch abgehandelten Sache
eine ganz besondere Rolle. Bei einem Roman über mehrere Morde in Paris
kann das nicht der Fall sein.

Da gibt es allenfalls Moden. Einmal sind die alten Ägypter in, dann die
Börse, danach Erdbeben und nachgebaute Saurier. Leichen natürlich
immer, Paris manchmal, aber das sind schon wieder keine zuverlässigen
Trends. Manche Leute sind auch nicht trendy enough, um der strikten
Hinwendung zum aktuellen Trend hinreichend Genuß entnehmen zu können.
Dann muß man das Lesen im Urlaub vergessen und auf die Verfilmung des
Stoffs warten. Die beste Szene in Jurassic Park ist die, in der dieser
Saurier in der Küche den tapferen kleinen Mann sucht, und dabei genervt
mit den Fingern auf den Küchentisch trommelt. Die Szene kommt im Buch
gar nicht vor.

© Copyright 1999 Thomas Brackel All rights reserved.



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