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Gestern ging ich einen schmale Fußgängertreppe zwischen der Unteren Marktstrasse und der Clara-Zetkin-Strasse entlang. Normalerweise gehe ich ja die Untere Marktstrasse bis zum Ende, der Kreuzung zur Friedrich-Rückert-Strasse, weil dort meine Buchhandlung ist - aber dort wird gerade furchtbar gebaut und gebaggert an der Kreuzung - also mußte ich diesen kleine Treppe runterlaufen - und da stand sie, im prallen Sonnenschein des 1. August leuchteten sanft sonnenbraune nackte Schultern aus einem schlauchartigen, hell-beige-nem Oberteil heraus. Schlank und ebenmässig war ihre Figur, schwarz und kurzgeschoren ihr Haar - bis auf eine handbreite Tolle, die von der Schläfe bis unters Kinn fiel: apart, ebenso wie die leicht schräg abfallenden Augen, und die schräg nach unten gezogenen Mundwinkel, die starke Nase. Schade, daß sie nicht Kaugummi kaute - es hätte so gut gepasst. Statt dessen rauchte sie eine dieser bräunlich gefärbten Sticky-Zigaretten und sprach mit einem etwa gleichaltrigen jungen Mann, der sich im vergleich zu ihr ausserordentlich gewöhnlich und langweilig ausnahm. Sie berührten sich nicht, auch nicht zum Abschied. Ich sah mich um - schon auf der Clara-Zetkin-Strasse, und tatsächlich, sie kam mir hinterher, hatte ein Stückweit gleichen Weges. Gerne lies ich mich überholen, und atmete tief ein, als ihre nackten Schultern links vor mir einscherten. Welch Freude: kein Nuttendiesel, kein Baumarkt-Deo verunstaltete ihren nur leicht wahrnehmbaren Geruch. Sie war auch nicht durch piercings oder tatoos entstellt - zumindest sah ich keine. Was ich sah, war die leichte Transparenz ihrer hell-beige-enen Shorts, unter der sich breite dunkele Bänder wie Schwingen über ihren Poansatz legten, und das ebensolche Band ihres Trägerlosen - ihre Brüste waren nicht allzugroß, aber immerhinque war eine Fixierung bei diesem outfit durchaus angebracht gewesen. Ihre Flip-flops knatterten leise auf den Fliesen. Vor mir ging sie durch die Schloßparkpassage, die Treppe hinunter zum Fluß, und bog dann leider Richtung Friedrich-Rückert-Strasse und subway-Imbiss ab, während ich mich dem Schloßpark zuwandte. Gerade einmal 50, 60 m gemeinsamen Weges hatten wir geteilt. Die erste Bank war meine, und etwa eine halbe Stunde saß ich da, mit dem Bild dieser jungen Frau - so Ende zwanzig schätzte ich sie - vor dem inneren Auge, der inneren Nase und dem inneren Ohr. Die Frage, ob sie wenigstens gelegentlich Kaugummi kauen würde, beschäftigte mich noch den ganzen Sommernachmittag bis heute zum Frühstück.
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