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solarschule schrieb am 19.2. 2003 um 05:02:28 Uhr über

Untersuchung


2002
Initiative Nachrichtenaufklärung und Netzwerk Recherche stellen die
Liste der am meisten vernachlässigten Nachrichten und Themen des
vergangenen Jahres vor

Im Jahr 2002 gab es eine Fülle wichtiger Themen, über die in den
Medien unzureichend berichtet wurde. Die Initiative
Nachrichtenaufklärung und das Netzwerk Recherche haben am 15.
Februar 2003 die Top Ten der vernachlässigten Themen 2002
vorgelegt. Die Untersuchung und Analyse der Themen wurde von
Journalisten, Wissenschaftlern und Studierenden der Journalistik und
der Medienwissenschaft vorgenommen. Auf Platz 1 der Liste setzte
die Jury das ThemaVergessene Kriege". Auch über die
Verabreichung von Psychopharmaka an Menschen in Altenheimen
wurde nur ungenügend informiert. Nur sporadisch berichteten Medien
über lebenslänglich Verurteilte, die hinter Gittern vergessen werden.

Die Top Ten im Einzelnen:

1.Vergessene Kriege
Das Friedensforschungsinstitut SIPRI zählt derzeit auf der Welt
15 Kriege mit zahlreichen Opfern. Elf dauern bereits länger als
acht Jahre, die meisten davon innerhalb afrikanischer Länder.
Amnesty International bezeichnet die marokkanisch kontrollierte
Westsahara als eines der Gebiete, in denen die Menschenrechte
am wenigsten geachtet werden. Kostspielige
UNO-Interventionen wie in Sierra Leone bleiben in der Regel
ergebnislos. Solche fortdauernden Kriege bleiben in den meisten
Medien unberücksichtigt.
2.Altenheime: Pflegeleicht durch Psychopharmaka
Menschenunwürdige Schikanen und Misshandlungen in
Altenheimen werden dann publik, wenn die Staatsanwaltschaft
einschreitet. Der stille, ständige und viel weniger beachtete
Skandal besteht jedoch darin, dass den alten Menschen häufig
Psychopharmaka in großen Mengen verabreicht werden, um sie
ruhig zu stellen und besser unter Kontrolle zu halten. So wird
den Bewohnern mangels Personal Lebensqualität geraubt.
3.Lebenslänglich vergessen
Viele Menschen glauben, wer zuLebenslänglich" verurteilt ist,
sitzt höchstens 15 Jahre hinter Gittern. Doch statistische Daten
belegen, dass die Haftzeiten in Deutschland oft erheblich länger
sind. Viele dieser Häftlinge sind keine Triebtäter, sondern
Konflikttäter mit geringer Rückfallgefahr. Über die Frage, wie
oft »Lebenslänglich« für Gefangene in Deutschland einen Tod
hinter Gittern bedeutet, wird kaum diskutiert. Im Vordergrund
der Berichterstattung stehen die Strafen für Kindermörder und
andere Sexualtäter.
4.Unmenschliche Abschiebung
In Deutschland werden Abschiebehäftlinge oft unmenschlich
behandelt. Viele Häftlinge verbringen täglich 23 Stunden in ihren
Zellen. Die in Auslieferungsverfahren vorgelegten Belege
würden in den meisten Fällen nicht für ein Gerichtsverfahren
reichen. Im Grundgesetz verbürgte Rechte gelten für sie nicht.
5.Expo-Opfer
Die verheerenden Folgen für viele mittelständische
Unternehmen, die sich an der Expo 2000 in Hannover beteiligt
haben, bleiben in den Medien weitgehend unbeachtet. Etliche
Firmen haben im Vertrauen auf Zusagen der Veranstalter
Millionenbeträge investiert. Die Expo-Beteiligungsgesellschaft
verweigerte vereinbarte Zahlungen mit dem Hinweis, die
Besucherzahl sei unter den Erwartungen geblieben. Jetzt
schlittern viele Firmen in den Konkurs. Nach dem PR-Rummel
um die Weltausstellung hat das Thema keine Konjunktur mehr.
6.Schrottplatz Irak
Kriege sind für die Militärs auch eine Chance, Altlasten aus den
Depots loszuwerden. Bereits 1990 wiesen amerikanische
Armee-Sprecher in Deutschland darauf hin, dass der
bevorstehende Golfkrieg die ideale Voraussetzung für die
Entsorgung alter Munition sei. Eine fachgerechte Beseitigung
würde die US-Army das Fünffache kosten, preisgünstiger sei es,
technisch veraltete Munition und Bomben über dem Irak
abzuschießen. Im Hinblick auf einen möglichen Golfkrieg 2003
sollte dieser Aspekt in den Medien nicht vernachlässigt werden.
7.Blockade der UNO-Menschenrechtskommission durch
Mitgliedsstaaten
In der UNO-Menschenrechtskommission stimmen auch Länder
mit, die selbst gegen die Menschenrechte verstoßen haben. Ihr
Einfluss ist inzwischen so groß, dass sie selbst nicht
angeprangert werden. „Human Rights Watch" wirft den
EU-Staaten vor, zu wenig gegen diese Manipulationsgefahr in
der Kommission zu unternehmen.
8.Druckmittel UN-Finanzen
Die USA üben auf die UNO finanziellen Druck aus.
Mitgliedsbeiträge werden über Jahre zurückgehalten. Gezahlt
wird nur, wenn politische Zugeständnisse zu erwarten sind.
Dieses Instrument haben die USA vor dem Afghanistan-Krieg,
aber auch 2003 wieder eingesetzt. Das US-Repräsentantenhaus
bewilligte unter Verweis auf die „Nützlichkeit" eine Zahlung in
dreistelliger Millionenhöhe für die Vereinten Nationen. Ziel ist es
diesmal, die UNO im Kampf gegen Saddam Hussein gefügig zu
machen. Trotz der umfangreichen Berichterstattung über den
Irak-Konflikt spielt dieses Thema keine Rolle.
9.Risiken von Kindern suchtkranker Eltern
Über die Volkskrankheit Alkoholismus und andere
Suchtkrankheiten wird immer wieder berichtet. Selten stehen die
Kinder aus solchen Familien im Mittelpunkt der
Veröffentlichungen. Fakt ist jedoch, dass diese Kinder sechs
mal häufiger selbst suchtkrank werden als ihre Altersgenossen
aus normalen Familien. Betroffen sind in Deutschland acht
Millionen junge Menschen; rund ein Viertel ist jünger als 18
Jahre.
10.Ostdeutsche Kommunen hochverschuldet
Die ostdeutschen Städte und Gemeinden sind besonders stark
verschuldet, obwohl die gesamtdeutsche Schuldenlast bei der
Wiedervereinigung nicht durch die neuen Länder angestiegen
ist. Zumeist wird nur über die Schulden der Länder berichtet,
nicht aber, warum speziell ostdeutsche Kommunen so hoch
verschuldet sind.

Seit Jahresbeginn 2002 kooperiert das Netzwerk Recherche mit der
Initiative Nachrichtenaufklärung. Diese wurde im Mai 1997 gegründet,
um einmal im Jahr eine Rangliste der in Deutschland am meisten
vernachlässigten Themen und Nachrichten zu veröffentlichen. Auf der
Basis aller Vorschläge, die sowohl von Medienschaffenden,
gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Institutionen, als
auch von interessierten Bürgern eingereicht werden können,
entscheidet eine Jury über eine Rangliste der Top-Themen, die
stärkerer Aufklärung bedürfen. In der Jury vertreten sind die
Vorstandsmitglieder des Netzwerk Recherche Thomas Leif, Hans
Leyendecker und Christoph M. Fröhder.

Auch im Jahr 2004 sind das Netzwerk-Recherche und die Initiative
Nachrichtenaufklärung wieder auf der Suche nach Themen, über die in
den Medien noch nicht ausreichend berichtet wird.

Nominiert werden Themen, die

der Bevölkerung in Deutschland (und Europa) bekannt sein
sollten, zu denen sie aber nur eingeschränkten oder gar keinen
Zugang hat
für einen Großteil der Bevölkerung relevant sind
eindeutig konzipiert sind und auf zuverlässigen, überprüfbaren
Quellen basieren
trotz ihrer Bedeutung noch nicht von den Medien
(Tageszeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenbriefe, Rundfunk,
Fernsehen, Internet u.a.) aufgegriffen, bzw. recherchiert und
veröffentlicht wurden
die in deutscher oder in einer anderen europäischen Sprache
verfasst sind.

Bitte schicken Sie Ihre Vorschläge per E-mail, Fax oder Post an:

Initiative Nachrichtenaufklärung
Kontakt:
Prof. Dr. Horst Pöttker
Institut für Journalistik / Universität Dortmund
Emil-Figge Strasse 50
D-44227 Dortmund
Tel.: 0231 755 - 2827
Fax: 0231 755 - 5583
E-Mail: info(AT)nachrichtenaufklaerung.de
http://www.nachrichtenaufklaerung.de

oder an:

Dr. Thomas Leif
Tel. 0611-495151
Fax. 0611 -495152
E-Mail: mailto:leif(AT)netzwerkrecherche.de
http://www.netzwerkrecherche.de


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