|
selbst, und daß Widerstand gegen Unterdrückung immer möglich ist, ja, daß man Widerstand leisten muß.
Ausgegangen wird stets von einem konkreten Einzelfall, den jeder einzelne Teilnehmer nachvollziehen und auf sich beziehen kann, an dem er allgeme'ngültige Unterdrückungsmechanismen entschlüsseln lernt.
Ein junger Mann in Buenos Aires erinnerte sich an eine Party, von der er ausgeladen wurde, als seine Kommilitonen erfuhren, daß er Jude ist. So sah die Realität aus. Als wir ihn aufforderten, die Szene ein zweites Mal zu spielen und Widerstand zu leisten, entschloß er sich, allen wohlgemeinten Warnungen zum Trotz (die ebenfalls subtile Formen von Unterdrückung sind), auf der Party zu erscheinen. Obwohl er von einigen Gästen »geschnitten« wurde, hielt er bis zum Ende durch. Im anschließenden Rollentausch war der junge Jude als Unterdrücker und judenhasser viel überzeugender als alle anderen, die zuvor seine Antagonisten gespielt hatten. Er kannte die Diskriminierungsmechanismen sehr viel genauer als die Teilnehmer, die diese Art von Unterdrückung niemals am eigenen Leib erlebt hatten. Dagegen war der junge Mann, der im Rollentausch den Juden spielte, weit hilfloser, als es der ' Jude selbst gewesen war. Der.junge Jude hatte die Diskriminierung bereits verinnerlicht und typische Schutzmechanismen (wie Zynismus) entwickelt. Als er ausgeladen wurde, hatte er eine passende Antwort parat, während der junge Katholik, der ihn im Rollentausch spielte, völlig verstört und hilflos blieb.
Eine schwarze Schauspielerin erinnerte sich an einen Vorfall während ihrer Studentinnenzeit. Als sie in Georgia, in den Südstaaten, Verwandte besuchte, wurde sie mit einer Unterdrückung konfrontiert, die ihr in New York bis dahin völlig fremd gewesen war. Eines Tages ging sie mit ihrer Tante in eine Konditorei, um Eis zu essen. Als sie sich an einen Tisch setzen wollten, kam die Bedienung und machte sie darauf aufmerksam, daß an Farbige nur außer Haus verkauft würde. Im Spiel sollte die junge Frau gegen die Diskriminierung Widerstand leisten. Sie blieb einfach sitzen. Von allen Seiten wurde nun Druck auf sie ausgeübt, auch von ihrer eigenen Familie. Ihr Onkel sagte: »Warum willst du unbedingt dein Eis hier essen, nicht nüt uns zu Hause?« Ihre Freundin wiederholte unaufhörlich: »Komm doch mit uns, was suchst du hier, wenn man uns hier nicht dulden will.« Aber das
40
junge Mädchen war entschlossen, zu bleiben und nicht nachzugeben. In der dritten Phase, dem Rollentausch, spielte die ,junge Schwarze die Bedienung, von der sie aufgefordert worden war, das Lokal zu verlassen, und diese übernahrn ihre Rolle. Der Onkel war nun der Sheriff und zog sofort die Pistole. Ein junger Schwarzer, der einen Freund der Studentin spielte, er riff stracks 9
die Flucht. Der Weiße, der ihn im Rollentausch spielte, ließ es dagegen auf eine Auseinandersetzung mit dem Sheriff ankommen. »Natürlich«, meinte der Schwarze, »du, ein Weißer, kannst es dir leisten. Unsereiner hat selbst im Spiel Angst, daß man auf ihn schießt.«
Ein Volkstheater-Experiment z'n Peru
Am Anfang war das Theater der dithyrambische Gesang: Das freie Volk sang im Freien! Der Karneval. Das Fest.
Dann haben die Mächtigen das Theater okkupiert und trennende Mauern errichtet. Zuerst trennten sie das Volk, indem sie die Schauspieler von den Zuschauern trennten: Leute, die schaffen, und Leute, die gaffen!
Das Fest war aus.
Dann, unter den Schauspielern, wurden die Protagonisten von der Masse getrennt:
Es begann die Zwangsunter-weisung. Das unterdrückte Volk befreit sich. Und macht sich das Theater von neuem zu eigen.
Die Mauern müssen fallen! Der Zuschauer kehrt zum Handeln zurück!
41
|