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Nur zu Testzwecken

Dirk Eckert 11.10.2002

Bisher geheime Dokumente belegen Einsatz von B- und C-Waffen in den USA

Biologische und Chemische Waffen gehören neben Atombomben zu den gefährlichsten
Waffen der Welt. Die Zahl der Toten kann in die Hunderttausende gehen, eine
Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilisten ist nicht möglich. Auch die langfristigen
Folgen für Mensch und Natur sind kaum kalkulierbar. Wie jetzt bestätigt wurde, haben
die USA zusammen mit Kanada und Großbritannien in den Jahren des Kalten Krieges
derartige Waffen entwickelt und getestet.




Eigentlich sollten Rüstungskontrollvereinbarungen - die B- und C-Waffenkonvention - genau
das verhindern. Die Abkommen wurden jedoch mehrfach gebrochen. So wurde nach dem
Zerfall der Sowjetunion bekannt, dass das Land im Kalten Krieg im
Geheimen an biologischen Waffen gearbeitet hatte. Und auch die USA experimentierten
zwischen 1962 und 1971 mit biologischen und chemischen Waffen auf amerikanischem
Boden, wie jetzt das Pentagon einräumte.

Dutzende bisher geheimer Berichte, die das Verteidigungsministerium
am 9. Oktober dem Kongress übergab, zeigen das ganze Ausmaß der amerikanischen
Versuche mit den Massenvernichtungswaffen. Demnach wurden C-Waffen bei Übungen in
Alaska, Hawaii and Maryland eingesetzt, B-Waffen in Florida. Verantwortlich war das
Deseret Test Center in Fort Douglas/Utah, der Code-Name lautete »Project 112«.

Insgesamt 134 Tests sollten ursprünglich durchgeführt werden. Soweit heute bekannt ist,
wurden 62 gestrichen, 46 fanden statt. Was mit den verbleiben 25 Tests geschah, untersucht
das Verteidigungsministerium momentan noch. Es sei aber wahrscheinlich, dass die Tests
nicht durchgeführt wurden, heißt es. "Das Ziel der Tests war nicht, die Auswirkungen von
chemischen und biologischen Waffen auf die menschliche Gesundheit zu untersuchen. Das Ziel
der Test auf dem Land war eher, mehr darüber zu erfahren, wie chemische und biologische
Waffen beeinflusst würden durch das Klima, die Umwelt und andere Kampfbedingungen", so
die New York Times.

Bereits im Mai hatte das Pentagon eingeräumt, dass im Kalten Krieg Schiffe samt Besatzung
bei Manövern mit C- und B-Waffen besprüht wurden. Doch das war auf hoher See, nicht auf
amerikanische Boden. Der Zweck dieser Tests, die unter dem Namen
SHAD (Shipboard Hazard and Defense) liefen, bestand darin, die
Verwundbarkeit der Kriegsschiffe zu testen und zu sehen, wie diese auf einen Angriff
antworten. SHAD war, wie sich herausstellte, ein Teil von »Project 112«.

Das Pentagon versucht jetzt, aufkommende Kritik mit Beschwichtigung zu ersticken. Bei den
Nachforschungen sei festgestellt worden, dass einige weniger gefährliche Substanzen in die
Umwelt entwichen sind: in Florida ein Pilz, in Hawaii sowieso in der Natur vorkommende
Bakterien und ein schwacher chemischer Reizstoff in einer entlegenen Gegend in Alaska.
Tödliche chemische Stoffe seien selbstverständlich nicht in die Umwelt gelangt.

Die an den Manövern beteiligten Soldaten sind laut Pentagon-Mitarbeiter William
Winkenwerder Jr. mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln geschützt worden.
Winkenwerder räumte ein, dass diese im Vergleich zur heutigen Technik sehr primitiv
anmuten. Die Zahl der betroffenen Soldaten wird auf 5500 geschätzt. Unklar ist bisher, ob sich
das beteiligte militärische Personal über den Charakter und mögliche Risiken der Übung im
Klaren war. Wahrscheinlich ist das nicht: Etwa zur gleichen Zeit waren Soldaten
krebserregenden Radarstrahlungen ausgesetzt, und Agent Orange wurde in Vietnam als
Entlaubungsmittel eingesetzt.

Dass die Soldaten Schäden davon getragen hatten, ist auch deshalb zu vermuten, weil die
ganze Untersuchung erst dadurch ins Rollen kam, dass sich Veteranen wegen gesundheitlicher
Schäden, die ihrer Meinung nach von den Manövern herrührten, an Mike
Thompson, einen Abgeordneten der Demokraten aus Kalifornien, gewandt hatten. "Es ist
erschreckend, dass 40 Jahre vergangen sind, bis diese Informationen freigegeben wurden",
kommentierte Thompson die Enthüllungen.

Pentagon-Mitarbeiter gaben inzwischen freimütig zu, dass die
Aufklärung über die Tests nur schleppend voran ginge. Winkenwerder sagte, er könne sich
nicht erklären, warum das Militär drei Jahre gebraucht habe, um mit der Untersuchung zu
beginnen. Seinen Angaben zufolge gingen die ersten Anfragen von Veteranen 1997 ein. Für
das Frühjahr 2003 kündigte er die Veröffentlichung aller relevanter Informationen an.


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