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NeueZürcherZeitung vom 07.06.2003
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Die Frage, warum, noch einmal - nach all den Gesamt- und Sonderausgaben - Celan in einem Band, stellt sich zu Recht, schreibt der Rezensent Leopold Federmair. Umso schöner aber, dass die vorliegende Ausgabe eine überzeugende Antwort zu geben vermag - und zwar mit ihrem »systematischen, umsichtigen und dabei auch konzentrierten Kommentar«, den Barbara Wiedemann verfasst hat. Er enthält bisher, jedenfalls in ihrer Genauigkeit, unbekannte biografische Informationen, vor allem biblio-biografische, nämlich solche, die sich der Auswertung von Celans Bibliothek verdanken. Über Anstreichungen in Werken anderer, ja, an die Ränder anderer Werke geschriebene eigene Gedichte gelingt es, staunt Federmair, die dichten intertextuellen Beziehungsnetze vielfach überzeugend aufzuknüpfen. Was sich, als Ursprung und Bezug, ergibt, ist oftmals eher trivial, ja, kündet von einem geradezu paranoiden Weltbild, wenn Celan etwa - so jedenfalls Wiedemanns Hypothese - mit dem »Unnamen« seines Gedichts »Hafen« die von ihm in den Großkränen »erkannten« Buchstaben A.H. (für Adolf Hitler) gemeint hat (oder haben könnte). Zum Verständnis des Werks, meint Federmair, tragen solche Einsichten nur indirekt bei, indem sie nämlich das Verbergen, ja, die »Scham« vor der Direktheit als Grundmotiv deutlich machen.
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