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NIcklaas schrieb am 2.1. 2019 um 18:47:00 Uhr über

Strenge

Strenge und Lust und Kompetenz

Was Ira (s. unten) über Strenge und Lust geschrieben ist interessant und trifft weiterem zu.

In meiner Erfahrung (60er, 70er Jahre Schulzeit) kam es aber auch sehr auf die Kompetenz an. Ich hatte einige sehr strenge aber eben auch sehr kompetente Lehrerinnen, die einfach alle Ausreden und Abkürzungen kannten, genau kontrollierten, und vor allem den Informationsfluss dominierten. Es gab nicht die breiten Informationsmoeglichkeiten wie Wikipedia, online Wörterbücher für alle Sprachen, Zugang zu fremdsprachlichen Medien usw. .
Das Wissen konnte so mit Dressur verbunden werden ('Ihr müsst erst mal etwas wissen bevor ihr mitreden könnt') Der Trick war, dass es immer neues zu 'Wissen' gab (auch wenn die Inhalte wie z. B. in Geschichte weitherum ideologisch waren) und es nie zum mitreden kam.
Und Fehlverhalten (Gemäß den Regeln die man nicht beeinflussen konnte) wurde bestraft, man sah es bei anderen und bekam es bei Bedarf auch selbst zu spüren. Man steckte in einer Machtstruktur, die unter dem Vorwand operierte, es gehe primär um Wissen.

Allerdings entstand eben auch wirkliches Wissen und Können und die Standards konnten nicht einfach infrage gestellt werden. Die Lehrerin hatte einen enormen Macht-, Kommunikations- und Informationsvorsprung plus in den besten Fällen persönliche Autorität, der ich mich einfach nicht entziehen konnte.( so ging es wohl den meisten)

Das System stützte sich in hohem Mass auf Rituale, das Aufstellen in Zweierreihen und von Mentor oder Lehrerin in die Klasse geführt werden (in den unteren Klassen, begründet mit dem Argument oder Vorwand die Kleinen würden so geschuetzt (aber auch dressiert). Später dann Aufstehen wenn die Lehrerin kommt, Reden nur wenn gefragt / drangenommen, mit dem Klobesuch bis zur Pause warten müssen, Hausaufgaben kontrolliert bekommen, bei als unzureichend bewerteten oder gar nicht gemachten Aufgaben Nachsitzen (oft noch mit Züchtigung - der man sich dank Dressur unterwarf). Nicht die Glocke sondern die Pädagogin schliesst den Unterricht, Informationen an die Frau Mama, die unterschrieben wieder mitzubringen waren, ein Heft in das die Aufgaben einzutragen waren und das sowohl zu Hause wie von der Lehrerin kontrolliert werden konnte (wenn auch nicht immer wurde), das Herausgerufen und an die Tafel beordert werden (wo man erst mal den Ueberblick verlor, wenn man es im Prinzip wusste und immer Angst vor der Autorität im Rücken hatte, das Verspotten und Beschämen derer die intellektuell nicht leuchteten oder sich schlecht ausdruecken konnten (aber vielleicht anderes konnten)...
Dies alles schuf ein Kontrollgehäuse, dem sich wenige entziehen konnten, vor allem nicht wenn nicht aus reichem Haus.

Aber es stimmt, was Ira sagt: Man unterwarf sich, fand es interessant wenn andere bestraft wurden, kooperierte aber auch, wenn es einen selbst betraf, trug der Lehrerin u.U. ungefragt die Tasche oder die vielen Hefte zum Auto, akzeptierte ihre Sprüche und Machdemonstration ('Du meinst zwar, Du brauchst keine Lehrerin, aber Du irrst -- und es ist auch egal. Denn ich bin da - und geh nicht weg'.

fand es peinlich, aber auch irgendwie gut wenn sie nachfragte, und nachfragte und nachfragte bis sie einen hatte, wählte freiwillig die Kurse bei einer besonders strengen (und kompetenten) Lehrerin, wählte noch in der reformierten Oberstufe die Strengste Leistungskurslehrerin als Vertrauenslehrerin (auch weil man ihr ohnehin nicht auskam, was man auch versuchte bei ihr war man immer wie der Hase im Hase und Igel Maerchen - dem der Igel an jeder Etappe sagt bin schon da..) - aber sie war fair und ihre Regeln im Prinzip klar (aber man hatte doch immer wieder Schwierigkeiten, sich die (aus heutiger Sicht offensichtlichen) Konsequenzen seines Tuns vorzustellen.
Also insgesamt ein Gehäuse der Hörigkeit, ein Parieren-muessen, das man sich bei heutiger Informationslage und Machtbalance kaum mehr vorstellen kann, dass aber eben auch zu wirklichem Wissen führte - Man lernte wirklich English trotz begrenztem Medienangebot und erst mal ohne Sprachreisen und man lernte auch Haltungen (keine Ausreden, you are entitled to your own opinion - but not your own facts, never complain, never explain - get it done / get cracking..), die sich dann später sehr bewahrten



Ira schrieb am 2.1. 2019 um 14:17:37 Uhr über
Strenge
Strenge und Lust
Beides geht zusammen,wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Vor ca zwei Jahren habe ich zusammen mit meinem Mann im Urlaub einen Stadtbummel gemacht.Dabei haben wir auch ein Schulmuseum entdeckt.Da eine halbe Stunde später eine »Führung !sattfinden sollte überredete ich meine Mann zu bleiben.Die «Führung »entpuppte sich als Demonstration alter Schulrituale.Wir ( interessanterweise bis auf einen fremden Mann alles Frauen) saßen in alten Schulbänken .Die waren aus Holz,fest mit der dazugehhörigen Bank verbunden und hatten noch ein eingelassenes Loch für das Tintenfass.Der Leiter dieses kleinen Events war ein teuflisch guter Menschenkenner.Er erschien im Anzug und hatte generell eine sehr autoritäre Ausstrahlung.Als er uns scharf aufforderte zu seiner Begrüßung aufzustehen taten das widerspruchslos alle,sogar der Mann.Mit seinem knapp gesprochenes «Setzen» katapultierte er mich in eine andere Welt.Es wurde Geschichtsunterricht gehalten. Erst in diesem Moment nahm ich auch den auf seinem Lehrerpult liegenden Stock war.Auf die Idee,das es sich vlt « nur» um einen Zeigestock handeln könnte kam ich nicht.Auch ließen die knotige Struktur und Länge desselben nur einen Schluß zu.Unser «Lehrer» hielt einen Rohrstock in der Hand!Geschichtsunterricht alter Schule.Daten Schlachten.Noch vor beginn der Stunde hatte er uns beigebracht immer aufzustehen,wenn wir zu einer Antwort aufgefordert wurden.Jede der Teilnehmerinnen war ab und zu dran.Ich sah bei allen Frauen leuchtende Augen,faszinierte Blicke...ja und als ich selbst dran war ,erwischte ich mich dabei wie ich kerzengerade stand,die Hände vorn verschränkt und brav antwortete.Mein Mann der im Nebenraum genüsslich Kaffee trank behauptete später,ich hätte rote « Apfelbäckchen» gehabt und keinen Blick vom « Lehrer» gelassen.Interessanterweise ließ er den einzigen « Schüler » im Raum völlig ungeschoren.Als eine noch recht junge Frau,ich schätze sie auf 27 ,gar nicht anworten konnte,schickte er sie in die Ecke.Fast atemlos sah ich zu ,wie die junge Frau brav aufstand und in die anbefohlene Ecke ging.Ich glaub das waren so fünf Minuten,die sie da stehen musste.Nach ca dreissig Minuten war die Show zu Ende....was aber nicht heißt ,das ich bereits wieder in der Reallität angekommen war.Unser «Lehrer» hatte sich mit herzliche3n Worten verabschiedet und für unser Interesse gedankt.Schweigend verließen die ersten den Raum und ich fragte doch tatsächlich den «Lehrer» ob wir gehen dürften.Heute ist mir klar das mir dieses «Strengeerlebnis" sowohl Lust wie auch echten Respekt verschafft hat


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