Grundlegend ist der Respekt vor der Freiheit des anderen. Ich kenne keine überzeugende theoretische Begründung für diese normative Grundlage. An dem in verschiedenen Formen ausgedrückten Grundsatz »Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu« stört mich der mitschwingende Nutzengedanke: »Respektiere die Freiheit des anderen, damit er deine respektiert. Das ist nur zu Deinem Vorteil.« Ich gehe davon aus, dass die Achtung des anderen nicht erst mit diversen ethischen Systemen entstanden ist, sondern in allen Kulturen und zu allen Zeiten vorhanden war, entstanden aus dem Gefühl der Ähnlichkeit oder existenziellen Gleichberechtigung meinerselbst mit dem anderen oder sogar - etwas metaphysisch oder spiritualistisch gesprochen - ihrer Identität. Ich rede hiermit freilich von einzelnen Menschen oder auch Gruppen, nicht von Kulturen im ganzen oder politischen Ordnungen. Die beste Ethik ist vielleicht keine Theorie, sondern die Orientierung an Vorbildern, an Buddha, Jesus, Gandhi und vielen anderen.