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Entzündung: Wenn die Nase streikt
Der Arzt Thomas Ferber über eine weitverbreitete Form von Nasenschleimhauterkrankungen.
Ruedi Schluer* sitzt im Zug und liest die Zeitung. Von Zeit zu Zeit zieht er mit einem lauten, für Mitreisende unüberhörbaren
«Schnuddergeräusch» Nasenschleim in den Nasenrachenraum. Die Dame im Abteil gegenüber wirft ihm jedes Mal missbilligende
Blicke zu.
Dabei kann Ruedi Schluer nichts dafür, dass seine Nase nicht richtig funktioniert. Dazu braucht es eine kurze Erklärung: Die Nase
hat die Aufgabe, die Einatmungsluft zu erwärmen, anzufeuchten und zu reinien. Dadurch wird die Atemluft dem Lungenmilieu
derart angepasst, dass ein optimaler Gasaustausch (Sauerstoff und Kohlendioxid) gewährleistet wird.
Wichtiges Nasensekret
Das Nasensekret spielt dabei eine wichtige Rolle. Normalerweise gelangt es mittels ständig sich bewegender Flimmerhärchen
nach hinten in den Nasenrachenraum (Epipharynx). Nicht jedoch ein zähflüssiger, klebender Schleimpfropf, der sogenannte Post
Nasal Drip, der Beschwerden verursacht.
Wenn solches Nasensekret, aufgrund entzündungsfördernder Substanzen eingedickt, im hinteren Bereich der Nasenhöhle
liegenbleibt, entsteht ein Teufelskreis beziehungsweise ein ständiger Reiz, der zu einer Überproduktion von Sekret führt. Es
kommt zu einer chronischen Nasenschleimhautentzündung (Rhinitis), wobei auch die Nasennebenhöhlen mitbetroffen sind
(Sinusitis). Deshalb spricht man medizinisch von «Rhinosinusitis».
Der Schleimpfropf, der Post Nasal Drip, ist hierbei das wichtige Leitsymptom der chronischen Entzündung. Betroffene ziehen
dieses zähflüssige nasale Sekret, das nicht abgeschneuzt werden kann, laut hörbar in den Nasen-Rachen-Raum. Typische weitere
Symptome sind je nach Form der Rhinosinusitis die konstant ein- oder beidseitig behinderte Nasenatmung, die ständig laufende
Nase (Rhinorrhö) sowie Niesen und Jucken.
Die chronische Rhinosinusitis ist weit verbreitet: Aufgrund von amerikanischen Erhebungen sind in der Schweiz schätzungsweise
gut eine Million Personen mehr oder weniger stark davon betroffen. Das führt zu jährlich rund 500000 Arztkonsultationen.
Die chronische Rhinosinusitis wird heute in eine primär infektiöse (bakteriell) und in eine nicht infektiöse Form, die durch die
Bildung von Nasenpolypen (Schleimhautwucherungen) gekennzeichnet ist (Polyposis nasi), eingeteilt. Der Post Nasal Drip kommt
bei allen Formen vor.
Auch der Heuschnupfen gehört zu den chronischen Formen (allergische Rhinitis) sowie die Hausstaubmilben-Allergie. Bestimmte
nicht allergische Formen können beispielsweise durch kalte, trockene Luft bei dafür empfindlichen Personen ausgelöst werden. Es
treten dann Niesattacken auf, und die Nase beginnt zu laufen.
Laufende Zunahme
Die chronische Rhinitis und Asthma sind Krankheitsformen mit teils überlappender Symptomatik. Beide haben in den vergangenen
20 bis 30 Jahren zugenommen. Die Rhinitis ist bei drei von vier Patienten mit allergischem Asthma anzutreffen, und jeder Vierte
mit allergischer Rhinitis entwickelt ein Asthma.
Die Fachleute sprechen dabei von einem «Etagenwechsel», das heisst, die Symptome springen von den oberen zu den unteren
Atemwegen. Wenn also jemand an Asthma leidet, sollte der Arzt daran denken, dass auch in der Nase ein Problem vorhanden
sein könnte. Bei der allergischen Rhinitis muss umgekehrt auch ans Asthma gedacht werden.
Oftmals ist den Betroffenen nicht bewusst, dass die streikende Nase behandelt werden kann. Die infektiöse Form der
Rhinosinusitis muss mit Antibiotika angegangen werden. Nötigenfalls müssen mit einem chirurgischen Eingriff die Ausführgänge der
Nebenhöhlensysteme im mittleren Nasengang geöffnet werden, damit das Sekret ungehindert abfliessen kann.
Geht es der Nase besser, dann geht es auch der Lunge besser. Das heisst, der Post Nasal Drip entfällt und damit auch die darin
enthaltenen, für die Lungenfunktion schädigenden Substanzen.
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