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Bettina Beispiel schrieb am 12.4. 2002 um 11:41:45 Uhr über

Nazi

Michael Kühnen2 verfasst 1986 eine Grundsatzerklärung. So lautet jedenfalls der Untertitel von »Homosexualität und Nationalsozialismus«3, eine Schrift, die er durch Michel Caignet4 verlegen und verschicken lässt. In der Vorbemerkung seines Buches führt Kühnen aus, was er unter faschistischer Gesinnung versteht. Sein einführender Satz lautet: »Der Nationalsozialismus ist die Weltanschauung des biologischen DenkensIn Einklang mit der Natur befände sich der Mensch erst dann, wenn er »seinen Geist und seinen Willen dazu benutzt, Überleben und die Höherentwicklung seiner Art zu fördern«.5 Das Individuum solle sich zu diesem Zweck der Gesellschaft unterordnen. Für »Ungehorsame«, etwa die Drogenabhängigen, gebe es keinen Platz innerhalb der Gesellschaft. Kühnen unterscheidet die Menschen nach Geschlecht (Mann und Frau) und Typus (Arbeiter, Soldat oder Führer) und verlangt von allen »Gehorsam« und »Aufopferung«. Um die Gleichberechtigung des homosexuellen Mannes mit dem Heterosexuellem aufzuzeigen, betrachtet er das Geschlechterverhältnis zwischen Mann und Frau aus 'biologischer' Sicht.

»Im Gefühlsleben der Frau, die stets sehr viel mehr Naturwesen ist und bleibt als der Mann, ist die Liebe wohl von einem weiter entwickelten Brutpflegeinstinkt ausgegangen, der sie zum Schutz des Nachwuchses und notfalls zur Selbstaufopferung für ihn veranlaßt. So wird die Frau zur Seele der Familie, die ihren Sinn und Wert aus ihrem Kind herleitet, und die Mutterliebe zur eigentlichen und natürlichen, für das Überleben der Gemeinschaft entscheidenden Ausdrucksform weiblicher Hingabebereitschaft und Hingabefähigkeit, eben der Liebe im weiblichen Menschen. Entsprechend der Natur des Mannes, der von Anfang an stärker Kulturwesen ist, da seine biologische Funktion der Zeugung ihn weitaus weniger erfüllt und prägt als die Frau ihre Funktion des Gebärens und der Aufzucht von Kindern, äußert sich bei ihm seine Hingabebereitschaft völlig anders: sie bindet ihn völlig an das Leben der Sippe, der Horde oder des Stammes.«6 Weil der Mann jedoch »zur Zeugung eines Kindes nun einmal nur wenige Minuten [braucht], um seine biologische Funktion zu erfüllen«, »wurde die überschüssige männliche Sexualität zu einem Problem der kulturellen Gemeinschaft. Der Mann [ ... ] mußte und muß bis heute also lernen, seineüberschüssigeSexualität so zu gebrauchen, daß sie nicht zum Schaden, sondern nach Möglichkeit sogar zum Nutzen der kulturellen Gemeinschaften sich auswirkt. Ganz offensichtlich entspricht es nicht seiner biologischen Bestimmung, seine Sexualität ausschließlich zur Fortpflanzung zu benutzen«.7

Eine Möglichkeit des Mannes, seine überschüssige Sexualität für die Gemeinschaft nutzbringend zu gebrauchen, sieht Kühnen in der »sexuelle[n] Beziehung zu anderen Männern oder geschlechtsreifen Knaben«.8 Mit diesem Argument versucht Kühnen nicht nur vehement den Vorwurf der Volksschädlichkeit Schwuler zu entkräften, sondern weist auch auf die exponierte Stellung hin, die Schwule in der Gemeinschaft nach Kühnen einnehmen müssten.

Der Schwule fände nach Kühnen seine Lebensaufgabe in folgenden drei Bereichen:

»1. Er wird all seine Stärke und Intelligenz dazu einsetzen, seine Nützlichkeit für die Horde zu beweisen - sich unentbehrlich zu machen versuchen.

2. Er wird versuchen, sich in der Horde eine Hausmacht zu erwerben, also Anhänger zu finden.

3. Als wichtigstes aber und als völlig unverzichtbar für sein Leben muß er alles daran setzen, die Macht des Häuptlings zu stärken, abzusichern und zu verlängern, die allein sein Überleben garantieren kann9


Um diese Männerbündlereien in ihrer »staatstragenden kulturentwickelnden Bedeutung« zu würdigen, verweist Kühnen auf die Geschichte: »Ist die katholische Kirche das bedeutendste Beispiel für die geistigen Aufgaben eines Männerbundes, so ist es Sparta für den soldatischen Aufgabenbereich. [ ... ] In der NSDAP und ihren soldatischen Untergliederungen verschmelzen gleichsam die Vorbilder der Kirche und Spartas zu einem einheitlichen Ganzen10

Auch bzgl. der Verortung von Homosexuellen imDritten Reichgelangt Kühnen zu ganz außergewöhnlichen Erkenntnissen: »Der Männerbund der nationalsozialistischen Partei schließlich hat vor 1945 eine durchaus zwiespältige Position eingenommen. Ursprünglich verbot er seinen Angehörigen weder homosexuelle noch heterosexuelle Beziehungen. Das Parteiprogramm äußert sich mit keinem Wort zu diesen Dingen. 1932 stellte sich Adolf Hitler in einer öffentlichen Erklärung hinter die SA-Führung unter dem Stabschef Röhm, die homosexuelle Beziehungen im gleichen Geiste verstand und förderte wie die Spartaner oder die mittelalterlichen Templer. Aus dem Führerkorps der Partei sind ähnliche Tendenzen kaum bekannt geworden. Praktisch alle Parteiführer auf allen Ebenen waren verheiratet und damit verstrickt in private Interessen. Als der Zusammenbruch kam, reagierten allzu viele darauf nicht als Angehörige eines nur der Idee und der Gemeinschaft verpflichteten Ordens, sondern mit einer durchaus bürgerlichen Panik und persönlichen Rettungsversuchen.«11

Die gesellschaftliche Homosexuellenfeindschaft habe sich nach Kühnen »nicht aus der nationalsozialistischen Weltanschauung« entwickelt, »sondern im Wesentlichen aus jener gefühlsmäßigen Abneigung, die sich aus der tausendjährigen Vorherrschaft jüdisch christlicher Moral im Bewußtsein des europäischen Menschen herleitet«.12 Aufgrund der von Kühnen unterstellten Lebensaufgabe von Schwulen ist es ihm unverständlich, dass die heutige rechtsextremeBewegungHomosexualität noch nicht akzeptiert habe, obwohl doch gerade Schwule für Führungsaufgaben geeignet und somit fast unerlässlich für den eigenen Kampf geworden seien.

Allerdings zeigt Kühnen kein Verständnis für Schwule, die sich nicht in den Dienst der rechtsextremen Gruppen stellen wollten oder etwa weiblich, pervers oder unmännlich wirkten: »Das Zerrbild vom weiblichen, perversen und unmännlichen Homosexuellen ist der Ausdruck jener Pervertierung und Kommerzialisierung, mit der die europäische Dekadenz die homosexuelle Veranlagung zu infizieren versucht und zu einem Teil der allgemeinen Kulturzerstörung gemacht hat. [ ... ] Jene Homosexuelle [...] können selbstverständlich so wenig zu uns gehören, wie alle anderen extremen Ausprägungen unseres Zerfallzeitalters.«13

J. J. Soukup wittert hinter diesem Zitat Kühnens »die traditionelle Haltung des ‘gewöhnlichen Homosexuellen’, abweichendes Verhalten untereinander auszugrenzen.«14 Doch meines Erachtens deutet gerade diese Stelle in Kühnens Ausführungen auf einen ganz anderen Zusammenhang hin, der näher betrachtet werden muss.

Während Kühnen der Frau (wg. ihrer angeblich natürlichen Konstitution) ihre soziale Rolle einzig im privaten Bereich verortet, kann sich der Mann (der von Anfang an stärker Kulturwesen gewesen sei) ganz dem gesellschaftlich-öffentlichen Bereich widmen. Gerade die Männerbünde stellen für ihn die geeignete Organisationsform dar, um Staaten zu konstituieren, die Herrschaft zu sichern und auch auszuüben. Per definitionem sind demnach Frauen von der Ausübung öffentlicher Funktionen im Staate ausgeschlossen.

Kühnens Konzeption verfolgt damit einen konsequent patriarchalen Ansatz. Unter dem Begriff Patriarchat verstehe ich in diesem Zusammenhang die »Erklärung historisch und gegenwärtig existierender Frauenunterdrückung [...] Unter kapitalistischen Verhältnissen [stellt] die wesentliche sozialökonomische Grundstruktur, durch die weibliche Unterdrückung reproduziert wird, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung [dar]. Diese Arbeitsteilung legt Frauen auf die über weite Strecken in der Familie zu erledigende nicht entlohnte Arbeit der Reproduktion der Arbeitskraft fest. Gesichert wird die weibliche Verpflichtung auf Reproduktionsarbeit nicht nur durch geschlechtsspezifische Sozialisation, sondern auch durch einen benachteiligenden Zugang, durch eine geschlechtsspezifisch diskriminierende Positionierung der Frauen im Erwerbssystem. Durch Arbeitsmarktsegmentierung und Minderentlohnung sind selbst zu einem großen Teil erwerbstätige Frauen in ihrer Existenzsicherung auf die Familie - den männlichen Familienlohn verwiesen. [ ... ] Die aus dieser Struktur der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung resultierende objektive Zurücksetzung der Frau wirkt nicht nur als solche zurücksetzend, sondern vor allem in ihrer transformierenden Gestalt der kulturellen Formen: durch die Normen, Stereotypen, Muster von Männlichkeit und Weiblichkeit. Diese kulturellen Deutungsmuster sichern Männern Privilegien und Vorrechte bis zur Möglichkeit männlicher Gewaltausübung. Diese patriarchalischen Unterdrückungsstrukturen wirken wiederum stabilisierend auf die sozialökonomischen Strukturen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zurück, und diese sind bereits insofern patriarchalisch überformt, als nicht nur das Kapital, sondern auch Männer ein Interesse an ihrer Aufrechterhaltung haben15

Kühnen gehört nun nicht nur zu den Männern, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der sozialökonomischen Struktur der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung haben, sondern er setzt auch alles daran, diese beizubehalten. Das bildet den eigentliche Hintergrund seiner Verurteilung von Schwulen, die sich weiblich oder unmännlich verhalten, und zeigt seine Ablehnung gegenüber emanzipatorischen homosexuellen Lebensformen. Diese Verhaltensweisen können nämlich dazu beitragen, die o.g. kulturellen Deutungsmuster aufzuweichen und stellen somit eine Gefahr für seine Vorstellung von einer Vorherrschaft der Männer und der Männerbünde dar.

Noch ein weiterer Aspekt in Kühnens Konzeption ist von entscheidender Bedeutung:

Kühnen geht, wie er selbst attestiert, von einem biologischen Ansatz aus. Seine daraus abgeleitete Konzeption ist jedoch eine vulgäre Spielart des Biologismus. Biologismus definieren Manfred Buhr und Georg Klaus als eine »soziologische und geschichtsphilosophische Strömung innerhalb der bürgerlichen Philosophie. [ ... ] Er [der Biologismus, Anm. T. H.] überträgt mechanisch Begriffsbildungen der Biologie in die Gesellschaftswissenschaften [ ... ]. Das ist vor allem unmöglich, weil im Prozess der Menschwerdung [ ... ] qualitativ neue, soziale Gesetzmäßigkeiten entstanden, denen die biologischen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Lebens untergeordnet sind. [...] Die biologische Existenz des Menschen ist zwar Voraussetzung seines gesellschaftlichen Daseins, erschöpft dieses jedoch nicht16

Kühnen hingegen leitet aus dem biologischen Ursprung des Menschen den Sinn des gesellschaftlichen Zusammenlebens ab und sieht hierin einzig und allein die Pflicht zum Überleben und zur Höherentwicklung der eigenenRasse’.

Bei dem Versuch Kühnens, seineKameradenzur Akzeptanz der rechten Schwulen und deren besonderer Rolle zu bewegen, bedient er sich einer merkwürdigen Konstruktion: Die Frau sei demnach vielmehr Naturwesen, der Mann stattdessen stärker Kulturwesen. Obwohl es zunächst so scheinen mag, als beziehe Kühnen in seine Argumentation soziale bzw. gesellschaftliche Gesichtspunkte mit ein, so verlässt er jedoch nicht die Grundlage der alles determinierenden Natur. So erfahren wir in Kühnens Schlussfolgerung: »Homosexualität ist eine natürliche Erbanlage und von der Natur aus dazu bestimmt, es einer kleinen Anzahl von Männern zu ermöglichen, sich völlig unbeeinflusst von persönlichen Interessen ganz der kulturellen Entwicklung und dem Dienst an der Gemeinschaft zu widmen17

Kühnen argumentiert also eindeutig biologistisch, und wir können mit Rolf Löther sagen:

»Es bedarf wissenschaftlicher Weltanschauung und biologischer Sachkenntnis, um sich missbräuchlich auf die Biologie berufender, pseudowissenschaftlich aufgemachter reaktionärer biologistischer Ideologie (Malthusianismus, Sozialdarwinismus, Rassismus, Sexismus) entschieden entgegenzustellen.«18




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