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Das
Hollywood-Heldendrama
im Irak
Erhält der irakische
Informationsminister
den Grimme-Preis?
Das Phantom von
Bagdad
Was ist mit Saddam
Hussein?
Warum schweigt bin
Laden?
Wie eine
Tonbandbotschaft
vielen Zwecken dient
Orientalische Märchenstunden
Florian Rötzer 20.04.2003
650 Millionen US-Dollar in Cash wurden in Bagdad gefunden, während
Gerüchte über den Verbleib Husseins und über natürlich geheime
Abkommen zwischen Irakern und Amerikanern aufbrodeln
Wie vom Erdboden verschwunden sind noch immer die meisten der gesuchten hohen
Regime-Angehörigen. Ebenso unverständlich ist ebenso, warum sich das Regime auf
den lange kommenden Krieg so schlecht vorbereitet hatte und wohin die Elitetruppen
untergetaucht sind, wenn sie nicht durch die Bombardierung vernichtet wurden. All
das ist ein guter Nährboden für das Gedeihen von Vermutungen und Gerüchten.
Immerhin sind zwei Erfolge zu vermelden: der frühere Finanzminister Hikmat
Ibrahim al-Azzawi konnte festgenommen werden und es wurden
an die 650 Millionen US-Dollar an Cash gefunden.
Saddam Hussein hatte nicht nut zahlreiche Paläste und Monumente erbaut, um sein
Nachleben zu sichern, sondern er war auch ein Despot, der es sich gut gehen ließ und
einen gewaltigen Reichtum angehäuft hat. Der Krieg in den 80er Jahren hatte den einst
wohlhabenden Irak trotz der Rüstungshilfe durch die USA wirtschaftlich schwer
angeschlagen. Mit dem Einmarsch in Kuwait wollte Hussein auch das Öl des kleinen
Nachbarlandes für sich sprudeln lassen, erzürnte damit aber die bislang wohlgesonnene
Supermacht und die Weltgemeinschaft. Die Zeit nach dem Kalten Krieg war günstig, der
Krieg gegen den Irak schnell gewonnen. Das Regime ließ man aus realpolitischen
Gründen überleben, was direkt vielen Menschen das Leben gekostet hat, der Irak wurde
insgesamt in die Armut gebombt. Die Infrastruktur war zerstört ( zum
Beispiel die Trinkwasserversorgung, ein scharfes Embargo wurde verhängt und nur noch
wenig Öl durfte schließlich verkauft werden, um lebenswichtige Dinge für die
Bevölkerung zu kaufen.
Während das Land in Armut versank, nahm der Reichtum von Hussein und seiner Clique
dennoch weiterhin zu. Schätzungen gehen dahin, dass Saddam Hussein alleine bis zu 24
Milliarden US-Dollar angesammelt haben könnte. Wie viele Milliarden es auch immer
sein mögen, es ist viel Geld, vermutlich sicher im Ausland verteilt. Zudem ein wichtiges
Überlebensmittel für den Diktator und seine Getreuen, um irgendwo Unterschlupf zu
finden. Die vom Pentagon für Informationen über die irakische Führungselite angebotenen
200.000 Dollar lassen sich auf jeden Fall leicht überbieten. Möglicherweise könnte
al-Azzawi einiges darüber wissen, aber vermutlich wird der ehemalige Finanzminister
über vieles auch nicht Bescheid wissen.
Schatzsuche in Bagdad
Möglicherweise ist ja auch nicht das gesamt Geld im Ausland auf irgendwelchen Banken.
Durch Zufall haben jetzt zumindest US-Soldaten in einer gut verrammelten Hütte 40
Aluminium-Kästen gefunden, wie die Los Angeles Times berichtet.
Als sie einen Kasten aufbrachen fanden sie darin 40 Bündel neuer 100 Dollar Scheine. In
jedem Bündel 100.000 Dollar, insgesamt also 4 Millionen Dollar. Mit 40 solcher Kästen
war das Haus eine wahre Schatzgrube mit 160 Millionen Dollar in Cash. Das ließ die
Soldaten neugierig werden, die prompt auch in weiteren benachbarten Hütten in der Nähe
eines Stadtviertels, in dem hohe Mitglieder der Baath-Partei und der Republikanischen
Garden gelebt haben sollen, noch mehr Schatztruhen fanden. Bei einer Suche mit mehr
Soldaten wurden schließlich insgesamt etwa 650 Millionen Dollar in Cash gefunden. Das
könnte natürlich jetzt nicht nur Soldaten, auch Einwohner begehrlich machen, auf
Schatzsuche zu gehen.
Nicht verwunderlich ist, dass da auch einige der nicht sonderlich gut bezahlten
US-Soldaten in Versuchung gerieten. Man hatte bemerkt, dass 600.000 Dollar aus einem
geöffneten Kasten fehlten. Daraufhin seien drei Soldaten befragt worden. Das Geld wurde
dann an den amerikanischen Hauptstützpunkt am Flughafen gebracht. Wo es jetzt sei, wisse
man nicht, sagten Kommandeure sicherheitshalber. Ein ehemaliger Mitarbeiter der
irakischen Regierung soll gesagt haben, dass wohl noch mehr Geld auf diese Weise vor
dem Krieg versteckt worden sei. Der Schmuggel, der vor allem von Hussein-Sohn Uday
organisiert worden war, musste mit Cah gemacht werden. Das Geld habe man meist außer
Landes gebracht und dann etwa von Tunesien oder Jemen aus an »sichere« Orte wie
Kasachstan oder Armenien gebracht.
Die Besitzer des Geldes scheinen entweder sehr überstürzt aufgebrochen zu sein, wobei
das viele Bargeld hinderlich war, oder sie dachten vielleicht, dass sie schnell
zurückkehren würden. Besonders gut gesichert war das Geld offenbar nicht, in den Hütten
allerdings sicherer untergebracht als in die offiziellen Regierungsgebäuden, die schon von
Plünderern durchsucht worden waren. Doch auch dieser Fund lässt wieder Fragen über
das spurlose Untertauchen der Führungsschicht entstehen. Zumal von Abu Dhabi TV ein
Video und eine Rede von Saddam Hussein gesendet wurde, die darauf hindeuten, dass der
Diktatur auch nach der zweiten direkten Bombardierung am 7. April noch am Leben sein
und sich die medienexistienzielle Strategie von Bin Ladin zu eigen gemacht haben könnte (
Das Fort-Da-Spiel von Saddam Hussein).
Das plötzliche Wegtauchen der irakischen Führungsschicht
Wenn Hussein nicht naiver Weise darauf vertraut hat, dass die US-Regierung doch nicht
angreifen wird, gab es sicher Pläne, wie man auf einen Angriff reagieren würde. Dass ein
Krieg nicht zu gewinnen war, dürfte trotz aller Rhetorik und Verblendung auch Hussein
und seinen Gefolgsleuten klar gewesen sein. 1991 war bereits eine deutliche
Demonstration gewesen. Dass die meisten der Führungsriege bislang ohne Spuren
verschwunden sind und der Widerstand der Elitetruppen sich schnell aufgelöst hatte,
spricht jedenfalls für einen Plan. Angeblich seien
Präsidentenpaläste und Ministerien auch »professionell« gesäubert worden, bevor die
alliierten Truppen kamen. Wie weit aber die britischen und amerikanischen Truppen
tatsächlich Dokumente vor den Plünderungen sicher stellen konnten und wollten, weiß man
nicht. Robert Fisk hat zumindest Zweifel, was die
Geheimdienstbüros angeht. Hier seien die Dokumente nicht sicher gestellt worden, um die
Mitarbeiter und Folterer finden und belasten zu können.
"Es gab entweder eine koordinierte, vorgeplante Aktion, nach der jeder die Stadt
verlassen sollte, wenn die Koalition bis zu einem bestimmten Punkt gekommen ist", so ein
Geheimdienstmitarbeiter der LA Times gesagt haben. "Oder es gab möglicherweise in
dieser Nacht einen großen Knall und jeder sagte, dass es jetzt Zeit sei zu gehen." Trotz
aller Überwachung aus der Luft hat man angeblich nichts beobachten können, zumindest
nichts, was der Öffentlichkeit mitgeteilt wird. Manche sollen nach Syrien geflohen sein.
Aber das könnte auch nur eine Behauptung sein, um das Land mehr unter Druck zu setzen.
Vielleicht also hält sich die Führungsschicht noch an unbekannten Orten in Bagdad oder
im Irak auf oder sie ist bereits weitgehend im Ausland untergetaucht. Möglicherweise
waren von den Drohnen und Spionagesatelliten aus die Jeeps der Flüchtenden nicht vom
übrigen Verkehr zu unterscheiden. Offiziell tut man bei der US-Regierung so, also wäre es
kein großen Problem, wenn die wichtigen Leute verschwunden sind. Und über die
seltsame Verteidigungsstrategie wird auch viel mitgeteilt. Unklar ist so auch, wie viele
der irakischen Soldaten tatsächlich durch die Bombardierungen getötet worden sind.
Offenbar wurden gerade in Bagdad nach vereinzeltem Widerstand Panzer und Stellungen
leer aufgefunden. Die Soldaten mögen einfach in der Massen untergetaucht oder aus den
Städten geflohen sein, aber zum Schicksal der Elitetruppen hört man tatsächlich verdächtig
wenig.
Sauer sollen manche Dschihad-Kämpfer sein, die aus anderen
arabischen Ländern zum Kampf gegen die amerikanischen Invasoren angereist waren.
Während die irakischen Truppen sich auf Befehl mit ziviler Kleidung angezogen hätten
und das verschwunden wären, hätten die ausländischen Kämpfer Widerstand geleistet.
Jetzt aber würden sie als die Dummen dastehen, die gar nicht wissen, was um sie passiert
sei.
Russische Verschwörungstheorien
Ein wenig lauter denkt man im Ausland nach. Beim alten Erzfeind der USA aus den Zeiten
des Kalten Kriegs ist man sowieso Verschwörungstheorien gegenüber aufgeschlossen.
Eine russische Website ist während des Irak-Krieges auch für
manche zum Finden von Gegeninformationen wichtig geworden.
Angeblich hatte man dort bis zur Schließung der russischen
Botschaft in Bagdad Informationen aus abgehörter Kommunikation der alliierten Truppen
und vom russischen Geheimdienst veröffentlicht. Die Verluste der Alliierten waren hier
stets ziemlich hoch. Noch am 6. April wurde berichtet, dass die Hauptschlachten erst noch
kommen werden.
Hier findet man denn auch eine Erklärung der mysteriösen
Selbstauflösung des Regimes, die den Alliierten einen schnellen Sieg gebeten habe. Am
ersten Tag des Kriegs hatte US-Verteidigungsminister gesagt, es gebe Verhandlungen
zwischen den alliierten Truppen und den Republikanischen Garden. Das wurde, nachdem
man später nichts mehr davon hörte, wie andere derartige Meldungen eher als Propaganda
abgetan. Es sollen aber - natürlich höchst geheim - solche Gespräche mit den
Kommandanten der Republikanischen Garde und der Fedajin stattgefunden haben, die sich
nach den ersten Kämpfen am Stadtrand von Bagdad intensiviert hätten. Die Amerikaner
hätten angeboten, wenn kein Widerstand mehr geleistet werde, dass die Befehlshaber ins
Ausland geflogen werden und viel Geld erhalten sollen. Manchen sei mitsamt ihren
Familien auch die amerikanische Staatsbürgerschaft versprochen worden. Die untere
Führungsschicht würde in bereits »befeite« Orte im Irak gehen können. Wer von den
Top-Befehlshabern keine Kriegsverbrechen begangen habe, der könne mit guten Posten im
Post-Hussein-Irak rechnen.
Es gibt noch weitere interessante Einzelheiten. Angeblich nämlich seien manche der
menschlichen Schutzschild im Irak CIA-Agenten gewesen. Da diese an Stellen vom
Regime platziert würden, an denen es wichtige zivile Infrastruktur zu schützen gab, aber
auch Truppen und Waffen versteckt würde, hätten diese wichtige Informationen an die
Amerikaner geben können. Dazu hätten sie schwierig zu entdeckende
Kommunikationsmittel während der Bombardierung benutzt. Von diesen
CIA-Schutzschilden seien auch die Hinweise auf die Aufenthaltsorte Husseins gekommen.
Über die Absprache mit den Offizieren habe man auch die geheimen Tunnels sichern
können, durch die der Überraschungsangriff kommen sollte, von dem der
Informationsminister nach der Besetzung des Flughafens gesprochen hatte. Der wäre nur
von wenigen einfachen, nicht informierten Mitgliedern der Republikanischen Garde
durchgeführt und daher schnell niedergeschlagen worden. Nach der Eroberung habe man
dann die obersten Befehlshaber mit einem Flugzeug aus Bagdad weggebracht, vermutlich
direkt in die USA via Deutschland.
Von alldem hätten Hussein und seine Gefolgsleute nichts gewusst. Aufgrund von
Informationen der CIA-Schutzschilde habe man dann am 7. April mit vier Bomben den
Diktator mitsamt allen wichtigen Führungspersonen - interessanter Weise aber mit
Ausnahme des Informationsministers - töten können. Husseins Familie sei auch während
der Bombardierung eines Präsidentenpalastes ausgelöscht worden. Das alles sei zu "75
Prozent" wahr.
Vladimir Titirenko, der ehemalige russische Botschafter im Irak, hat auch Ähnliches zu
berichten. Er sei überzeugt davon, soll er dem russischen Sender
NTV berichtet haben, dass es zwischen irakischen Generälen und den Amerikanern ein
geheimes Abkommen gegeben habe. Er sei überdies ebenfalls ziemlich sicher, dass
Hussein und die meisten aus obersten Führungsschicht getötet worden seien. Der
Korrespondent von Le Monde will Informanten gehört haben, dass Maher Sufyan, der
Kommandant der Republikanischen Garde, seinen Truppen befohlen haben soll, die
Waffen nieder zu legen und nach Hause zu gehen. Dafür sei er mit einem
Apache-Hubschrauber an einen sicheren Ort geflogen worden. Sufyan ist ebenso wie etwa
der weltweit bekannt gewordene Informationsminister nicht in das Kartenspiel der
gesuchten 55 Top-Regimeangehörigen aufgenommen worden.
General Brooks wurde auf der täglichen Pressekonferenz über dieses geheime Abkommen
mit dem Kommandanten der Republikanischen Garde gefragt. Nicht ganz eindeutig
antwortete er: "I'm not aware of any deals that have been struck with
any commanders for transport on helicopters or anything close to that, so I don't have any
report that's like that. When we do deal with leaders that are out there, either local
leaders, tribal leaders, religious leaders, or in some cases military leaders, former
military leaders, it's a discussion that talks about how to end hostilities and how to begin
the future of Iraq."
Es kann aber auch ganz anders sein ...
Eine ganz andere Geschichte erzählt man offenbar im Iran. Die
iranische Nachrichtenagentur Baztap will gehört haben, dass das
US-Militär mit Saddam Hussein Anfang April ein Abkommen getroffen habe, Bagdad mit
minimalen Widerstand zu übergeben, wenn der Diktator mit seiner Familie (100
Personen) sicher in ein anderes Land ausreisen dürfen. Der Informationsminister Al-Sahaf
soll Teil des Abkommen gewesen und verpflichtet worden sein, bis zum letzten Moment in
Bagdad zu bleiben und so den Eindruck zu erwecken, als wäre die Regimeführung noch
am Platz ( Irakische Medienwirklichkeiten). Hier spielen aber auch die
Russen eine Rolle, die ja auch bezichtigt wurden, den Irakern mit
Geheimdienstinformationen ausgeholfen zu haben. Die Russen sollen nämlich das
Abkommen vermittelt und dafür 5 Milliarden Dollar erhalten haben. Selbst Ali Khamenei,
der iranische Staatschef, meinte, es gäbe ernsthafte Fragen über das Untertauchen
Saddams.
Aber es zirkulieren noch weitere Gerüchte. Eine sonderliche Geschichte
lautet, dass sich Saddam mitsamt von Zehntausenden Kämpfern
sowie Panzern und Kampfflugzeugen in ein geheimes Tunnel- und Bunkersystem
zurückgezogen habe. So erzählt Haitham Rashid Wihaib, Saddam
Husseins früherer Protokollchef, der seit 8 Jahren in Großbritannien lebt, dass Saddam
und Co. nach Syrien geflohen seien, vielleicht aber auch ganz
woandershin, beispielsweise nach Pakistan oder Malaysia. Sie hätten nämlich alle falsche
Pässe (und haben womöglich den Saddam-Schnauzer wegrasiert). Saddam selbst
könnte im Jemen sein, seine Söhne möglicherweise in Russland.
Alles gut verteilt also. Der irakische Außenminister Naji Sabri sei in Österreich, will der
Geschichtenerzähler von London wissen. Möglicherweise beim guten Freund Haider?
Kommentare:
wahrscheinlich nicht offiziell verboten, aber (Trent, 22.4.2003 13:38)
Gerüchte (RambaZamba, 22.4.2003 12:53)
Fast nicht zu glauben (sensortimecom, 22.4.2003 8:47)
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last modified: 21.04.2003
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