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Yadgar schrieb am 23.4. 2008 um 11:09:25 Uhr über

Krankdenk

Im Zuge von Individualisierung und des Vordringens postmoderner Denkfiguren eines radikalen Subjektivismus (bis hin zum Solipsismus) ist es in weiten Teilen westlich geprägter Gesellschaften en vogue geworden, wissenschaftliche Erkenntnisse wie auch historische Tatsachen ohne tragfähige Begründung in Frage zu stellen.

Alle paar Tage melden sich zum Beispiel in Internetforen zu Physik oder Astronomie Leute zu Wort, die gängige Ansichten über Aufbau und Geschichte des Universums wie etwa das Urknallmodell oder die Relativitätstheorie radikal ablehnen, aber keinerlei logisch und/oder empirisch fundierte Gegenbeweise antreten.

Das gleiche gilt für die Leugnung historischer Geschehnisse; berüchtigt sind in diesem Fall natürlich an erster Stelle jene Zeitgenossen, die - aus eigener Sympathie für die Nazi-Ideologie heraus - die systematische Ermordung mehrerer Millionen Juden durch die Nationalsozialisten für einen global inszenierten jüdischen Schwindel halten.

Nun sind Neonazis kein Produkt der Postmoderne, es gab und gibt sie seit dem Untergang des Hitlerreiches; der grassierende postmoderne Relativismus macht es Rechtsextremen jedoch leicht, mit ihrem »revisionistischen« Geschichtsbild an andere Diskurse über angebliche oder tatsächliche historische Unklarheiten anzudocken.

Man erkennt dies an der gleichermaßen abstrusen wie unendlichen im Internet geführten Diskussion über die Authentizität der amerikanischen Apollo-Mondflüge in den Jahren 1969 bis 1972.

Beide Zweifel, am Holocaust wie an den bemannten Mondlandungen, treten erschreckend oft in Kombination auf... man schaue sich
mal die einschlägigen Wirrkopf-Seiten wie z. B. www.pilt.de oder www.unglaublichkeiten.info an, auch Gernot Geise's »Efodon« bewegt sich deutlich in diese Richtung! Linke Verschwörungstheoretiker (sofern Denken in Verschwörungskategorien überhaupt links sein kann, was ich bezweifle!) können die Mondlandungen aber auch nicht glauben, wie man an den Büchern Gerhard Wisnewskis sieht.

In früheren Zeiten traten solche Zeitgenossen allein schon deswegen kaum in Erscheinung, weil sie zum einen selten und weit verstreut sind, und
man zum anderen mit diesem verquasten Gedankengut in realen Kneipen und Cafés früher oder später Hausverbot bekommt, und wo das kommunikative
Feedback fehlt, bildet sich solcher Krankdenk entweder über kurz oder lang zurück oder führt qua Fremdgefährdung geradewegs in die Psychiatrie
(vgl. Lafontaine-Attentäterin Adelheid Streidel, der damals auch kein Internet zur Verfügung stand und die folglich auf handgekritzelte Plakate zurückgreifen mußte, auf denen sie konfus von Weltende und Heiligem Geist delirierte).

Heute hingegen gibt es keine als Weltanschauung kostümierte Wahnvorstellung, die nicht irgendwo in den Weiten des Internet ihre Anhänger hätte, und solange die Spinner halbwegs eine der gängigen
Sprachen, allen voran Englisch, beherrschen, finden sie problemlos zusammen. Und zumindest in unseren Breiten kann eigentlich jeder ins Internet, der geistig in der Lage ist, einen Computer zu bedienen (und wenn es ein
486er vom Sperrmüll ist)... folglich kann auch jeder Krankdenker seinen Müllbrüll ins Netz drücken, Zens... äääh, redaktionelle
Qualitätskontrolle findet ja nicht statt...


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