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wuming schrieb am 1.5. 2003 um 00:08:19 Uhr über

Gewalt





Das Attentat als
schöne Kunst
ausgeführt

Gewalt ist eine Lösung
- leider

Amoktaten haben
Vorbildcharakter

Die FAZ und die
Trittbrettfahrer

Der Mörder, die
Journalisten und ihre
Öffentlichkeit

Gewalt und Medien

Die Wahrheit über das
Massaker in Erfurt

Schau mir in die Augen

Aufmerksamkeitsterror

Die Leerstelle der
Gewalt

Deutsche Verhältnisse







Wann kippte der erste Dominostein?

Michael Klarmann 26.04.2003

Heute jährt sich das Schulmassaker am Gutenberg-Gymnasium, eine
Aufsatzsammlung sucht nach Erklärungen

Wie konnte es am 26. April 2002 so weit kommen, dass ein ehemaliger Schüler des
Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt 16 Menschen ermordete und sich danach selbst
erschoss? Max Hermanutz (Polizeipsychologe) und Joachim Kersten
(Polizeisoziologe) schreiben: "Solchen Fällen ist ein massives aggressives Vorgehen
gemeinsam, das abläuft, als ob eine lange Reihe aufgestellter Dominosteine mit
zunehmender Schnelligkeit umfällt, ausgelöst durch das Antippen eines einzigen
SteinsIhr Aufsatz ist Bestandteil des Buchs «Der Amoklauf von Erfurt", einem
Versuch, einige der Dominosteine und deren Folgen einzuordnen.




Heute vor einem Jahr starben 12 Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und ein
Polizist, umgebracht von Robert Steinhäuser. Der 19-Jährige war Monate vor seinem
Amoklauf vom Gutenberg-Gymnasium verwiesen worden. Davon hatte er seinen Eltern
nichts gesagt, und als er am Morgen das Haus verließ, wünschte ihm seine Mutter viel
Glück bei der Abiturprüfung. - die seine ehemaligen Klassenkameraden zu bestehen
hatten. Bewaffnet mit einer Pumpgun und einer Pistole, die er als Sportschütze besaß,
stürmte er während jener Prüfung als eine Art Ninja-Kämpfer verkleidet seine ehemalige
Schule, wurde zum Massenmörder und brachte sich schließlich selbst um.




Schnell kursierten in der Medien Schuldzuweisungen: Steinhäuser habe das Morden bei
Ego-Shootern wie »Counterstrike« gelernt; andere gaben dessen Vorliebe für Horrorfilmen
und der Musik der Metalband Slipknot die Schuld; wieder andere suchten die
Verantwortung in zu laxen Waffengesetzen und Steinhäusers
Vereinssportschützenmitgliedschaft; auch die Eltern, die ihr Kind vernachlässigt hätten,
seine Lehrer und die Schulpolitik mussten sich Vorwürfe gefallen lassen - der Junge habe
nie Anerkennung erfahren und habe diese wohl mit seiner Tat nachträglich, wenn auch im
negativen Sinn, finden wollen.

Vielen jener Vorwürfe forscht »Der Amoklauf von Erfurt« nach. Am Ende bleibt indes nur
die Erkenntnis, eine Kette von »Dominosteinen« - Ereignisse, Vorfälle und Vorliebe im
Leben des Mörders - habe zu dem Schulmassaker geführt. Antworten hierzu sucht etwa der
Erziehungswissenschaftler Reinhard Kahl zwischen Erfurt, der Schülerstudie »Pisa« und
dem liberalen finnischen Schulsystem. Zur Situation der deutschen Gesellschaft schreibt
er: "Nach der Katastrophe (...) wird eine der Ursachen in den Gewaltdarstellungen der
Medien vermutet. Aber steckt dahinter nicht ein ganz anderes Medienproblem? Denn das
wichtigste Medium der Menschen ist doch ihre Sprache." Für Kahl ist der Schulbetrieb
überdies oft keine Lehranstalt, sondern der Ort eines Art »Kleinkriegs« zwischen
Jugendlichen und Autoritäten, »die bloß ihre Fächer, nicht aber ihre Schüler unterrichten«.
Dort mache Lernen keinen Spaß, ergo: "Die deutsche Lernkultur härtet nicht ab, sie macht
dumm."

Amokläufer, schreibt Lothar Mikos, kehren an "den Ort der Kränkungen zurück, um sich zu
rächen." Gemeint sind damit nicht speziell die Mitschüler und Lehrer, sondern ein
komplexes Ineinandergreifen vieler Faktoren. Ausschlag gebend sei wohl der Umstand
gewesen, dass Gymnasiasten in Thüringen ohne das Abitur keinen der für ihr weiteres
Leben enorm wichtigen Schulabschlüsse haben. In der Leistungsgesellschaft der
Untergang. Dennoch sei auch das wohl nur der Start des »Automotors« gewesen. Dieser
würde aber nicht alleine mit dem Drehen des Zündschlüssels starten, es komme zu einem
"komplexen Zusammenspiel von Zündschloss, Elektronik, Anlasser, Zündkerzen,
Benzineinspritzung usw." Der Medienwissenschaftler Mikos schlussfolgert daher:





"Die Medienprodukte, die Robert Steinhäuser konsumiert hat, waren nicht der
Auslöser seiner Tat, da es keinen direkten Zusammenhang zwischen den
symbolischen Darstellungen der verschiedenen Medien und Taten in der sozialen
Wirklichkeit gibt. Allerdings hat er aus deren symbolischen Angebot das
ausgewählt, das seiner Lebenswirklichkeit am nächsten kam und seinen Gefühlen am
besten Ausdruck verliehen hatEtwa «Counterstrike» und «Quake".






Jene wissenschaftliche Vertiefungen zum Thema dürften auch für Telepolis-Leser
interessant sein. Anders verhält sich dies beim Aufsatz von Susanne Eichner: "Vom
Mythos der Ballerspiele. Ein Einblick in die aktuelle Computerspiellandschaft." Sie
richtet sich an Laien, die in Jugendarbeit oder Schule tätig sind und denen das
Mindestwissen über Computerspiele fehlt - sie könnten alleine die Spiele verantwortlich
für die Tat machen. Hierzu indes stellt die Medienwissenschaftlerin fest: "Spiele sind
Spiele und nicht Realität, weil sie eigenen Regeln folgen und sich so von anderen
Alltagshandlungen unterscheiden." Wobei Hermanutz und Kersten hernach in ihrem
Beitrag über die Geschichte und Psychologie von Amokläufern ebenso zu bedenken geben,
in einer Untersuchung mit Polizeischülern sei festgestellt worden, "dass durch das Spielen
an Computer und Playstation mit Schießspielen die Schießergebnisse mit einer richtigen
Schusswaffe verbessert werden können."

Das Buch enthält ebenso Beiträge von Betroffenen, etwa der Schülervertreterin Melanie
Mecke: "Fremde Personen logen einem vor, dass sie Angehörige von bestimmten Lehrern
seien und gerne Auskünfte bekommen würden. Es stellte sich heraus, dass es Reporter von
der Bild waren." Michael Siegel, gleichfalls Leiter der Landeszentrale für politische
Bildung in Thüringen und Vater eines Sohnes, der während des Amoklaufs in der Schule
war, beschreibt die damalige Situation. Der Psychotherapeut Rüdiger Bürgel geht darauf
ein, dass Schüler, Lehrer und Eltern noch lange psychologisch betreut werden müssen und
die Schulleiterin Christiane Alt resümiert: "Wir sind im April 2003 am Anfang des
Weges."





Archiv der Jugendkulturen (Hg.): Der Amoklauf von Erfurt.
Verlag Thomas Tilsner & Archiv der
Jugendkulturen; Berlin 2003, 110 Seiten






















Kommentare:
Wohl wahr... (Johannes Gut, 28.4.2003 19:42)
Bowling for Columbine (Eric Bodden, 28.4.2003 14:13)
Das ist leicht zu erklären (Daniel Kulla, 28.4.2003 14:09)
mehr...










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