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Jogger stützt mich und führt mich, wohin ich will.
Er spielt den Diener, beflissen, unterwürfig, aufdringlich. Ich bemerke, daß er, während er meinen Arm hält, den Puls mißt.
Wir sind im Rechnerraum. Ich will sehen, was aus unseren Laras geworden ist. Entgegen meiner Anordnung wurde das Simulationsprogramm keine Sekunde unterbrochen.
Die Laras leben noch.
Auf dem Bildschirm sehe ich undeutliche Szenen, die Jogger erklären muß.
Eine neue Welt ist entstanden, ein neues Volk hat sich entwickelt. Eine kleine Welt, eine Insel. Inmitten eines feindseligen Ozeans, denn jeder Flüchtling wird bald verstümmelt zurück an den Strand gespült.
Kreta.
Hier der Palast des Minotaurus.
Behauptet Jogger; ich sehe nichts als einen Bunker.
„Eine Art Kreta. Sie nennen ihren Herrscher auch nicht Minotaurus, sondern Neo.“
Ihm wird jedes Jahr ein Mädchen und ein Junge geopfert. In Tempeln wird er angebetet - den Palast betreten nur Sklaven und Opfer.
Jogger zeigt mir einen dieser Tempel: was ich sehe, ist nichts als eine Amtsstube. An der Wand hängt ein Bild, Photographie und Gemälde zugleich. Mein Bild.
„Entschuldige bitte! Das Programm liefert mangelhafte Bilder. Es sind Tempel! Das Bild ist in Wirklichkeit die Statue deines unwürdigen Stellvertreters. Er nennt sich wie du: Neo!
Und hier eine der Schulen, in denen Ehrfurcht gelehrt wird!“
Deutlich erkenne ich die Wandtafel: ein Bild der Insel. Über der Insel kreisen Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn.
Ich erkenne den Lehrer: er trägt die Züge meines Vorgängers, Josef Spesinalium. Und ich sehe die Schüler.
Aus den Laras wurden fremdartige Jungen und Mädchen.
„Wie sie dir gefallen, Fausuto!“
Alles, was ich sehe, ist gezeichnet. Vasenzeichnungen, bewegliche Vasenzeichnungen.
„Sieh sie dir an! Wie es dir gefällt: knabenhaft die Mädchen, mädchenhaft die Jungen! Entschuldige die primitive Graphik! Wärst du selbst in dieser Welt, erschiene dir alles farbig und vollkommen natürlich!
Wie sie auf dich warten! Schon ihr ganzes Leben, schon seit Generationen! Neo, dich beten sie an!
Dieser angebliche Neo, der heute herrscht, wird von einer kleinen korrupten Partei unterstützt. Fast alle wissen es, manche flüstern es: der wirkliche Neo wird kommen!
Komm, Fausuto, stürze dein falsches Ebenbild! Mit einem waffenstarrenden Schiff wirst du eintreffen. Wie sie jubeln werden!
Wirst du sie bestrafen? Sie haben sich dem falschen Gott geopfert!"
Zuletzt sagt er noch leise:
„Fausuto, das ist mein Meisterstück.“
Er führt mich in mein Büro zurück. Er füttert mich mit einer Fleischbrühe, die in mir zugleich Heißhunger und Ekel weckt.
Will er mich retten? Will er mich umbringen?
Auch den mir bestimmten Raum im Palast hat er mir gezeigt: das „Gemach des Krokuspflückers“. Das war akzeptabel. Jetzt, wo ich mich erinnere, sehe ich Farben leuchten, sehe ich Sessel aus durchscheinendem Kunststoff, anatomisch geformt, männlich und weiblich.
Das war eine kurze Vision; noch hat er mich nicht.
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