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Jockel schrieb am 8.6. 2023 um 10:26:07 Uhr über

Rohrstock

Sicher gehöre ichJahrgang 1936zu den ältesten Lesern des Assoziationsblaster.
Rohrstock“, „Lederhose“, „Abhärtungsind Stichworte, die mich besonders interessierenund zu denen ich allenfalls Berichte aus den 60er Jahren finde. Da war ich längst aus der Pubertät.
Lassen sie mich aus meiner Lausejungenzeit in den 40er/50er-Jahren erzählen. Auch für damalige Verhältnisse wurde ich s e h r streng erzogen aber verboten war das nicht. Manche meiner Kameraden hatten ebenso strenge Eltern und Lehrer.

Ich war ein Einzelkind, spielte gern auf der Straße. TV gab es noch nicht. Wenn ich frech war, log oder naschte gab es abends Hiebe. Wer zu spät kam, keine Schularbeiten gemacht hatte musste sich über die erste Schulbank legen und bekam Hiebe auf den Hosenboden. Je älter wir waren, desto mehr. Das war in den Volksschuljahren.
Ich war ein cleveres Bürschchen und durfte nach Abschluss der 4. Klasse aufs Gymnasium. Aus dieser Zeit will ich nun erzählen.

Schon mit 9 Jahren hatte ich eine Lederhose geerbt, die ein älterer Junge ausgewachsen hatte. Nun wurde sie mir langsam zu kurzfanden katholische Mütter. Meine Eltern nicht. Sie hatten nichts dagegen, wenn ich im Frühling bei den ersten, im Herbst bei den letzten Jungen in kurzen Hosen war. Im Gegenteil! Wenn ich fror und nach der langen Buxe fragte hieß es: „ Von kalten Beinen wirst du nicht krank!“ Allerheiligen und der 1. März waren in vielen Familien der Stichtag für den Hosenwechsel. Bei uns war es der 1. Dezember und die Schneeschmelze Ende Februar. Zum Gymnasium fuhr ich, um Geld zu sparen, mit dem Rad. Auch bei Nachtfrost oder Neuschnee in den ausgewachsenen Lederhosen. Inzwischen wollte ich es selbst.

Im Unterricht wurden wir nun nicht mehr verprügelt. Es gab aber einen Prügelkeller für den Strafvollzug in den großen Pausen und nach Schulschluss. Lederhosen dämpften die Hiebe etwas. Manchmal rief der Lehrer zu Hause an. Dann musste ich am nächsten Tag in dünnen schwarzen Turnhosen antreten oder durfte mich nach der Turnstunde nicht wieder anziehen. Wenn ich eine Klassenarbeit verbaut hatte, gab es zu Hause Hiebeund am nächsten Tag zusätzliche in der Schule auf die Strafturnhosen.

Wieviele Hiebe wollt ihr wissen? Das halbe Dutzend war Minimum, ein Dutzend die Regel und zwei Dutzend auch keine Ausnahme. Mit dem Alter wuchsen auch Dicke und Länge der Rohrstöcke. Bei uns gab es einen wassergefüllten Schirmständer aus Blech für den Rohrstock. Man konnte auch lederüberzogene kaufendie waren noch wirkungsvoller.

Als ich 13 und ein Pubertier war, bekam ich eine neue (getragene) Lederhose. Der Bund war etwas weiter und schnürte mich nicht mehr so ein. Aber die Hosenbeinumschläge musste der Schuster abschneiden, damit sierichtigkurz war. Mir gefiel das. Jetzt sah man meistens ein paar Striemen an den Hosenbeinansätzen. Passanten meinten manchmal: „Der wirds verdient haben!“ Mitleid war seltener.

Mit 14 verabredete ich mit meinem besten Freund, dass wir den ganzen Winter hindurch Lederhosen tragen wollten. Meine Mutter schüttelte den Kopf, der Vater fand es gut. Wir waren jetzt Pfadfinder, für die das eine Mutprobe war. Aus der Horde machten auch welche mit. In kurzen Hosen rodeln? Es war grenzwertig. Heute undenkbar!

Ich denke gern an meine Jugendzeit!


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