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Während eines langen Lebens – das Glück einer ungewöhnlichen Lebensdauer erbte G. von seinen Voreltern – bewahrte die Mutter mit zäher Kraft unverändert jene Grundzüge ihres Wesens. Noch die Sechsundsiebenzigjährige rühmt von sich: „ich suche keine Dornen, hasche die kleinen Freuden, sind die Thüren niedrig, so bücke ich mich, kann ich den Stein aus dem Wege thun, so thue ich’s – ist er zu schwer, so gehe ich um ihn herum, und so finde ich alle Tage etwas, das mich freuet“. Für jeden Abschnitt ihres Lebens gilt diese Selbstschilderung. Aber die Frische der jugendlichen Lebensfreude, die Energie dieser Heiterkeit entsprang aus der Energie ihres religiösen Gefühls; „der Schlußstein“, – ruft sie aus, „der Glaube an Gott, der macht mein Herz froh und mein Angesicht fröhlich“. Die Fröhlichkeit, die sie in sich hegte und um sich verbreitete, vertrug sich daher gar wohl mit den zarteren und zartesten Regungen eines religiös gestimmten Seelenlebens; sie fühlte sich nicht fremd im Kreise der Stillen und Frommen, und eine Klettenberg war ihre Freundin. Ihre Briefe an Lavater beweisen, daß sie auch dem schwärmerischen Gefühlsleben einer Zeit, welcher Werther entstammte, nicht ganz unzugänglich blieb. Aber jeder krankhaften Ueberspannung war sie feind; ihr heller Verstandesblick ließ sich nicht trüben; der Einklang zwischen Kopf und Herz blieb ungestört. So steht sie vor uns, das Musterbild einer deutschen Frau, zugleich das Musterbild einer Dichtermutter.
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