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wuming schrieb am 30.4. 2003 um 23:23:40 Uhr über

kinder




Die Kinder von Guantanamo

Florian Rötzer 29.04.2003

Auch Kinder unter 16 Jahren werden als »feindliche Kämpfer« vom
Pentagon auf dem kubanischen Stützpunkt festgehalten, aber den "sehr, sehr
gefährlichen Menschen" ginge es bestens

Letzte Woche erst wurde bekannt, dass das Pentagon im Gefängnislager
Guantanamo auf Kuba auch Kinder unter 16 Jahren eingesperrt hat. Am 23. April
räumte Oberstleutnant Barry Johnson ein, dass Kinder als "aktive Kämpfer gegen
die US-Streitkräfte" festgenommen und nach Guantanamo gebracht wurden, um sie
dort zu vernehmen. Insgesamt befinden sich noch über 660 »feindliche Kämpfer« in
rechtlosem Zustand in dem amerikanischen Gefangenenlager. Auch der Status von
Kriegsgefangenen wird ihnen verweigert, um sie im Prinzip unbegrenzt in den Zellen
halten zu können.






Gefangene bei Ankunft
in Guantanamo Bay




Manche der Gefangenen sind hier bereits seit anderthalb Jahren. Nur wenige wurden
bereits entlassen. Darunter auch Greise oder andere Menschen, die teilweise wohl auch
zufällig in die Hände der US-Soldaten gerieten, die offenbar nicht sehr wählerisch waren (
Was machen eigentlich die deutschen Neonazis?). Vermutlich gehörte
der Großteil der Gefangenen nicht einmal al-Qaida an. Angeblich
gibt es Plakate auf arabisch und englisch im Lager mit dem Text: "The road to return must
be paved with complete truth and cooperation. I know!!!" Verhaltenskonditionierung
erfolgt u.a. mit dem Gewähren und Verweigern von Angeboten. Bei den Inhaftierten häufen
sich offenbar Selbstmordversuche. Manche müssen mit Antidepressiva behandelt werden.
Nicht verwunderlich bei der völligen ungewissen Zukunft. Man ist den Amerikanern völlig
rechtlos, ganz nach deren Belieben, ausgesetzt. Gerichte in den USA haben bestätigt, dass
die Gefangenen keinen Anspruch auf Rechtschutz haben, weil Guantanamo Bay nicht auf
amerikanischen Territorium liegt. Das ist eine im Hinblick auf Menschenrechte höchst
beunruhigende Entscheidung ( USA: Im Krieg ist das Recht
eingeschränkt).




Schon welchen Wert ihre möglichen Informationen über al-Qaida nach so langer
Gefangenschaft noch haben könnten, ist höchst fraglich. Der Kommandeur des Lagers,
Geoffrey C. Miller, erklärte jedoch, dass man noch immer Informationen von ihnen
erhalte. Dass die US-Soldaten mit Gefangenen nicht gerade zimperlich umgehen (
Unerwünschte Bilder), wurde jetzt auch wieder im Irak bekannt. Zwar
hatte das Pentagon die Genfer Konvention über den Umgang mit Strafgefangenen ins Spiel
gebracht, als der Sender al-Dschasira, dessen Büro in Bagdad später vom US-Militär
bombardiert wurde, Bilder von amerikanischen Kriegsgefangenen sendete, die vom
irakischen Fernsehen stammten. Amnesty protestierte jetzt, nachdem
die schwedische Zeitung Dagbladet berichtet hatte, dass
amerikanische Soldaten mutmaßliche Plünderer nackt durch einen Park in Bagdad
abführten. Auf ihre Brust hatte man auf arabisch »Ali Baba - Haram(i)« (Dieb)
geschrieben.

Über den Umgang mit mutmaßlichen Kindersoldaten

Genaue Angaben über die Zahl der Kinder in Guantanamo gibt es nicht. Medien gehen von
mindestens drei Kindern im Alter zwischen 13 und 15 Jahren aus, es könnten aber auch
mehr sein. Oberstleutnant Johnson sagte nur, es handele sich um eine
sehr kleine Zahl von Kindern, die festgehalten würden, weil "sie das Potenzial haben,
wichtige Informationen über den andauernden Krieg gegen den Terrorismus zu liefern".
Ihre Freilassung hänge von der Entscheidung ab, "dass sie keine Gefahr für die Nation
darstellen und keine weiteren Aufklärungswert besitzen". Angeblich seien alle Gefangenen
unter 16 Jahren nach dem Januar 2002 nach Guantanamo gebracht worden. Erst nach
medizinischen Untersuchungen habe man entdeckt, dass sie Kinder seien. Das aber hat
ihnen dann offenbar auch nichts genutzt.

Angeblich soll sich darunter ein 16-Jähriger mit kanadischer Staatsangehörigkeit befinden,
der im Juli 2002, als er noch 15 war, schwer verletzt in Ostafghanistan nach einem
Schusswechsel festgenommen worden ist. Er wird beschuldigt, eine Granate auf einen
amerikanischen Soldaten geworfen zu haben, der dadurch getötet wurde. Sein Vater soll
für finanzielle Dinge bei al-Qaida verantwortlich gewesen sein. Kanadischen Beamten
wurde bislang keine Möglichkeit gegeben, mit dem Jungen in Kontakt zu treten.

Jo Becker von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch
kritisierte, dass eine Befragung keine Rechtfertigung darstelle,
Kinder gefangen zu halten. Sie gehörten sicherlich nicht, wie Verteidigungsminister
Rumsfeld die Gefangenen in Guantanamo bezeichnet und deren Rechtlosigkeit legitimiert
hatte, zu den »Schlimmsten der Schlimmen«. Auch wenn es sich um Kindersoldaten der
Taliban handelt, sollten sie nicht zusammen mit anderen Erwachsenen eingesperrt und
bestraft, sondern resozialisiert werden. Amnesty forderte ihre
Freilassung und wies darauf hin, dass die US-Regierung das
Abkommen über die Beteiligung von Kindern an bewaffneten
Konflikten im Dezember 2002 unterzeichnet hat, das die Mitgliedsstaaten zur
Resozialisierung der Kindersoldaten verpflichtet.

Inzwischen hat auch Olara Otunnu, der in der UN für die Rechte von Kindern im Krieg
zuständig ist, die USA kritisiert. Gegenüber BBC sagte er, dass nach
internationalem Recht sowohl der Einsatz von Kindersoldaten als auch deren Einsperrung
verboten sei. Er verlangte von den US-Behörden, im besten Interesse der Kinder zu
handeln und die Situation aufzuklären.

Alles ganz legal

Auf einer Pressekonferenz letzte Woche erklärte Stabschef Richard
Myers dazu:





Die Kinder seien "trotz ihres Alters sehr, sehr gefährliche Menschen. Das sind
Menschen, die hauptsächlich in Afghanistan festgenommen und einen sorgfältigen
Verfahren unterzogen worden sind, um zu bestimmen, in welcher Art sie beteiligt
sind. Einige wurden getötet. Einige haben gesagt, sie würden wieder töten. Sie
können also Jugendliche sein, aber sie sind kein Schülerteam, sondern sie spielen in
einem Erwachsenenteam, das ein Terroristenteam ist. Und sie sind in Guantanamo
aus guten Grund - für unsere Sicherheit, für Ihre Sicherheit."






US-Verteidigungsminister Rumsfeld sagte, dass alles, was mit den Gefangenen in
Guantanamo geschehen ist, auf ganz legalem Weg erfolgt sei. Durch die Gefangenschaft
halte man die Menschen, die zu al-Qaida oder den Taliban gehören, von der Straße weg.
Rumsfeld schloss sich der Meinung seines Vorredners Myers an, dass die gefangenen
Kinder eigentlich keine Kinder seien. Überdies seien viele Menschen von Teenagern
getötet worden. Über die rechtliche Lage, also dass sie nach Ansicht der US-Regierung
nicht von Anwälten besucht und unbegrenzt lange festgehalten werden, äußerte sich
Rumsfeld nicht weiter.

Glückliche Kindersoldaten lieben Meerfilme

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete, soll es den Kindern nach
einer neuen Pentagon-Version bestens gehen:





"Am Morgen lernen sie lesen und schreiben in ihren Muttersprachen, säubern ihre
Räume und mähen draußen den Rasen. In der Freizeit spielen sie Fußball und
schauen Filme wie 'Castaway' an, der zu ihren Lieblingsfilmen gehört. Am
Nachmittag arbeiten Psychlogen mit ihnen, um die Wunden körperlicher und
emotionaler Misshandlungen zu heilen.






Leutnant Barry Johnson, der Sprecher des Gefangenenlagers, jedenfalls kann nur Gutes
berichten. Als er sie besuchte, so erzählte er AP übers Telefon, hätten sie gerade
Mathematik gelernt. Sie seien aufgestanden, hätten gegrinst und mit dem bisschen Englisch,
das sie gelernt haben, Witze gemacht: "Offensichtlich mögen sie Meerfilme, weil sie das
Meer sehen können."

Die Jungen würden separat von den Erwachsenen leben. Sie könnten fünf Mal am Tag
beten und wöchentlich einen »islamischen Kaplan« treffen. Die Wachen hätte man nach
ihrer Erfahrung mit Jugendlichen ausgewählt. Diese wären zum Militärdienst gezwungen
worden, weswegen man sie eben psychologisch behandelt: "Ich weiß nicht, ob sie
irgendwo anders in der Welt, wenn man von ihrem Status als feindliche Kämpfer ausgeht,
diese Art der Behandlung erhalten würden, eine Umgebung, die zur Förderung ihrer
Entwicklung gestaltet wurde", sagt Johnson.

Für das Böse gibt es keine Altersgrenze

Michelle Malkin versuchte hingegen in einem Kommentar in der
konservativen Washington Times die Rumsfeld-Myers-Haltung zu bestärken, dass es sich
eigentlich nicht um Kinder handelt, weswegen man sie so behandeln kann, wie alle
anderen auch. Hier handelt es sich um vier Jugendliche, die, so Malkin, keineswegs
Nintendo oder in einer Sandkiste spielten, als sie festgenommen wurden, sondern die sich
auf dem Dschihad befanden:





"Wir sprechen nicht von Herden von friedliebenden engelhaften Schülern (wie
denjenigen, die von amerikanischen Truppen aus Saddams Gefängnissen befreit
wurden). Wir sprechen von vier männlichen Jugendlichen, die als aktive feindliche
Kämpfer gegen US-Truppen festgenommen wurden und verdächtigt werden,
Verbindungen mit dem terroristischen al-Qaida-Netzwerk des besiegten
Taliban-Regimes in Afghanistan gehabt zu haben."






Malkin verbindet ihren Kommentar, der die liberalen Kritiker und
Menschenrechtsorganisationen lächerlich zu machen versucht, mit dem Fall des 17jährigen
Lee Malvo, der letztes Jahr zusammen John Allen Muhammad im Raum von Washington
13 Menschen erschossen haben soll. Für das Böse, so Malkin, gebe es keine Altersgrenze,
»kaltblütige Mörder und blutdurstige Kämpfer gibt es in allen Größen«.
















Kommentare:
konstruktiv = aufschichtend (frajo rolofs, 29.4.2003 22:39)
Teil 2 (Wuff, 29.4.2003 22:39)
lange Antwort.. Teil 1 (Wuff, 29.4.2003 22:38)
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