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Hanna
Auf dem Schreibtisch liegt ein Sortiment Parfümproben. Immer wenn er ein Verlangen nach Wohlgerüchen hat, machte er eine dieser kleinen Fläschchen auf. Ein wenig auf die Haut und schon ist der Geruch von Papier verdrängt. Das Telefon klingelt. C ist am anderen Ende der Leitung. Sie kommt mit der Bahn. Gegen vier soll er sie abholen. Kaum aufgelegt läutet es erneut. Hanna: „Ist C. da?“ - „Nein. Dann melde ich mich später wieder“. Was sie wollte ? Gesagt hat sie es nicht. Es wird wie üblich belanglos gewesen sein. Sie ist einsam und wunderlich. Alleine auf ihrem Bauernhof mitMäusen, Hühnern und Gänsen sucht sie ab und zu den Kontakt zur Außenwelt.
Hanna ist eine Aussteigerin. Neunzehnhundertdreiundneunzig kam sie mit ihrem Gepäck nach Herzhorn. Von Stuttgart aus in den östlichen Osten. Tiefste Provinz. Ohne Fahrzeug nicht zu erreichen. Ein altes Haus nennt sie hier ihr eigen. Teuer gekauft hat sie das Haus aus der Bodenreformzeit. Zu teuer. Heruntergekommen ist das Haus, der Garten , die anliegenden Felder. Der Verkäufer und sein Immobilienhai lachen sich heute noch ins Fäustchen. Die Alte haben sie über den Tisch gezogen. Zweihundertachtzigtausend DM haben sie ihr aus der Tasche geholt. Die Bank ist mit im Geschäft. Die haben den Kaufpreis auch nicht moniert. Der Verkehrswert des Anwesens lag damals höchstens bei Einhundertfünfzigtausend. Nun muß Hanna noch lange bezahlen. Ihr leeres Portemonnaie gibt ihr wenig Spielraum zum Leben.
Hanna, die Aussteigerin, macht das Beste daraus. Sie lebt frei von Sorgen mit ihren Hühnern und nach dem Rhythmus des Tages, den die Natur und die Sonne ihr vorgibt. Speisen kann sie alles, was der Garten hergibt. Baden kann sie im Pool, den sie sich mit den Gänsen teilt und Unterhaltung hat sie mit ihren und Nachbars Tieren. Manchmal kommt auch ein Fuchs und stört die Idylle vom Lande. Aber das bewegt sie nicht sonderlich. Sie verdrängt die Gedanken an Geldsorgen und mögliche Krankheiten. Auch die Einsamkeit ist ihr nicht unheimlich. Mit einem Fernseher gibt sie sich kaum ab. Es gibt ihn zwar, aber es fehlt an einer Antenne oder Satellitenanlage. Das ist nicht schlimm. Geht auch ohne. Und das Beste im Haus ist ein alter Telefunken-Radioapparat. Der schafft noch den Empfang von einigen Sendern im UKW-Bereich. Für Kultur und Information reicht es allemal. Mehr wäre Luxus und den braucht Hanna nicht.
Seit kurzem erst hat sie ein Telefon. Sie wollte es lange Zeit nicht. Sie hatte Angst davor. Ein Telefon ist wie ein Ohr, daß sie belauschen, überwachen könnte. Wenn es klingelt, schreckt sie zusammen. Warum blieb offen. Um Kontakt zur Umwelt zu halten, schreibt sie Briefe und Karten. Einen gelben Briefkasten haben sie in Herzhorn. Der Postbote kommt auch in der Woche. So kommt Post bei ihr an und geht auch in die Ferne. Wenn sie in die Stadt will, muß sie mit dem Überlandbus fahren. Meist ist es der Schulbus, der Montag bis Freitag verkehrt. Ansonsten ist da ohne fremde Hilfe oder eigenes Fahrzeug nichts zu machen.
Hanna hat einen Führerschein; zeitweilig auch nicht. Fahren unter Tabletteneinwirkung – und dann noch ein Gläschen Wein. Irgendwann war es dem Ortssheriff aufgefallen. Oder war es ein Nachbar, der ihr Böses wollte?
Gibt es einen Denunzianten in Herzhorn? Warum nicht? Man will unter sich sein. Die seltsame Alte aus dem Westen ist einigen nicht geheuer. Ohne Mann, ziemlich locker, eigenbrödlerich , gekehrt, manchmal mit hochrotem Kopf und regelmäßig mit ungepflegten Sachen. Sie spricht mehr mit den Hühnern und Katzen des Ortes als mit den Leuten. Was soll man davon halten? Etwas wunderlich. Eine Lehrerin soll sie sein, Beamtin, vorzeitig pensioniert. Von Stuttgart nach Herzhorn? Da muss doch was nicht stimmen! Verdächtig. Gefährlich. Ungewöhnlich. Entspricht nicht der Norm. Und dann noch die Unordnung auf dem Hof. Im Haus wird es nicht besser sein. Manchmal redet sie auch gebildet. Englisch und Französisch soll sie perfekt können. Doch wenn sie reich wäre, hätte sie auch bei den Schwaben bleiben können. (Wieso eigentlich?) Stiegele ist ihr Name. Eine Hexe, wie man hört. Astrologie, Naturheilkunde und andere unheimliche Dinge soll sie betreiben. In ihrem Haus gibt es eine Menge alter Bücher. Und diese Spinnweben. Nachts knistert es im Gebälk. Mäuse sind es, doch diese nicht alleine. Große und kleine Fledermäuse schwirren umher. Wenn es dunkel wird, brennt fast nie Licht, höchstens mal eine Kerze. Ob sie spiritistische Sitzungen abhält? Seltsame Besucher hat sie hin und wieder. Alles suspekt für eine Dorfgemeinschaft von weniger als einhundert Menschen. Und viel Gesprächsstoff hinter vorgehaltener Hand.
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