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KIA, am 28.5. 2004 um 19:32:18 Uhr
Tübke

Werner Tübke ist fraglos einer der wohl bedeutendsten, aber auch umstrittensten Maler am Ausgang dieses künstlerisch so schnellebigen 20. Jahrhunderts, in dem die verbreitete Aufgabe tradierter Werte der Kunst längst zur Implosion der leeren Formen geführt hat. Einsam beharrt er auf dem für ihn allein maßstabsetzenden Vorbild der Großen der Vergangenheit. Dabei erscheint sein immenses bildkünstlerisches Werk verwirrend vielschichtig und komplex als Ergebnis polarer Spannungen zwischen Idealvorstellungen und einer als problematisch empfundenen Wirklichkeit, zwischen Realitätsbefund und irrationalem Impuls, zwischen dem eigenen, letztlich unergründlichen Innenleben und Reflexionen der Außenwelt. In ihm manifestiert sich ein höchst prekäres, in seiner artifiziellen Strategie konsequent historisiertes, doch um so kunstvoller arrangiertes Universum, das in seinem Zentrum großes Welttheater mit ganz privaten, intimen Phantasien bruchlos verbindet.
Welthaltigkeit, geschöpft aus einem weiträumigen Denken in Jahrhunderten und immer wieder befestigt an den ganz wenigen wirklich existentiellen Archethemen, die es in der Welt- und Kunstgeschichte gibt, ist bei aller Rätselhaftigkeit und bizarren Hieroglyphik der Erfindung ein wesentliches Charakteristikum seiner Kunst, die geistvolle, sensible Spielerei mit Formen und Gedanken keineswegs ausschließt. Abseits der endlosen Verlängerung der Moderne, aber auch unbeeindruckt vom kunstpolitischen Erwartungsgefüge staatlicher Auftraggeber hat er einen genuin eigenständigen, ambivalent-meta- phorischen Manierismus begründet, der bewußt in der ganzen Wandlungsfülle der christlich-abend- ländischen Bildtradition wurzelt, ja inzwischen selbst schon als kunstgeschichtliches Phänomen zu werten ist eine Leistung, die Anfang der siebziger Jahre zuerst in Italien erkannt wurde, jedoch hierzulande teilweise noch immer gravierend unterschätzt wird.
Guter Text aus Frankenhausen. Ich habe Tübke immer sehr geschätzt. Er ist tot.


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