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Es giebt scharf ausgeprägte Charaktermenschen, deren ganzes oft wechselvolles Leben von einem einzigen, sei es humanistischen, freiheitlichen oder künstlerischen und poetischen Ideale beherrscht wird und die bei allem Wechsel des Geschickes, bei aller bunten Verkettung der Erlebnisse nur für die Verwirklichung ihres Ideals die Mühen und Arbeiten des Lebens einsetzen. Zu solchen gekennzeichneten Charakteren gehört Gustav Adolph Wislicenus, in einem Pfarrhause bei Eilenburg den 20. Novbr. 1803 geboren. Sein lebenbeherrschendes Ideal ist die religiöse lichtfreundliche Freiheit, verbunden mit einer geschichtlich-wissenschaftlichen Auffassung des Christenthums, mit einer freien Prüfung seiner Urkunden, des Buches der Bücher. Sein bewegtes, oft trübes Leben war bis zu seinem jetzigen 61. Lebensjahre getheilt in Erziehung der Jugend nach diesem Ideale und in Erziehung des häufig unmündigen und unfreien Volkes durch Wort und Schrift, in Erziehung beider für eine vorurtheilslose Auffassung der Bibel. Die Hingabe einer ganzen Lebensarbeit an ein Ideal setzt immer voraus, daß das Ideal Herz und Kopf ganz ausfüllt, daß der zu einem solchen Ziele providenziell Berufene bei allen Hemmnissen und Wechselfällen immer nur zur Arbeit für dieses eine Ideal getrieben wird. So war es mit den Aposteln der politischen Freiheit, mit dem Friedensapostel Elihu Burritt, und so ist es mit Wislicenus, dem Apostel der religiösen Freiheit. Von frühester Lugend den religiösen Gefühlen hingegeben, wählte er 1822 Theologie und Pädagogik zu seinem Studium und Beruf, versenkte sich in die religiösen Mysterien des Christenthums, lernte aber auch bald die Religion mit der Freiheit verbinden und wurde endlich durch die Werke von Feuerbach und Strauß zu seinem Ideale der religiösen Freiheit geführt.
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