|
Walther von der Vogelweide saß auf einem Stein
Sprach: "Mir wirds zu blöde jetzt, ich lass das Singen sein.
Das Singen und das Zechen und am besten auch die Frauen.
Man wird nur alt dabei, ohne sich je was aufzubauen.
Dem Sänger schenkt man Blumen, aber Blumen welken schnell,
So schnell wie ohne Geld die Gunst der Huren im Bordell.
Ach! Mögen meine Lieder noch so unvergänglich sein,
So wird man mich doch eines Tag's verscharren ohne Stein.
Die Mühsal auf der Reise! All die Wege ohne Ziel!
Und immer die Besoffenen! Jede Nacht das gleiche Spiel:
Heda du, du Sänger! Sing ein Lied und mach uns froh!
Trulla, trulla, hopsasa, jodilei und holdrio...
Der Hass der holden Herren, deren Damen bei mir liegen,
Die Tränen all der Mägdelein, die mich erst gar nicht kriegen.
Das Buhlen und das Protzen geb ich auf der Stelle auf,
Nehm Armut, Demut, Keuschheit nur zu gern dafür in Kauf.
Ich suche mir ein Plätzchen in einem warmen Land:
In Persien, in Bengalen, am Strand von Samarkand.
Da hüt ich meine Schweine, da bestelle ich mein Feld,
Und baue mir ein Haus, das nicht beim ersten Sturm zerfällt."
Da kam ein schönes Mädchen ... sie kam von irgendwo.
Und sang ein schönes Liedchen, da wurd' Walther wieder froh.
Und schlug in seine Laute und dann sangen sie zu zwein'.
Und was danach geschehen ist, das weiß allein der Stein.
[Götz Widmann - Walther]
|