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Bolschewismus und Faschismus benehmen sich, als wären sie schon Vergangenheit, als gehörten sie, die doch zu dieser Stunde vorfallen, einer verflossenen Fauna an. ... Das Unbegreifliche und Zeitwidrige ist, daß ein Kommunist von 1917 eine Revolution beginnt, die genau so verläuft wie alle früheren und deren Schwächen und Irrtümer nicht im geringsten verbessert. ... Eine eintönige Wiederholung aller Revolutionen von jeher. Und das in solchem Maße, daß es keine Redensart gibt, welche die alte Menschenerfahrung über Revolutionen geprägt hat, die nicht hier ihre klägliche Bestätigung fände. »Die Revolution fängt gemäßigt an, geht dann an die Extremen über und nimmt sehr bald eine rückläufige Bewegung in Richtung Restauration.« »Die Revolution verschlingt ihre eigenen Kinder.« Und so weiter. Und so weiter. Solchen Binsenweisheiten könnte man ein paar andere, weniger bekannte hinzufügen, wie etwa diese: Eine Revolution währt nicht über fünfzehn Jahre, nämlich die Zeit, in der eine Generation am Ruder ist.
Wer eine wahrhaft neue Gesellschaftsordnung schaffen will, muß vor allem darauf sehen, daß er diese anspruchlosesten Gemeinplätze der geschichtlichen Erfahrung außer Kraft setzt. Ich möchte das Prädikat revolutionär jenen Menschen vorbehalten, die, kaum daß sie zu handeln beginnen, alle Geschichtslehrer aus der Fassung bringen, weil sie die Gesetze ihrer Wissenschaft überrennen, aufheben und zum alten Eisen werfen.
José Ortega y Gasset: »Gesammelte Werke«, Band III, S. 73 ff, DVA
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