>versenden | >diskutieren | >Permalink 
mcnep, am 10.5. 2003 um 11:41:59 Uhr
ImBlasterVerlinkteSchriftsteller

Der Werdegang von Ursula Rutenfest, der unangefochtenen Meisterin des erotischen Minimalismus, verlief so ganz anders, als man es von Popliteratinnen ihrer Generation gemeinhin erwarten würde: Ihre Vita schmücken keine Schreibseminare bei Dietrich Diedrichsen, kein Damaskuserlebnis auf rauschenden Drogenparties an der Côte d'Azur, weder auf eine Buchhändlerlehre noch ein Fernstudium der Onkologie kann diese »durchglühte Cervixpoetin« (Hellmuth Karasek) zurückblicken. »Ich habe halt den Pegasus direkt beim Schwanz gepackt«, erzählt sie mir bei meinem Besuch in ihrer 2-Raumwohnung und zupft sich dabei in einer geübten Geste ein Haar von der Zunge. Wurde der erste Band mit Prosaskizzen, 'Friedhofsgeil' noch von einer sichtlich irritierten Kritik verrissen (Sigrid Löffler sprach etwa von 'triefnassem Gestammel'), wozu sicher auch das Erscheinen im ansonsten für deutschnationale Sachbücher und dubiose Gesundheitsratgeber bekannten Herbig - Verlag beitrug, wurde ihr zweiter Band 'Paarspiele', der in der Edition Suhrkamp mit einem bewegenden Vorwort des späten Siegfried Unselds erschien, zu dem größten Verkaufserfolg des Hauses seit Hesses Steppenwolf. Auch die Folgebände 'Ich trinke dich' und 'Feste' erreichten ein Millionenpublikum. Eine schwere Infektionskrankheit warf die Rutenfest im vergangenen Jahr zurück, doch kaum genesen, arbeitet sie mit Hochdruck an ihrem ersten Drama, dessen Vorabdruck in der Grazer Literaturzeitschrift 'Manuskripte' bereits Vergleiche mit Elfriede Jelinek provozierte: 'Vier Lippen' ist das schonungslose Soziogramm einer bedingungslosen Paarbeziehung, das konsequent alle Aspekte gesellschaftlicher Problemstellungen ausklammert zugunsten einer nie dagewesenen Reduktion auf Palpabilität und Olfaktorik. Schreibanlässe? »Ich lasse mich von der Realität befruchten und gehe nicht lange mit meinen Ergüssen schwanger«, verrät uns Ursula Rutenfest noch, bevor der Besuch ins Nonverbale abschweift. Wie alle verlassen wir die Wohnung dieser begnadeten Frau, wie uns auch ihre Werke hinterlassen: Leer, und doch zugleich unendlich bereichert.


   User-Bewertung: +7

Bewerte die Texte in der Datenbank des Assoziations-Blasters!

Hiermit wurden Dir 2 Bewertungspunkte zugeteilt. Wenn Dir ein Text unterkommt, der Dir nicht gefällt, drücke den Minus-Knopf, findest Du einen Text, der Dir gefällt, drücke den Plus-Knopf. Jede Bewertung verbraucht einen Deiner Bewertungspunkte.

Damit Deine Bewertungs-Punkte erhalten bleiben, muss ein Cookie auf Deinem Computer abgelegt werden. Bitte wähle, ob der Cookie für vier Monate oder nur für eine Woche gespeichert werden soll:

Mehr Informationen über das Bewertungssystem
 Konfiguration | Web-Blaster | Statistik | Hilfe | Startseite