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Ein (...) ganz wesentlicher Aspekt scheint mir zu sein, daß der Begriff des Obszönen (...) eigentlich noch viel weiter zu fassen wäre. Er müsste auch auf einen ökonomischen Sachverhalt bezogen werden, der bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Vor kurzem habe ich eine Fernsehdebatte verfolgt, mit Bill Gates und Edmund Stoiber unter anderem, in deren Verlauf der bayrische Ministerpräsident wörtlich die Feststellung von sich gab: »In der Gentechnologie müssen wir klotzen.« In Äußerungen dieser Art wird erst die eigentliche Obszönität faßbar, die in der öffentlichen Diskussion als politischer Subtext ständig mitläuft. Die Gesellschaft der Bundesrepublik erhebt zwar routinemäßig ihren Anspruch auf Wohlstand, Wachstum, Umverteilung und so weiter. Aus welchen Quellen die zu verteilenden Reichtümer hervorgehen sollen, davon möchten die schönen Seelen nichts wissen, da wird gerade unter Rot-Grün geheuchelt wie kaum je zuvor. Solange wir uns dieser Obszönität moralisch, mental, diskursiv nicht stellen, müssen Projektionen und Verlagerungen der unvermeidlichen Spannungen in der Gesellschaft stattfinden. Man hält sich dann an öffentliche Figuren, die politisch und ökonomisch weder Macht noch Einfluß haben, das heißt an Intellektuelle, die die Reflexion vorantreiben und die diese abgedunkelten Probleme zur Sprache bringen. An denen tobt sich die veröffentlichte Meinung aus.
Peter Sloterdijk, 'Die Sonne und der Tod', S.52
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