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Doch besteht kein Grund zur Aufregung - wirklich revolutionär ist das nicht: Im Netz wiederholt sich bloß die Literaturgeschichte. Die konkrete Poesie spielte mit Worten statt mit Sinn, die »écriture automatique« nutzte den Zufall als schöpferisches Moment, und in den 60er-Jahren prägte Julia Kristeva den Begriff der »Intertextualität«, der die Referenz eines Textes zu einer Vielzahl anderer Texte beschreibt. Das Buch war schon eher ein Textuniversum als der Cyberspace.
Aber die Unkonsumierbarkeit ihrer Werke nehmen die Web-Poeten in Kauf. Über ein paar Klicks in der Woche ist der Hypertext-Utopist Heiko Idensen bereits glücklich. Er beschäftigt sich seit Anfang der Neunzigerjahre mit gemeischaftlichen Schreibprojekten, auch wenn die Leidenschaft der Autoren kaum Leser findet. Es kann nicht nur daran liegen, dass es sich am Bildschirm so ungemütlich liest. Denn das Internet ist eigentlich ein Textmedium; die wichtigsten Informationen erhält man nicht durch Bilder, sondern durch Wörter. Vermutlich steckt jedoch der Teufel genau in diesem Detail, nämlich in der Sprache. Sie ist das Material der Literatur, das sich auch durch interaktive Zusätze nicht aufpolieren lässt. Anders als die Netzkunst, die sämtliche multimedialen Möglichkeiten nutzen kann, ist Literatur auf die Worte angewiesen. Die kann man zwar ein bisschen rütteln und schütteln, eventuell auch in Gemeinschaftsarbeit - doch was den Netzdichtern Spaß macht, ist für den Rezipienten in der Regel nicht interessant. Und so ist das Internet kein wirklich geeignetes Medium für lesbare Literatur, sondern bloß ein riesengroßes Brachfeld, in dem jeder Hobbyliterat veröffentlichen kann.
JUTTA HEESS
pechlucky@taz.de
taz Nr. 6409 vom 29.3.2001, 258 Zeilen, JUTTA HEESS
http://www.taz.de/pt/2001/03/29.nf/isText.idx,1.ausg,is_200103
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