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mcnep schrieb am 1.5. 2004 um 12:37:48 Uhr über

Peniszerstörung

In Europa hätte es wohl kaum zur Bewegung der Skopzen kommen können, die im Russland des 19. Jahrhunderts ein eigenes Phänomen darstellte. Die russischen Bauern verstanden die Beschneidung Jesu Christi als Kastration, sie wollten Christus imitieren, indem sie sich vom Bösen im eigenen Körper befreiten. In der Kastration sahen sie die notwendige Voraussetzung für die Errettung der eigenen Seele.

Das Amputieren der Geschlechtsteile wurde bei den Skopzen zur rituellen Praxis. Es gab zwei Stufen der Entmannung. Mit Bindfaden wurden die Hoden zusammengeschnürt und mit einem glühendheissen Messer abgeschnitten. Doch das war nur die erste Stufe, da damit die Wollust noch nicht besiegt war. Um sich endgültig von der Lust zu befreien, wurde das Glied gleich an der Wurzel weggeschnitten, und um das unkontrollierte Abgehen von Urin durch die Öffnung der Harnröhre zu verhindern, wurde ein Zinnzapfen hineingesteckt. Das Beschneiden der Frauen dem Ideal der Reinheit zuliebe liess eine grössere Vielfalt chirurgischer Eingriffe zu: Die Brustwarzen wurden abgeschnitten oder weggebrannt, oft die Brüste ganz amputiert, die Klitoris herausgeschnitten, die kleinen und grossen Schamlippen entfernt. Auch staatliche Verfolgungen konnten die Skopzen-Bewegung nicht aufhalten. Sie breitete sich in den zentralen russischen Gouvernements, aber auch bis nach Sibirien und in die Metropolen Moskau und StPetersburg aus. Im Gegenteil: Dass die zaristische Regierung die Sekte zu unterdrücken versuchte, verlieh dieser die Aura des Märtyrertums. Ihre Anhänger konnten mit Sympathien in praktisch allen Gesellschaftsschichten rechnen.

(Neue Zürcher Zeitung vom 1. Juni 2002)



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