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Mitte Oktober feierte die österreichische Kaiserstadt eine Reihe denkwürdiger Theatertage. Das alte Burgtheater, das seit etwa 112 Jahren im Dienste gestanden, wurde am 12. Oktober geschlossen, das neue am 14. Oktober eröffnet. Ein grellerer Gegensatz, als diese beiden Schauspielhäuser zu einander bilden, läßt sich unmöglich ersinnen. Im alten Hause nahm weder das verwitterte Gebäude, noch der Zuschauerraum, dessen einziger Schmuck acht einst vergoldete Sterne an der rauchgeschwärzter Decke waren, die Aufmerksamkeit des Publikums in Anspruch. Man hatte sich daselbst mit nichts als mit dem Stücke und dessen schauspielerischer Wiedergabe zu beschäftigen. Da überdies auch auf der Bühne bis zu Dingelstedts Zeit von einer schönen oder stilvollen Ausstattung keine Rede war, herrschte in diesem Musentempel das Wort mit unumschränkter Gewalt. Für das Auge war nichts gethan, dieses fand keine Gegenstände für etwaige Schaulust. Und Laube, der dem Burgtheater seine glanzvollste Epoche bereitete, hatte keinen Sinn für Aeußerlichkeiten. Er beging, was Möbel, Dekorationen u. dergl. betraf, geradezu absichtlich Sünden gegen den guten Geschmack, um darzuthun, daß hier die dramatische Dichtung das Scepter führe, wie Tapezierkünste aber als überflüssig angesehen würden. Unter Laube genoß das Orchester des Burgtheaters einen verzweifelt schlechten Ruf, aber das war ihm eben recht, denn am liebsten hätte er, wie er sich ausdrückte, „eine ganz stille Bude“ geleitet. Mit Dingelstedts cyklischen Unternehmungen kam ein Aufschwung in Beachtung von Kostümen, Zimmereinrichtungen etc., aber nach wie vor legte das schlecht beleuchtete, schlecht ventilirte, gesellschaftliche Neigungen der Besucher ignorirende Haus der Entfaltung wirklichen Prunkes enge Schranken auf.
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