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Wie fängt ein Mathematiker einen Löwen ? Ganz einfach: er schlägt um sich herum den Einheitskreis, und guckt, ob der Löwe drin ist. Wenn nein, dann spiegelt er das Kreisäussere an der Kreislinie ins Kreisinnere. Dann ist der Löwe drinn - und er ist draussen. Dieser mein Lieblings-Mathematiker-Witz sendet immer noch so manche Denkimpulse ins Oberstübchen:
Da ist ein Einheitskreis, dessen Kreislinie als Tabu zu bezeichnen ist. Innendrin ist Sex, und aussen der ganze Rest. Voneinander getrennt werden sie durch das Tabu - drinnen und draussen sollen nichts miteinander zu tun haben, heisst es. Wenn Sex über das Tabu nach draussen will, dann ist das Sexismus, sexuelle Belästigung, Mißbrauch. Wenn das von draussen nach innen will, in den Bereich der Sexualität, dann ist das Diskriminierung, Moralismus, Verklemmtheit, Spießigkeit.
Aber diese Kreislinie ist auch so eine Art Spiegel, wie in dem Witz: das Kreisäussere wird an der Linie des Tabus entlang ins Kreisinnere gespiegelt. Der Vorgang der Spiegelung nennt man Karnevalisierung: die Umgekehrung dessen, was ansonsten »draussen« gilt: Pisse ist nicht ekelig, sondern geil, Folter ist ok, und heisst SM, den andern als Sexobjekt behandelen, ist auch ok, und heisst: Dominat-devote Spielchen usw.
So kommt mir die Sexualität, die durch ihre Tabuisierung vom ganzen Rest abgesperrt worden ist, manchmal vor, wie eine sozialpsychologische Müllhalde, in die alles hineingeworfen, hineingequetscht wird, was »draussen« ausserhalb der Tabuzone nicht (mehr) erlaubt ist. Gewalt ist das beste Beispiel. Gewaltfreiheit ist einer der vielen postmodernen Fetische. Gewalt soll aus der Gesellschaft gefälligst vollkommen verschwinden - in welcher Form und zu welchem Zweck auch immer. Und in jener Zeit, in der einem schon Strafanzeigen angedroht werden, weil man seinem Hund mal die Leine überzieht, überschwemmen Rohrstockphantasien nicht nur den Assoziationsblaster. Wie wäre es, wenn das wirklich kein Zufall wäre ?
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