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Wolf Wondratschek
EIN DICHTER IN AMERIKA
Ich sitze
mit nacktem Oberkörper
einem Wolkenkratzer
gegenüber.
Der Wolkenkratzer sieht aus
wie ein Adventskalender
aus dem Jenseits.
Das dreizehnte Hotel
in vierzehn Tagen.
In San Francisco hin ein Schild im Bad,
darauf stand WASSER SPAREN
und darunter SEIT ACHT WOCHEN KEIN REGEN
und wenn man geschissen hatte,
was man schon mit schlechtem Gewissen tat,
und abzog, war der Druck gleich Null
und die Scheiße drehte sich immer nur im Kreis
und wenn man draufschaute,
sah es ekelhaft aus.
»Warum schreiben Sie solche Sachen?«
will jemand wissen.
Ich schließe die Augen,
denke an die Scheiße,
die mich auslacht
und lese das nächste Gedicht.
»In Ihren Gedichten« faucht eine Frau,
»sind Frauen nur Sexualobjekte!«"
Ich bin höflich.
»Finden Sie?«
»Ja, finde ich« faucht sie.
»Nicht alle«, sage ich, "nicht alle Frauen,
nur die besten!"
»Typisch« faucht sie.
Sie merkt, ich bin ein hoffnungsloser Fall.
Statt dessen interessiert mich eine andere Frau,
die auch zuhört. Sie schaut mich an
und ich schaue sie an und es ist, als hätten wir
beide zuviel getrunken.
»Und Sie« faucht die andere, »wollen ein Dichter sein?«
Aber ich lasse mich nicht mehr ablenken,
schiebe meine Hand in die Hosentasche
und bin sicher, sie spürt das.
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