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Im Spiegel beschlug das Glas langsam, als hätte der Raum selbst zu atmen begonnen. Sie stand barfuß auf den kalten Fliesen, die Chipstüte raschelte leise in ihrer Hand – ein viel zu lautes Geräusch für diese frühe Stunde.
„Du wolltest dich doch abschminken“, sagte er hinter ihr. Seine Stimme war ruhig, aber müde, als käme sie von weit her.
„Tue ich ja“, antwortete sie. Sie nahm noch einen Chip, kaute bedächtig. „Gleich.“
Er sah sie an, lange. Nicht anklagend, eher suchend.
„Isst du aus Hunger“, fragte er schließlich, „oder um nicht gehen zu müssen?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ist das ein Unterschied?“
Er trat näher, nahm ihr die Tüte ab, als handle es sich um etwas Zerbrechliches.
„Du versteckst dich“, sagte er leise. „In Salz, in Geräuschen, in diesen Minuten, die du ausdehnst, bis sie dir gehören.“
„Vielleicht“, entgegnete sie, jetzt schärfer. „Und vielleicht will ich einfach nicht immer funktionieren.“
Er schwieg. Dann legte er die Chips in den Mülleimer, langsam, ohne Triumph.
„Ich will nicht, dass du perfekt bist“, sagte er. „Ich will nur, dass du da bist.“
Sie drehte sich seinetwegen um. Zum ersten Mal trafen sich ihre Blicke im Spiegel.
„Und ich“, sagte sie, „will nicht, dass du mich antreibst, als wäre ich ein Zug, der sonst entgleist.“
Ein Moment lang hörte man nur das Tropfen des Wasserhahns.
„Wir haben es eilig“, sagte er schließlich, fast entschuldigend. „Vielleicht zu oft. Vielleicht immer.“
Sie strich sich mit einer hastigen Bewegung durchs Haar, wischte sich das Make-up vom Gesicht. Die Schminke blieb am Handrücken zurück wie ein zweites, falsches Leben.
„Dann lass uns wenigstens gemeinsam zu spät kommen“, sagte sie.
Er lächelte schwach.
„Das“, antwortete er, „wäre mir lieber als pünktlich und allein.“
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