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Bettina Beispiel schrieb am 2.6. 2001 um 00:26:52 Uhr über

Alkohol

Die Kurzgedichte des Bestiaire sind durch vier mit Orpheus überschriebene Gedichte in ebenso viele Abschnitte gegliedert, in deren Zentrum jeweils eine Tiergruppe steht: Der erste Abschnitt widmet sich verschiedenen Säugetieren, der zweite den Rotifères, cirons, insectes et microbes (Rädertieren, Maden, Insekten und Mikroben), der dritte den Wassertieren, der vierte den Vögeln. In jedem der Vier- bis Fünfzeiler wird ein Tier besungen bzw. kommt selbst zu Wort; die Fülle der dabei angedeuteten mythologischen Bezüge scheint zunächst im Kontrast zur einfachen Sprache des Bestiaire zu stehen. (Einige der mythologischen Verweise werden in einem kleinen, von Apollinaire selbst verfaßten Anhang der Sammlung erläutert.) Aber schon die Titelveränderung gegenüber der Zeitschriftenversion des Bestiaire legt nahe, daß es Apollinaire nicht um naturalistische Abbildung der Tierwelt geht, sondern daß die Tiermotivik hier im Kontext ganz anderer Absichten gesehen werden muß: Stand die Tierwelt der in ?La Phalange? veröffentlichten Sammlung schon durch ihren Titel La marchande des quatre saisons ou le bestiaire mondain (Die Händlerin der vier Jahreszeiten oder Das weltliche Bestiarium) ganz im Zeichen ihrer Diesseitigkeit, so rückt der neue Titel sowie die Umbenennung der mit La marchande (Die Händlerin) betitelten Gedichte zu Orphée ? eine direkte, bei Apollinaire durchweg eklektizistische Evokation verschiedener Aspekte des Orpheus-Mythos ? die Sammlung in einen Rahmen, in dem das Dichten selbst zum Thema werden kann. Daher sind die Gedichte nicht nur als charmante, oft sehr humorvolle Tiercharakterisierungen zu lesen, sondern das jeweilige Tier ist als Träger einer Bedeutungsvielfalt oft erst über den Bezug zu Orpheus zu verstehen. Im Gedicht La tortue (Die Schildkröte) wird beispielsweise jener Bezug durch die Erwähnung des Panzers hergestellt, aus dem, so erläutert Apollinaire in seinem Anhang, dem Mythos zufolge die Leier des Orpheus hergestellt war. Die Sirenen, als mythische Wesen im Abschnitt der Lufttiere zuerst besungen, fungieren über ihre Lieder primär als Gleichnis für den Dichter selbst, dem hier schon wie im übrigen Werk, vor allem in dem nur zwei Jahre früher erschienenen Roman ?enchanteur pourrissant (Der verwesende Zauberer) übermenschliche, z. B. seherische Qualitäten, zugesprochen werden. Eine weitere für Apollinaire wichtige Funktion der Dichtung manifestiert sich in jenem Motto, das er seinem Verleger in einem Brief vom 29. August 1910 für die Erstausgabe des Bestiaire vorschlug: »J'émerveille« (»Ich verzaubere«).


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